Polizei im Dritten Reich
  • Ein sogenanntes „Flitzerkommando“ der Hamburger Polizei 1935. Zu diesem Zeitpunkt sind Demokraten und Juden längst aus dem Polizeidienst entfernt
  • Foto: Staatsarchiv Hamburg

Antisemitismus bei Hamburgs Polizei: „Juden brauchen wir hier nicht“

Hamburgs Polizei bekennt sich zu ihrer unrühmlichen NS-Vergangenheit, legt, wie es Joachim Schulz, der Leiter des Polizeimuseums, formuliert, „den Finger in die eigene Wunde“. In der Ausstellung „Juden brauchen wir hier nicht“ wird die Geschichte 34 jüdischer Polizeibeamter erzählt, die in der NS-Zeit von ihren antisemitischen Vorgesetzten aus dem Amt gejagt, verfolgt, oftmals deportiert und ermordet worden sind. Vier ausgewählte Biografien stellt die MOPO Ihnen vor.

Zum Beispiel seine: Oswald Lassally. Er hatte Glück. Er überlebte den Nazi-Terror, verbrachte die Kriegsjahre in Südamerika und wurde später wieder in den Hamburger Polizeidienst übernommen. Aber das, was ihm im KZ Fuhlsbüttel angetan wurde, der Hölle auf Erden, hat er nie ganz verkraftet.

Lassally
Oswald Lassally (1899-1975) war Regierungsrat in der Polizeibehörde und wurde 1933 aus dem Dienst entfernt, weil er Jude war.

Oswald Lassally kam 1899 als Sproß einer hoch angesehen jüdisch-hanseatischen Kaufmannsfamilie auf die Welt. Sein Vater Eduard Lassally besaß im Hafen eine bedeutende Kaffee-Importfirma.

In München, Kiel und Hamburg studierte Oswald Lassally Jura und wurde 1928 zum Regierungsrat in der Hamburger Polizeibehörde ernannt.

Nazi-Polizist begeht Mordanschlag auf Polizeirat Oswald Lassally

Schon lange vor 1933 bekam Lassally den immer mehr um sich greifenden Antisemitismus in der Gesellschaft am eigenen Leibe zu spüren. 1931 wurde ein Mordanschlag auf ihn verübt – das Attentat zählt zu den spektakulärsten Nazi-Verbrechen in der Endphase der Weimarer Republik.

Zu dem Anschlag kam es, als Lassally einen Oberwachtmeister namens Friedrich-Franz Pohl in einem dienstrechtlichen Verfahren zur Rede stellte. Pohl wurde vorgeworfen, sich politisch für die NSDAP betätigt zu haben, was damals jedem Hamburger Polizeibeamten ausdrücklich verboten war. Pohl fühlte sich vom „jüdisch-provozierenden Tonfall“ des Regierungsrats „aufs Äußerste gereizt“, wie er später aussagte. Er habe keine Lust mehr gehabt, sich von „einem Juden“ vernehmen zu lassen. Also zog Pohl die Dienstwaffe und feuerte. Lassally wurde in den Bauch getroffen, er überlebte schwer verwundet.

Hamburger Echo
Diese Karikatur des Attentäters Pohl erschien am 31. Oktober 1931 im Hamburger Echo

Für Schlagzeilen sorgte nicht nur die Tat selbst, sondern auch der folgende Strafprozess. Denn Attentäter Pohl wurde nicht etwa wegen versuchten Mordes, sondern nur wegen versuchten Totschlags zu einer Gefängnisstrafe von zwei Jahren verurteilt. Vor allem Vertreter des politisch linken Spektrums sahen in dem milden Urteil einen Skandal und einen Beleg dafür, dass Richter – häufig selbst Gegner der Demokratie – dazu neigten, Straftaten von rechts zu bagatellisieren, während sie den Sozialdemokraten und Kommunisten nur zu gerne drakonische Strafen aufbrummten.

Am 5. März 1933 übernehmen die Nazi die Macht in Hamburg – Lassally wird gefeuert

Der Tag der Reichstagswahl am 5. März 1933 war eine entscheidende Zäsur – sowohl in der Geschichte der Stadt Hamburg als auch im Leben von Oswald Lassally. Nach Schließung der Wahllokale und noch bevor die Stimmen ausgezählt waren, besetzten SA-Einheiten das Hamburger Rathaus, das bis dahin von Sozialdemokraten und Liberalen gehalten wurde. Am selben Abend ernannte Reichsinnenminister Wilhelm Frick den SA-Standartenführer Alfred Richter zum Chef der Hamburger Polizei. Damit war die Nazi-Machtübernahme in der Stadt besiegelt.

Alfred Richter begann schon am nächsten Tag mit der „Säuberung“ seiner Behörde: Demokratisch gesinnte Polizeibeamte und Juden wurden beseitigt. Zu den Ersten, die ihr Büro zu räumen hatten, gehörte Lassally. Zunächst wurde er nur beurlaubt. Zum 31. Oktober 1933 schließlich versetzte Richter ihn in den Ruhestand.

Alfred Richter
Ein Nazi wird neuer Polizeichef: Alfred Richter beurlaubt Oswald Lassally

Von Anfang an ahnte Lassally, dass die Nazis mehr vorhatten, als ihm nur den Posten zu nehmen. Sie würden ihm bei erstbester Gelegenheit die Existenzgrundlage entziehen, das war klar. Und 1937 war es so weit: Die Gestapo verhaftete Lassally und sperrte ihn ins KZ Fuhlsbüttel. Später wurde er wegen „Rassenschande“ vor Gericht gestellt: Der Beklagte gab zu, dass er seit 1935 eine Liebesbeziehung mit einer nicht-jüdischen Frau namens Hertha Putziger hatte. Dies war nach den Nürnberger Rassegesetzen verboten.

Lassally wird vor die Wahl gestellt: Auswandern oder ins KZ

Nach drei Jahren Haft wurde Lassally am 19. Januar 1940 freigelassen und anschließend von der Gestapo vor die Wahl gestellt: entweder das Land zu verlassen oder wieder ins KZ gesperrt zu werden.

Inzwischen hielt Lassally ohnehin nichts mehr in Deutschland: Seine Brüder hatten sich mitsamt Familie ins Ausland abgesetzt. Sein 85-jähriger Vater hatte sich im Juli 1939, nachdem er gezwungen worden war, sein Unternehmen weit unter Wert an einen „Arier“ zu verkaufen, das Leben genommen, indem er vom Anleger Rabenstraße in die Alster sprang.

Nun zog der Sohn die Ausreise dem KZ vor: Am 10. März 1940 – inzwischen tobte der Zweite Weltkrieg – verließ Oswald Lassally Deutschland in Richtung Osten. Über die Sowjetunion und Japan reiste er weiter nach Brasilien, wo er sich in Porto Alegre an der Grenze zu Uruguay niederließ und ein Briefmarkengeschäft eröffnete.

1947 gelang es Lassally die brasilianischen Behörden davon zu überzeugen, Hertha Putziger einreisen zu lassen: Nach zehn (!) Jahren sahen sich die Liebenden erstmals wieder und heirateten noch im selben Jahr.

Polizei Hamburg 1950
Hamburger Polizeibeamte mit Streifenwagen etwa im Jahr 1950

Lassallys langjährige Bemühungen, wieder in den Hamburger Polizeidienst zurückzukehren, wurden 1950 endlich von Erfolg gekrönt. Der Hamburger Senat ernannte ihn zum Leitenden Regierungsdirektor und zum Beamten auf Lebenszeit. Lassally war bis zu seiner Pensionierung 1961 Chef der Rechtsabteilung der Hamburger Polizei.

Seinen Lebensabend verbrachte das Ehepaar Lassally auf den Kanarischen Inseln. Oswald Lassally starb 1975 in München.

Carl Riemann: Er endete in der Gaskammer

Carl Riemann
Carl Riemann heiratet eine Jüdin und wird angefeindet. Die Nazis ermorden ihn im Rahmen der Euthanasie – er ist seelisch krank

Carl Riemann, geboren 1893, war Leutnant der Ordnungspolizei. Er war mit einer Jüdin verheiratet. Furchtbare Erlebnisse als Soldat im Ersten Weltkrieg (Schläfenstreifschuss, verschüttet im Schützengraben, Malaria) und die Anfeindungen aus dem Offizierskorps wegen seiner jüdischen Frau führten bei Riemann zu psychischen Problemen. Deshalb ließ er sich 1930 in den Ruhestand versetzen und kaufte sich ein Haus in der Lüneburger Heide. 1934 kam Riemann zwangsweise in die Psychiatrie und hat in verschiedenen „Irrenanstalten“ in Hamburg und Umgebung gelebt. Zusammen mit 116 anderen männlichen Patienten wurde Riemann im März 1941 in die Tötungsanstalt Schloss Sonnenstein bei Pirna verbracht. Dort wurden die „Patienten“ aufgefordert, Duschräume im Keller aufzusuchen, bei denen es sich allerdings um getarnte Gaskammern handelte. Riemanns Totenschein wurde auf den 24. März 1941 ausgestellt.

Kurt Cohn floh und wurde Feuerwehrchef in Haifa

Kurt Cohn
Kurt Cohn flieht 1933 nach Palästina, kehrt aber nach dem Krieg nach Hamburg in den Polizeidienst zurück

Kurt Cohn, geboren 1910, wurde 1933 aus der Hamburger Ordnungspolizei entlassen und floh mit seiner Frau über Dänemark nach Haifa in Palästina, wo er für die Eisenbahn und die Polizei arbeitete. 1945 wurde er stellvertretender Leiter der Feuerwehr Haifa. 1950 kam er zurück nach Hamburg und wurde wieder eingestellt. Aufgrund der langen Emigration hatte Kurt Cohn Schwierigkeiten mit der deutschen Rechtschreibung. Er sollte daher nicht in den gehobenen Dienst übernommen werden. Ein Gericht entschied aber, dass er als stellvertretender Feuerwehrchef seine Eignung als Polizeikommissar bewiesen habe. Cohn beendete seinen Dienst bei der Polizei als Polizeihauptkommissar und Revierführer in Volksdorf. Da er und seine Frau 1934 nicht heiraten durften, heirateten sie 1951 in Wandsbek und ließen ihre „freie Ehe“ nachträglich anerkennen. Sie galt daraufhin schon als 1934 geschlossen, wodurch die zwei Kinder ehelich wurden.

Otto Stern war einer der besten Mittelstürmer der Stadt

Otto Stern
Otto Stern auf einem Foto aus dem Jahr 1960. Er war in den 20er Jahren ein ausgezeichneter Mittelstürmer. Als Jude musste er den Polizeidienst verlassen.

Otto Stern, geboren 1899, galt in den 1920er Jahren als einer der besten Mittel­stürmer Hamburgs und spielte für die Sportvereinigung Polizei. Seine Frau betrieb die Kantine am Polizeistadion in Groß Borstel. Als „jüdischer Mischling“ aus dem Polizeidienst entlassen, musste er Zwangsarbeit leisten. Als er sich weigerte, wurde er für vier Wochen ins KZ Fuhlsbüttel gesperrt. 1940 wurde er zu einer Geldstrafe von 50 Reichsmark verurteilt, weil er nicht den Zweitvornamen „Israel“ angenommen hatte, was Vorschrift war. 1944 deportierten ihn die Nazis ins Ghetto Theresienstadt, wo er von sowjetischen Truppen befreit wurde. Aus gesundheitlichen Gründen konnte er später nicht in den Polizeidienst zurückkehren. Er bewirtschaftete mit seiner Frau die Viktoria-Kaserne der Polizei in Altona. Nach dem Krieg baute er die Fußballabteilung bei der Sportvereinigung Polizei wieder auf. Er starb 1989.

„Antisemitismus geht uns alle an, wir dürfen nicht wegschauen“

„Der Antisemitismus war und ist in Deutschland wieder allgegenwärtig“, sagt Joachim Schulz, der Leiter des Polizeimuseums. „Mit dieser Ausstellung wollen wir dazu beitragen, dass wir nicht vergessen, sondern hinschauen und deutlich machen, dass Antisemitismus uns alle angeht und wir gemeinschaftlich dafür einstehen, dass Antisemitismus nirgendwo geduldet wird.“

Die Ausstellung, die bis zum 7. Januar zu sehen ist, versteht sich als Teil der Feierlichkeiten „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. Der Satz „Juden brauchen wir hier nicht!“, den das Polizeimuseum als Titel gewählt hat, ist kein aus der Luft gegriffenes oder gar erfundenes Zitat. Es sind vielmehr genau die Worte, die der Hamburger Polizeihauptwachtmeister Rudolf Cracauer – ein Jude – bei seiner Musterung durch das Militär zu hören bekam.

Martin Bähr
Martin Bähr: Der Ex-Kriminaldirektor hat drei Jahre die Schicksale jüdischer Polizeibeamter während der NS-Zeit erforscht.

Noch nie wurde in Hamburg verfolgten jüdische Polizisten eine Ausstellung gewidmet. Und ohne ihn wäre das wohl auch nicht geschehen: Kriminaldirektor a. ​D. Martin Bähr. Der 63-Jährige war bis 2018 im Polizeidienst tätig, leitete zuletzt die Polizeikommissariate Billstedt, Harburg und Poppenbüttel. Davor hatte er dienstlich unter anderem mit den gefälschten Hitler-Tagebüchern (1983-1985) und mit Ermittlungen zur Hamburger 9/11-Terrorzelle zu tun.

Drei Jahre hat Martin Bähr die Schicksale von jüdischen Polizeibeamten erforscht

Bähr erzählt, dass er irgendwann nach seiner Pensionierung einen Zeitungsartikel über Stolpersteine gelesen und sich dann gefragt habe, ob es eigentlich auch Stolpersteine für ehemaligen Polizeibeamte gibt. „Da niemand mir die Frage zur Zufriedenheit beantworten konnte, habe ich mich im Staatsarchiv auf die Suche begeben.“

Mithilfe von Personalakten der Polizei und Wiedergutmachungsakten gelang es Bähr in dreijähriger Forschungsarbeit, die Lebenswege von jüdischen Polizeibeamten und ihren Familien detailliert nachzuzeichnen. „Es sind Schicksale von einfachen Ordnungs- und Wasserschutzpolizisten, Kriminalbeamten und Polizeioffizieren“, sagt er. Darunter sind auch sehr außergewöhnliche Karrieren, beispielsweise die von Hans Flatau, der den Erkennungsdienst leitete, oder Oswald Lassally, der als Regierungsrat in der Polizeibehörde angestellt war und ganz offensichtlich hervorragende Arbeit geleistet hat.

Laut Bähr wurden nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten rund 600 Polizisten und Polizeimitarbeiter aus politischen Gründen entlassen. Weitere 40 bis 60 Entlassungen erfolgten aus rassischen Gründen. Es habe ihn erstaunt, so Bähr, dass sich diese Männer trotz aller Demütigungen und Ablehnungen nach dem Zweiten Weltkrieg um eine Wiederanstellung bemühten. Alle Betroffenen hätten mit dem ungerechtfertigten Rauswurf gehadert, seien in existenzielle Notlagen geraten, sehr viele zerbrachen seelisch oder wurden krank.

„Nazis haben vergessen, Polizeimeister Cohn zu vergasen“

Antisemitimus war in der Polizei auch nach Ende der NS-Zeit ein großes Thema. Die in den Dienst zurückgekehrten jüdischen Beamten hätten es nach 1945 nicht leicht gehabt, so Bähr, denn nun mussten sie Seite an Seite mit solchen Polizisten Dienst tun, die überzeugte Nationalsozialisten gewesen waren. Nicht selten habe es antisemitische Ressentiments gegenüber den wiedereingestellten Kollegen gegeben. So berichtete beispielsweise Kurt Cohn, dass 1951 ein Kollege lauthals die Bemerkung habe fallen lassen: „Polizeimeister Cohn hat man vergessen zu vergasen.“

Polizeimuseum Hamburg, Carl-Cohn-Straße 39 (Winterhude), Tel. 4286-24153, wwww.polizeimuseum.hamburg.de. Geöffnet Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Sonntag, 11-17 Uhr. Es gilt die 3G-Regel.

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