Vor 22 Jahren verschwunden: Hilal Ercan aus Lurup
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Hilal aus Hamburg: Nach 22 Jahren will der Bruder der Vermissten den Fall lösen

Die Zeit heilt alle Wunden, sagt man. Was für ein Quatsch! Die Zeit heilt gar nichts. Sie macht alles nur noch schlimmer. Jedenfalls für Kamil Ercan, seine Frau Ayla und ihre Kinder Fatma, Abbas und Derman. Sie sind schon vor langer Zeit weggezogen aus Lurup, aber wegzulaufen hat gar nichts genützt. Die Gedanken sind mit umgezogen. Jeden Tag wachen die Familienmitglieder mit demselben Schmerz auf. Sie zermartern sich das Hirn. Alles dreht sich für sie nur um diese eine Frage, und das seit 22 Jahren: Wo ist Hilal?

Abbas Ercan – er ist ein Jahr älter als seine vermisste Schwester – hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, den Fall zu lösen. Wenn es die Polizei schon nicht schafft, dann er. Jedes Jahr im Januar meldet er sich in den Zeitungsredaktionen und erinnert daran, dass sich Hilals Verschwinden jährt und bittet um Berichterstattung. Er gibt die Hoffnung nicht auf, dass sich vielleicht doch noch Zeugen melden. Oder aber – darauf setzt er in erster Linie – der Täter sein Gewissen erleichtern will.

Hilal Ercan

Vor 22 Jahren verschwunden: Hilal Ercan aus Lurup

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„Mörder, sag uns endlich, wo ihre Leiche ist!“

Abbas Ercan, der Bruder Hilals

Abbas Ercan (34), der Bruder Hilals: Er will den Fall jetzt aufklären

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Olaf Wunder

An ihn, den Mörder – und Abbas Ercan ist sich sicher, dass er weiß, wer er ist – richtet der 34-Jährige auch dieses Jahr wieder seinen Appell: „Nenn uns den Ort, an dem du ihre Leiche verscharrt hast.“ Abbas provoziert den Täter, indem er ihn einen „großen Feigling“ nennt. „Du bist wie eine kleine Maus, die sich in einem Loch verkriecht. Ich gebe dir jetzt die Chance, einmal in deinem Leben etwas Richtiges zu tun. Du hast doch sowieso nichts zu verlieren. Du wirst da, wo du bist, sowieso nie wieder rauskommen. Also sei endlich ein Mann und gib uns die Chance, Hilal ordentlich zu begraben, von ihr Abschied zu nehmen, damit unser Leiden ein Ende hat. Wenn du uns dabei hilfst, dann kann ich dir vielleicht sogar verzeihen.“

Dirk A. hat das Geständnis 2005 zurückgezogen

Dirk A.: hat die Tat gestanden, dann das Geständnis aber widerrufe

Dirk A. hat den Mord an Hilal 2005 gestanden, das Geständnis dann aber widerrufen. Er sitzt in der geschlossenen Psychiatrie wegen mehrfachen Kindesmissbrauchs.

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dpa

Der Mann, den Abbas Ercan hier so direkt anspricht, sitzt wegen mehrfachen Kindesmissbrauchs seit vielen Jahren in der geschlossenen Psychiatrie. Ein Mädchen hat er um ein Haar erdrosselt, dann aber doch von ihr abgelassen. Ob er, der heute 47-jährige Anstreicher Dirk A., Hilal ermordet hat? Keiner weiß es genau. Gestanden hat er es. Aber sein Geständnis widerrufen auch.

Polizei sucht nach Hinweisen im Fall Hilal Ercan

5000 Euro Belohnung gibt es für Hinweise, die zur Aufklärung des Verbrechens führen

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Wer lang genug in Hamburg lebt, der sieht dieses Foto noch vor sich: Das Bild eines hübschen zehnjährigen Mädchens mit langen braunen Haaren, vergnügten Augen und einem lachenden Mund. Es war auf Flugblättern abgebildet, wurde zigtausendfach in Zeitungen abgedruckt und bei „Aktenzeichen XY ungelöst“ ausgestrahlt – alles ohne Erfolg. Hilal ist seit vielen Jahren das einzige Kind in Hamburg, das verschwand und nicht wenigstens tot wieder auftauchte. Der Fall – er klebt wie Pech an der Hamburger Polizei.

169 Schritte trennen Wohnung und Einkaufspassage

Es ist der 27. Januar 1999. Schauplatz Lurup. Die Familie Ercan wohnt im Hochhaus Spreestraße 1 im siebten Stock. Das Einkaufszentrum an der Elbgaustraße ist direkt gegenüber, nur 169 Schritte entfernt. Sprichwörtlich ein Steinwurf. Und trotzdem ist der Weg weit genug, dass ein Mädchen verschwinden kann. Spurlos. So, als hätte es nie existiert.

Spreestraße 1: Hier hat Hilal mit ihren Eltern 1999 gewohnt.

Spreestraße 1: In diesem Haus haben Hilal und ihre Familie 1999 gewohnt. Die Elbgaupassage ist direkt gegenüber, auf der anderen Straßenseite.

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Olaf Wunder

Hilal ist an diesem Tag mit einem guten Schulzeugnis nach Hause gekommen. Ihr Papa erlaubt ihr, sich Geld aus der Schüssel über dem Fernseher zu nehmen und sich was zu kaufen. Eine Mark nimmt sie sich und macht sich auf den Weg.

Ob sie im Supermarkt angekommen ist? Die Kassiererin kann sich nicht erinnern. Die Polizei stellt aber fest, dass ein Kunde an der Kasse eine Mark für ein Päckchen „Hubba Bubba“-Kaugummis mit Cola-Geschmack bezahlt hat – die Lieblingssüßigkeit Hilals.

Elbgaupassage: Auf dem Rückweg vom Einkauf verschwand Hilal

Elbgaupassage: Das Einkaufszentrum befindet sich direkt gegenüber vom Wohnhaus, in dem Hilal und ihre Familie damals lebten. Sie kam 1999 vom Einkauf nicht mehr zurück

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„So schreit nur ein Kind, das sich wehrt. Ich vergesse das nie“

Ein Gemüsehändler erinnert sich, das Mädchen auf dem Rückweg nach Hause gesehen zu haben. Schließlich beobachten zwei Busfahrer, wie ein großer Mann mit rotblondem Haar – Typ Wikinger – ein schwarzhaariges Kind in seinen dunklen grünblauen BMW zerrt. Und eine Frau, die an der Spreestraße wohnt, hört Schreie. „Ich stand in der Küche und habe gekocht“, so Monika Vietzen . „So schreit nur ein Kind, das sich wehrt. Dann sah ich den dunklen BMW wegfahren. Das vergesse ich nie.“

Hilal kommt vom Einkaufen nicht mehr nach Hause. Erst machen sich die Eltern auf eigene Faust auf die Suche, dann alarmieren sie die Polizei. Wenige Tage nach Hilals Verschwinden beginnt eine der größten Fahndungsaktionen der Hamburger Kriminalgeschichte. Hundertschaften der Polizei durchkämmen Stadtteile und Waldgebiete – ohne Ergebnis.

Hilal Ercan

Mit diesem Foto wurde überall nach Hilal gesucht – ergebnislos.

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Wer war der anonyme Anrufer vom 3. Februar 1999?

Dann der erste Hoffnungsschimmer: Am 3. Februar 1999 gegen 17 Uhr, also etwa eine Woche nach dem Verschwinden, meldet sich ein anonymer Anrufer bei den Eltern. Später kommt heraus, dass er von einer Telefonzelle an der Hohen Weide in Eimsbüttel angerufen hat. Der Mann sagt, er habe Hinweise auf Hilals Verbleib. Die Eltern sollen zur U-Bahn-Haltestelle Christuskirche kommen. Als die Eltern eintreffen, ist dort gerade ein Polizeieinsatz bei einer Haspa-Filiale. Ob das den Mann abgeschreckt hat? Er erscheint jedenfalls nicht.

Anfangs hält die Sonderkommission „Morgenland“ mit ihren zeitweise 20 Ermittlern auch ein Familiendrama für möglich. Wurde das Kind etwa in die Türkei entführt? Sowohl die Großmutter als auch ihr getrennt lebender Mann geraten in Verdacht. Rund einhundert türkische Polizisten, assistiert von Kripo-Beamten aus Hamburg, durchsuchen in Izmir, Samsun, Gaziantep und Nizip Dutzende Häuser nach einem vermuteten Versteck.

Doch es stellt sich schnell heraus: Die Polizei ist auf dem Holzweg. Die Familie hat mit der Sache nichts zu tun. 

Aber wer dann?

Drei Jahre nach Hilals Verschwinden gerät ein junger Türke ins Visier der Ermittler, der in Lurup ein 13-jähriges Mädchen missbraucht hat. Angeblich war er mit Hilal bekannt. Doch so vielversprechend der Ansatz ist – er führt zu nichts.

2003 hält die Polizei den damals 31-jährigen Computerspezialisten Hans-Joachim Q., inzwischen Insasse der Strafanstalt Fuhlsbüttel, für verdächtig. Q. ist zu sieben Jahren Haft verurteilt, weil er in Lohbrügge am 7. Mai 1999, also vier Monate nach Hilals Verschwinden, ein elfjähriges Mädchen vor einem Supermarkt abgefangen und sexuell missbraucht hat. Genau dieselbe Vorgehensweise. Aber mit Hilals Verschwinden, so stellt sich heraus, hat Q. wohl nichts zu tun.

2005 gesteht Dirk A. die Tat – und widerruft sein Geständnis

Suche nach Hilal Ercan

Nach dem Verschwinden Hilal Ercans beginnt eine der größten Suchaktionen in der Geschichte der Hamburger Polizei.

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Haeselich

Die Polizei überprüft sämtliche bekannten Fälle von Kindesmissbrauch und Pädophile, darunter auch den Anstreicher Dirk A. vom Osdorfer Born, der im Jahr 2000 in Haft kommt, nachdem er sieben Mädchen missbraucht und eins fast umgebracht hat. A. kann für den Tag von Hilals Verschwinden ein Alibi vorweisen: Sein Arbeitergeber Timur E. –, der auch sein Schwager ist – bestätigt, dass Dirk A. am fraglichen Tag auf einer Baustelle in Elmshorn gearbeitet hat. Die Beamten geben sich damit zufrieden, verfolgen die Spur nicht weiter. Rückblickend betrachtet ein großer Fehler.

Denn fünf Jahre später gibt derselbe Mann in der Haft aus heiterem Himmel zu, Hilals Mörder zu sein. Er gesteht, die Zehnjährige in seinem BMW erwürgt zu haben, weil sie seinen „sexuellen Wünschen nicht nachgekommen“ sei. Die Polizei fragt jetzt – endlich! – beim Schwager nach, ob es vielleicht doch möglich sein könnte, dass A. damals die Baustelle zwischendurch verlassen hat. Das will der nicht ausschließen. Damit ist das Alibi geplatzt.