• In dem Hamburger Projekt der Dekra Academy arbeiten rund 50 Menschen, die alte Spielsachen reparieren und Kindern von bedürftigen Eltern schenken.
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Hamburger Projekt: Toys Company haucht altem Spielzeug neues Leben ein – für Bedürftige

Harburg –

Eltern kennen das: Die Kinder werden größer und die alten Spielsachen stapeln sich im Keller. Zum Wegwerfen zu schade, für den Flohmarkt zu kaputt oder zu unvollständig. In Hamburg werden diese Spielsachen wieder hübsch gemacht – und regelmäßig an Bedürftige verschenkt.

Der Arbeitsplatz von Melanie Rattay ist übersät mit Lego und Playmobil. Ob in den Regalen vor, neben und hinter ihr – überall stehen kleine Dosen und große Boxen mit säuberlich nach Farben und Formen sortierten Teilen. Ein Schlaraffenland für geduldige Bastler. Direkt vor ihr auf dem Schreibtisch wartet ein etwa 30 Zentimeter hohes Kreuzfahrtschiff. Gerade zählt die 42-Jährige durch, ob alle Teile des Sets da sind. Von der Handtasche über die Blumenvase und den Rettungsring bis zur Wasserrutsche. „Das ist ein richtig großes Teil und es sind alle Teile da. Das bringt richtig Spaß.“ Rattay ist als sogenannte Ein-Euro-Jobberin Mitarbeiterin der Hamburger Toys Company.

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In dem Hamburger Projekt der Dekra Academy arbeiten rund 50 Menschen, die nach langer Arbeitslosigkeit in der Modellfirma wieder fit für den ersten Arbeitsmarkt gemacht werden sollen. Sie reparieren und reinigen alte Spielsachen und schenken sie Kindern von bedürftigen Eltern. Sechs Mal im Jahr dürfen diese sich aus den gut zwei Dutzend zimmerhohen und prall gefüllten Metallregalen im „Verkaufsraum„ in der Toys Company in Harburg zehn Spielsachen aussuchen. Hochwertige Spielsachen sind fünf Teile wert – so wie das Kreuzfahrtschiff beispielsweise. „Es ist im Grunde ein Riesenspielzeugladen, in dem man alles anfassen und rausholen kann“, sagt Projektleiter Daniel Fürstenberg dazu. Allerdings hat nicht jeder Zutritt. Nur Eltern mit einem gültigen Arbeitslosengeld-II-Bescheid dürfen rein.

Daniel Fürstenberg, Projektleiter der Toys Company im Stadtteil Harburg

Daniel Fürstenberg, Projektleiter der Toys Company im Stadtteil Harburg

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Daniel Bockwoldt/dpa

Hamburger Stadtreinigung unterstützt das Projekt

Und die Nachfrage ist groß. Doch das Angebot ist tatsächlich höher. Auch dank der Kooperation mit der Hamburger Stadtreinigung. In den Wochen vor dem 1. Advent können gebrauchte Bücher, Spiele, Autos, Räder, Puzzles und Co. an allen Recyclinghöfen der Stadt abgegeben werden. 2019 waren so 700 Kubikmeter Second-Hand-Spielsachen zusammen gekommen, das entspricht zehn zwölf Meter langen Hochseecontainern. In diesem Jahr könnte es ähnlich viel werden, sagt Fürstenberg. „Das reicht dann immer bis zum nächsten Sommer.“

Was im Corona-Jahr 2020 besonders auffällt: Viele abgegebenen Sachen sind sehr hochwertig. „Üblicherweise landen bei uns 60 Prozent verwertbare Dinge und 40 Prozent kommen direkt auf den Müll“, so Fürstenberg. In diesem Jahr seien bislang gerade einmal 22 Kubikmeter Schrott angefallen – bei bislang mehr als 416 Kubikmeter abgegebenem Spielzeug. Das sind nur 5,5 Prozent Müll. „Wir sind sprachlos. Das ist wirklich Wahnsinn.“ Ein Grund dafür könnten die vielen coronabedingt ausgefallenen Flohmärkte sein. Da blieb viel Gutes einfach im Keller und wird nun stattdessen für die Toys Company abgegeben.

Lager in Harburg: Wöchentlich kommt neues Spielzeug

Und so stapeln sich in den Lagern in Harburg derzeit nicht nur Schaukelpferde, Fahrräder, Buggys, Gesellschaftsspiele und Playmobil-Sets bis unter die Decken. „Wöchentlich kommen derzeit auch etwa 15 Carrera-Rennbahnen rein.“ Auch die werden von einem Experten aufgemöbelt, wenn nötig neu verkabelt und mit einsatzbereit gemacht. Ladenhüter sind dagegen Holzspielzeug und Puzzle mit mehr als 1000 Teilen. Kuscheltiere werden wegen Corona erst gar nicht angenommen.

Kunden stehen in der Toys Company im Stadtteil Harburg vor Regalen mit Spielzeug.

Kunden stehen in der Toys Company im Stadtteil Harburg vor Regalen mit Spielzeug.

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Daniel Bockwoldt/dpa

Melanie Rattay hat unterdessen mittlerweile eine Playmobil-Hochzeitskutsche in den Händen. Hier fehlen deutlich mehr Teile. Vor allem kleine. Doch bei der riesigen Auswahl auf ihrem Schreibtisch hat sie Ersatz für verlorene Zügel, Blumen oder Schleier schnell gefunden. Und wenn doch zu viele Teile von einem Bausatz fehlen, zaubert sie einfach ein eigenes Set. Bis zu 15 vollständige Pakete macht die Playmobil-Expertin so jeden Tag mit großer Fingerfertigkeit und Routine fertig. „Nur Burgen kann ich nicht mehr sehen. Das ist immer so eine Fummelarbeit.“

Hamburg: Toys Company beschäftigt Langzeitarbeitslose

Ob Elektriker, Lagerarbeiter, Bürokauffrau – bei der Toys Company bekommen die Langzeitarbeitssuchenden in der Regel für mindestens ein Jahr eine Arbeit, die ihrer Ausbildung und ihren Interessen entspricht. Rattay ist gelernte Kinderpflegerin und war zuletzt für ihre beiden Kinder mehr als zehn Jahre daheim. Nun will sie wieder durchstarten und sieht die Arbeit bei der Toys-Company als ideales Sprungbrett. Erste Bewerbungen hat sie schon geschrieben. „Ich bin glücklich darüber. Das war der richtige Start. Auf jeden Fall.“

Tobias Lucht, Leiter der Arche Hamburg, die jeden Tag rund 650 Kinder, Jugendliche und ihre Eltern betreut, hält das Projekt für eine gute Idee. „Wir stellen immer wieder fest, dass es in den Familien an alltags- und altersgerechtem Spielzeug fehlt.“ Dieses Angebot in Kombination mit einer Perspektive und einer Aufgabe für die Langzeitarbeitssuchenden hält Lucht für „bemerkenswert“. Deutschlandweit hat die Dekra-Akademie 28 dieser Projekte. Zwei davon im Norden.

Sportmoderatorin Monica Lierhaus: „Das ist fantastisch“

Auch die Sportmoderatorin Monica Lierhaus als diesjährige Patin der Aktion an den Hamburger Recyclinghöfen schätzt das Projekt vor allem, weil Kinder für Kinder sorgen. „Das ist fantastisch“, sagte sie im Oktober dazu. So könnten auch Kinder Weihnachtsgeschenke bekommen, deren Eltern sich solche Spielsachen sich sonst nicht leisten können. „Was für eine wundervolle Aktion.“ (dpa/sd)

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