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Christiane (r.) und Katharina, ehrenamtliche Helferinnen beim Hamburger Kältebus, sprechen im U-bahnhof Mundsburg einen Obdachlosen an (Archivbild).
  • Christiane (r.) und Katharina, ehrenamtliche Helferinnen beim Hamburger Kältebus, sprechen im U-bahnhof Mundsburg einen Obdachlosen an (Archivbild).
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Hamburger Winternotprogramm beginnt – doch es gibt Kritik

Das Winternotprogramm der Stadt Hamburg startet an diesem Dienstag. 800 Plätze für Obdachlose stehen zur Verfügung. Gleichzeitig rollt wieder der Kältebus, ein Projekt mit 65 ehrenamtlichen Helfern vom „CaFée mit Herz“. Doch es gibt auch Kritik.

„Wir gehen davon aus, dass wir in diesem Winter viel mehr Leute auf den Straßen antreffen werden“, sagte Projekt-Koordinatorin Christina Pillat-Prieß vom Kältebus. „Ich glaube, dass mehr Leute auf die Straße geraten sind durch die schlechte finanzielle Situation.“ Es seien auch mehr Menschen aus dem Ausland, vor allem aus Osteuropa, dazugekommen.

Der Kältebus hat warme Decken und Isomatten dabei und kann die Obdachlosen zu einer schützenden Unterkunft des Winternotprogramms fahren. In dieser Saison bietet die Stadt 400 Plätze in der Friesenstraße, 300 in der Halskestraße und 100 in Containern bei Kirchen und Hochschulen. Hinzu kommen laut Sozialbehörde ganzjährig verfügbare Notübernachtungsstellen wie das Pik As (330 Plätze) und eine Wohngelegenheit für Frauen in der Hinrichsenstraße (60 Plätze). Die Höhe der Gesamtkosten des Winternotprogramms steht nach Auskunft der Sozialbehörde noch nicht fest.

Linke äußert Kritik an Hamburger Winternotprogramm

Nach Ansicht der Linksfraktion ist das Winternotprogramm der Stadt nicht gut genug. „Es reicht eben nicht, den Menschen ein Angebot in Massenunterkünften zu machen, das sie nicht annehmen wollen“, kritisierte die sozialpolitische Sprecherin Stephanie Rose. „Stattdessen braucht es kleinere Unterkünfte mit Einzelzimmern – nur so ist der Schutz vor Corona gewährleistet und die Menschen haben die Chance, auch zur Ruhe zu kommen.“

Mit einem Antrag in der Hamburgischen Bürgerschaft will sich die Linksfraktion für ein „dezentrales, niedrigschwelliges und ganztägiges Winternotprogramm“ einsetzen. Der CDU-Abgeordnete Andreas Grutzeck forderte: „Zumindest die großen Unterkünfte müssen für Obdachlose auch tagsüber geöffnet sein.“ Die Sozialbehörde betonte, es gebe mit den Tagesaufenthaltsstätten ein Angebot vor 17 Uhr – zu diesem Zeitpunkt öffnen die Übernachtungsstellen und stehen bis zum Morgen zur Verfügung.

In den vergangenen Wochen sind Obdachlose auch in Containersiedlungen untergekommen. (Archivbild) dpa
Wohncontainer stehen auf dem Gelände für ein Winternotprogramm für Obdachlose im Stadtteil Niendorf.
In den vergangenen Wochen sind Obdachlose auch in Containersiedlungen untergekommen. (Archivbild)

Das Winternotprogramm kann laut Sozialbehörde nun wieder in dem Umfang stattfinden wie vor der Pandemie – 2019/2020 waren es 780 Plätze. Vorübergehende coronabedingte Ausweichkapazitäten an einem weiteren Standort – um etwa mehr Platz für Quarantänen zu haben – seien nicht mehr erforderlich, da sie bereits in der vergangenen Saison kaum genutzt worden seien. „Die Pandemie ist nun in einer anderen Phase, ein hohes Maß an Immunität und erprobte Hygienekonzepte zeigen das“, sagte Behördensprecher Martin Helfrich.

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Die Übernachtung erfolgt in der Regel in Zwei- und Dreibettzimmern. Ein kostenloser Bus-Shuttle verbindet die Innenstadt sowie die Standorte Friesenstraße und Halskestraße. „Es gab in den zurückliegenden Jahren nicht eine einzige Nacht, in der die Kapazitäten nicht ausreichend waren“, betonte Helfrich. Die Nutzung des Winternotprogramms ist laut Sozialbehörde kostenlos und auf Wunsch anonym.

Großteil der Wohnungslosen kommt nicht aus Hamburg

Anders als in zahlreichen anderen Großstädten seien die Übernachtungsmöglichkeiten für Wohnungslose nicht nur in Frostnächten geöffnet, sondern durchgängig von November bis März. „Dadurch wird es möglich, dass Obdachlose zum Beginn des Programms kommen, „ihr“ Bett beziehen und dieses auch wirklich durchgängig nutzen und dabei jeden Abend wieder zu ihrem Bett, Schrank und Zimmer zurückkehren können“, so Helfrich. Das sei gewünscht. „Denn unserer Erfahrung nach trägt das dazu bei, dass wir eine Beziehung aufbauen können, Beratung besser gelingt und wie den Menschen dadurch noch etwas besser helfen können, auch eine Anschlussperspektive zu finden.“

Zur Wahrheit gehöre aber auch: „Der große Teil obdachloser Menschen kommt nicht aus Hamburg“, sagte Helfrich. „Dass Menschen hier ,auf der Straße landen‘, weil sie ihren Wohnraum verloren haben, kommt zwar vor – ist aber sehr selten.“ Denn in diesen Fall greife meistens der Anspruch auf Sozialleistungen, bei dem auch Wohnraum bezahlt werde. Auch bedingt durch die europäische Freizügigkeit, gebe es immer wieder Menschen, die bei ihrer Ankunft in Deutschland von Beginn an obdachlos seien.

Die Außenansicht zeigt die neue Unterkunft für Obdachlose im Winternotprogramm in einem ehemaligen Hotel in der Halskestraße in Hamburg Billbrook. dpa
Die Außenansicht zeigt die neue Unterkunft für Obdachlose im Winternotprogramm in einem ehemaligen Hotel in der Halskestraße in Hamburg Billbrook.
Die neue Unterkunft für Obdachlose im Winternotprogramm in einem ehemaligen Hotel in der Halskestraße in Hamburg-Billbrook

Viele scheuten sich, das Winternotprogramm der Stadt zu nutzen – aus Furcht vor Corona, Diebstählen oder Aggressionen anderer Bewohner, meinte Pillat-Prieß vom Kältebus, der an sieben Tagen die Woche unterwegs ist. Bürger haben die Möglichkeit, per Telefon auf Wohnungslose aufmerksam zu machen, die gefährdet sein könnten. Die telefonische Erreichbarkeit geht von 19 Uhr bis Mitternacht.

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Die Helfer sind nachts zu zweit unterwegs. Wie oft der Bus zu einem Einsatz gerufen wird, sei sehr unterschiedlich. An besonders eisigen Tagen können es nach Aussage von Pillat-Prieß schon einmal 30 bis 50 Anrufe sein. Die Spendenbereitschaft für den Kältebus sei glücklicherweise kaum zurückgegangen. (dpa)

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