• Hamburger Polizisten nach dem Massaker von Miedzyrzec. Sie prahlen mit ihrer Beute. Versteckt in einem Brotlaib haben sie einen Revolver gefunden, in einem anderen Juwelen.
  • Foto: Staatsarchiv HH

Hamburger Polizei-Bataillon 101: NS-Diktatur: Das Fotoalbum der Massenmörder

Jahrzehntelang sind sie unbeachtet geblieben, lagerten im Hamburger Staatsarchiv: teils unveröffentlichte Fotos, die zeigen, an welch abscheulichen Verbrechen sich Hamburger im Zweiten Weltkrieg beteiligten. Sie zeigen Menschen Sekunden vor ihrer Hinrichtung, sie zeigen unzählige Leichen und schließlich Täter, die feixen und lachen – und so wenig Schuldgefühle haben, dass sie die Bilder in ihre Erinnerungsalben kleben.

Die allermeisten von ihnen waren wohl im Grunde keine schlechten Kerle, nicht mal eingefleischte Nazis. Männer wie du und ich, Hafenarbeiter, Matrosen, Lageristen. Manche schon zu alt für den Kriegsdienst, so wurden sie eingezogen zum Hamburger Reserve-Polizei-Bataillon 101 und haben Verbrechen begangen, so unglaublich, dass einem das Blut in den Adern gefriert.

Hamburger Polizei-Bataillon 101: Fotoalbum aufgetaucht

13. Juli 1942. Das Örtchen Józefów im Distrikt Lublin. Am frühen Morgen richtet Bataillonskommandeur Major Wilhelm Trapp eine Ansprache an seine Männer. Er lässt keinen Zweifel daran, worum es sich bei diesem Auftrag handelt. „Solche Aktionen lieben wir nicht“, sagt er, „aber Befehl ist Befehl.“ Und wer sich dem nicht gewachsen fühle, solle sich auf der Stelle melden. Rund 15 bis 20 Männer haben den Mut vorzutreten. Sie müssen sich von ihren Kameraden später zwar einiges an Spott anhören, aber sie werden tatsächlich freigestellt und auch nicht bestraft.

Wurde in Polen hingerichtet: Kommandeur Wilhelm Trapp

Wurde in Polen hingerichtet: Kommandeur Wilhelm Trapp

Foto:

Staatsarchiv HH

Die übrigen werden in den nächsten Stunden zu Massenmördern. Sie fallen über den Ort her. Dringen in jedes Haus ein. Töten jeden, der Widerstand leistet. Erschießen Kranke und nicht Gehfähige in ihren Betten. Die übrigen werden auf dem Marktplatz zusammengetrieben, grüppchenweise in einen nahe gelegenen Wald gebracht. Dort müssen sie sich auf den Boden legen.

Die Uniformen der Hamburger sind mit Blut bedeckt

Die Polizisten haben Befehl, ihr Bajonett aufzupflanzen, es als Zielhilfe zwischen die Schulterblätter ihrer Opfer zu setzen. Eine Jüdin ruft: „Das könnt ihr nicht machen, ich bin auch Hamburgerin!“ Eine andere: „Was tut ihr hier? Wie ist das möglich, dass Deutsche so sind!“ Dann fallen Schüsse. Den ganzen Tag. Schädel fliegen auseinander. Die Uniformen der Schützen sind mit Knochensplittern, Gehirnteilen und Blutspritzern bedeckt. Ein Polizeibeamter bemerkt an seinem aufgepflanzten Seitengewehr ein halbes Kindergehirn. Er schnippt es mit dem Daumen weg und muss sich dann übergeben.

Massaker

Das Massaker von Lomazy: Juden beim Ausheben einer Grube. Hier findet anschließend die Massenerschießung statt.

Foto:

Staatsarchiv HH

Einer der Schützen sagt später aus, er habe immer zusammen mit demselben Kameraden Frauen und Kinder ermordet. Sein Kamerad habe zunächst die Mutter erschossen, und da ein Kind ohne seine Mutter nicht überleben könne, sei es ihm leichter gefallen, die Kinder zu erschießen.

1500 Menschen aus Józefów sterben an dem Tag

Am Abend dieses grauenvollen Tages sind mindestens 1500 Menschen aus Józefów – tot. Wahrscheinlich noch sehr viel mehr.

Das Massaker ist Teil der „Aktion Reinhard“ – Tarnname der systematischen Ermordung aller Juden und Roma im von Deutschland besetzten Polen. Zwischen Juli 1942 und Oktober 1943 werden rund 1,8 Millionen Juden sowie 50.000 Roma in die Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka deportiert und ermordet, bei manchen machen sich die Nazis diese Mühe nicht mal und töten sie noch in ihren Häusern.

Polizei-Bataillon 101 aus Hamburg tut, was befohlen wird

Genau dafür ist das Reserve-Polizei-Bataillon 101 aus Hamburg da. Und die Polizisten tun, was ihnen befohlen ist. Nach Józefów ereignet sich das nächste Massaker am 19. August 1942 in Lomazy: Dort werden die Todgeweihten, die nicht schon vorher beim Fluchtversuch ermordet worden sind, auf einem Schulhof zusammengetrieben und warten stundenlang in sengender Hitze – so lange, bis im nahe gelegenen Wald die Grube ausgehoben ist, in der sie sterben werden. Einer nach dem anderen.

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25. August 1942: Miedzyrzec. Weil sie den Namen nicht aussprechen können, nennen die Deutschen diesen Ort „Menschenschreck“ – sehr passend, denn bei der Aktion wird jeder Jude, der zu schwach ist, bis zur Bahnstation zu laufen, sofort erschossen. Die Leichen bleiben einfach am Straßenrand liegen. Die übrigen werden mit größter Brutalität in die Viehwaggons getrieben. „Wenn es nicht klappen wollte, wurde mit Reitpeitschen und Schusswaffen nachgeholfen. Die Verladung war einfach fürchterlich“, so ein Augenzeuge.

Mindestens 8000 Menschen wurden ermordet

Die Bilanz: Polizisten des Bataillons 101 ermorden während des Zweitens Weltkriegs mindestens 8000 Menschen. Am Mord von weiteren mindestens 30 000 Menschen und an der Deportation von wenigstens 50 000 Männern, Frauen und Kindern in Vernichtungslager sind sie ebenfalls beteiligt. Kein Wunder, dass manch einer der Täter Angst bekommt, irgendwann dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. „Als ich merkte“, sagt einer von ihnen später, „dass der Krieg verloren geht, dachte ich: Nun gnade uns Gott.“

Zunächst sieht es nach 1945 so aus, als kämen die Mörder-Polizisten ungestraft davon. Zwar wird Bataillonskommandeur Trapp in Polen zum Tode verurteilt und erhängt, aber in Westdeutschland macht die Justiz keine Anstalten, die Taten aufzuklären. Einige der Mörder sind sogar noch im Polizeidienst: Julius Wohlauf etwa, im Krieg Kompaniechef, leitet die Hamburger Verkehrserziehung, Wolfgang Hoffmann, ebenfalls Ex-Kompaniechef, ist zeitweise im Revierdienst, später als Lehrer an der Polizeischule tätig.

1967 kamen 14 Täter vor Gericht – keiner bekennt sich schuldig

Doch 1967 kommen die Täter doch noch vor Gericht: Insgesamt 14 Männer sitzen auf der Anklagebank. Schuldig bekennt sich keiner. Alle sagen, sie hätten doch nur ihre Befehle befolgt …

Bei Hausdurchsuchungen finden die Ermittler Fotoalben – voll mit Erinnerungsfotos vom Massenmord. Als Beweise werden sie Teil der Ermittlungsakten, und genau dort stoßen MOPO-Reporter auf sie.

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Nach einem Jahr Gerichtsverhandlung fällt 1968 das skandalöse Urteil: Fünf Angeklagte erhalten Zuchthausstrafen zwischen fünf und acht Jahren, die 1972 in zweiter Instanz noch deutlich reduziert werden. Sechs weitere Angeklagte werden zwar schuldig gesprochen, von einer Strafe aber sieht das Gericht ab.

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