Hamburg: Katharina Fegebank (r), Zweite Bürgermeisterin und Spitzenkandidatin der Grünen mit Parteichefin Annalena Baerbock auf der Wahlparty der Grünen im Knust in Hamburg.
  • Hamburg: Katharina Fegebank (r), Zweite Bürgermeisterin und Spitzenkandidatin der Grünen mit Parteichefin Annalena Baerbock auf der Wahlparty der Grünen im Knust in Hamburg.
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Hamburgs verrückte Wahl: Ein Sieger und viele, viele Verlierer

Was für eine verrückte Wahl: Laut aktueller Hochrechnung hat die SPD mit Abstand am meisten Prozentpunkte verloren – und doch sind die Genossen die großen Gewinner des Tages. Die Grünen dagegen haben am meisten dazugewonnen – und stehen doch an der Seitenlinie. Die CDU hat eine historische Klatsche kassiert, die FDP muss zittern – und die AfD fliegt offenbar doch nicht erstmals wieder aus einem Landesparlament raus!

Eines ist kurz nach Schließung der Wahllokale klar: Bürgermeister Peter Tschentscher wird auch künftig die Stadt regieren. In der 20.47-Uhr-Hochrechnung von „infratest dimap“ für die ARD liegt die SPD bei 38,9 Prozent – ein Minus von sieben Prozent und dennoch ein großer Erfolg. Tschentscher hat es geschafft, mit einem engagierten Wahlkampf und taktischem Geschick das Ruder rumzureißen und der Republik zu zeigen, dass die SPD immer noch Volkspartei sein kann.

So hat die Hamburger SPD die Wahl gewonnen

Und das Rezept dafür ist ganz einfach: Versprechen halten, Politik für die Mitte und die Mehrheit machen, mit klarer Abgrenzung nach Rechts und Links, bei Innerer Sicherheit klare Kante, beim Verkehr keine radikalen Experimente machen. Und bei grünen Themen den größten Konkurrenten einfach kopieren und ihm so die Luft abschnüren.

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Die Analyse der Wählerwanderung zeigt: Die SPD konnte besonders Nichtwähler mobilisieren – und bei CDU und FDP wildern. Und dann konnte die SPD vor allem bei älteren Wählern punkten. 

Hamburgs Grüne: Gewonnen und doch verloren

Die Grünen sind mit Abstand größter Wahlsieger, kommen in der „infratest“-Hochrechnung auf 24,4 Prozent! (+12,1 Prozentpunkte). Doch so ganz groß können die Grünen trotzdem nicht feiern. 

Denn sah es vor wenigen Wochen noch so aus, als könnten sie die SPD aus dem Bürgermeister-Sessel vertreiben, stehen sie jetzt an der Seitenlinie und müssen hoffen, dass Tschentscher weiter auf Rot-Grün setzt und nicht mit der CDU koaliert, was problemlos möglich wäre.

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Hamburg: Katharina Fegebank (r), Zweite Bürgermeisterin und Spitzenkandidatin der Grünen mit Parteichefin Annalena Baerbock auf der Wahlparty der Grünen im Knust in Hamburg.

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„29:29“ bejubelte Spitzenkandidatin Katharina Fegebank noch im Januar eine Umfrage, die die Grünen gleichauf mit der SPD sah. Doch dann begann der Wahlkampf – und mit ihm der Sinkflug. 

Mehr Macht und mehr Posten für Hamburgs Grüne

Die Plakate („Für Kima“, „Für Mieten“) sahen schick aus, waren aber inhaltlich schwach. Themen spielten ausgerechnet bei der grünen Themen-Partei kaum eine Rolle, die Partei setzte auf gute Laune statt Attacke. Und dann war alles auf Fegebank zugeschnitten – die aber in Umfragen stets weit abgeschlagen hinter Tschentscher landete.

Doch bei aller Enttäuschung ist auch klar: Bleibt es bei Rot-Grün, wofür sich sowohl Tschentscher als auch Fegebank noch am Sonntagabend aussprachen, bekommen die Grünen mehr Macht und mehr Posten – kein Grund also, den Kopf in den Elbschlick zu stecken.

weinberg treuenfels

Konnten beide nicht überzeugen: Wahlwerbung von Marcus Weinberg (CDU) und Anne von Treuenfels (FDP) für die Bürgerschaftswahl 2020 in Hamburg.

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imago images/Manngold

Sie sei „sprachlos“ und „gerührt“, sagte Fegebank um kurz nach 18 Uhr am Sonntagabend gut gelaunt. Sie wolle sich das „Ergebnis jetzt nicht madig machen lassen“, so Fegebank zu ihrer persönlichen Niederlage gegen Tschentscher. Die Grünen haben Wähler vor allem von der SPD gewonnen – und punkteten bei Jüngeren und Frauen. Auf der Wahlparty wurde am Ende ausgelassen gefeiert, inklusive Stage-Diving von Fraktionschef Anjes Tjarks.

Historische Klatsche für Hamburgs CDU

Ein weiterer verrückter Aspekt dieser Wahl: Die Aussicht auf eine grüne Bürgermeisterin hat ausgerechnet der CDU am meisten geschadet. Für viele CDU-Anhänger war das offenbar das absolute Schreck-Gespenst. Und so registrierte die eh schon verunsicherte Partei, dass im Wahlkampf immer mehr Konservative zu Tschentschers SPD überliefen. 

CDU Wahl Hamburg

Bedröppelte Gesichter: Anhänger der CDU verfolgen in der CDU-Zentrale, dem Konrad-Adenauer-Haus, den Ausgang der Bürgerschaftswahlen in Hamburg.

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dpa

Da half es dann auch nichts, dass CDU-Spitzenkandidat Marcus Weinberg alle Flirt-Versuche Richtung Grüne einstellte und sich plötzlich Tschentscher anbiederte. Die Wähler quittierten dieses Rumgeeiere mit einer historischen Klatsche: Die einst stolze Elb-CDU, die 2004 unter Ole von Beust die absolute Mehrheit holte, liegt mit 11,2 Prozent in der letzten Hochrechnung nur noch knapp vor den Linken, die sich leicht auf 9,1 Prozent steigern. 

Hamburg-Wahl: AfD mit schlechterem Ergebnis

Und auch mancher FDP-Anhänger wird nach dem Wahlskandal von Thüringen sein Kreuz bei Tschentscher gemacht haben. Die FDP jedenfalls muss nach zwei Legislaturperioden um den Wiedereinzug in die Bürgerschaft zittern – die Liberalen liegen um 20.47 Uhr bei exakt 5 Prozent. Klarheit wird hier erst das amtliche Endergebnis zur Sitzverteilung gegen 22.30 Uhr bringen.

Wahl Hamburg

Hamburg: Freiwillige sortieren Stimmzettel in der Alsterdorfer Sporthalle. Rund 1,32 Millionen Menschen in Hamburg sind aufgerufen, eine neue Bürgerschaft zu wählen.

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Georg Wendt/dpa

Denkbar knapp auch das Ergebnis bei der AfD: Um 20.47 Uhr lagen die Rechten mit 5,1 knapp über fünf Prozent, 2015 holten sie 6,1 Prozent. Damit würde die Partei knapp den Einzug schaffen, nachdem es den Abend über erst so aussah, als flöge die Partei erstmals wieder aus einem Landesparlament. 

Wahl in Hamburg: Die Wahlbeteiligung steigt

Und dann wäre da noch die Wahlbeteiligung: Sie liegt mit rund 62 Prozent höher als 2015 (56 Prozent) – was zeigt, dass die Wähler in bewegten Zeiten auch wieder stärker an die Urnen strömen. Erstmals durften auch 16-Jährige wählen – insgesamt 27.000 Minderjährige waren wahlberechtigt. Sie wählten vor allem die Grünen, und vor allem nicht die AfD. Die landete bei den Erstwählern nur bei zwei Prozent.

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