Harald (55) lebt seit etwa einem Jahr in Hamburg. Er erzählt, wie es im Obdachlosen-Alltag aussieht.
  • Harald (55) lebt seit etwa einem Jahr in Hamburg. Er erzählt, wie es im Obdachlosen-Alltag aussieht.
  • Foto: Patrick Sun

Hamburger erzählt von der Obdachlosigkeit: „Ich war ganz unten: Es ist die Hölle“

Die Temperaturen in Hamburg liegen seit Tagen unter null Grad, für viele Obdachlose wird der Alltag auf der Straße immer härter und sogar lebensgefährlich. Deshalb hat die Stadt erst kürzlich das Winternotprogramm um 35 Betten erhöht, die innerhalb von wenigen Tagen belegt waren. Der Hamburger Harald (55) war ebenfalls obdachlos. Mit der MOPO sprach er über diese Zeit – und wie er sich jetzt herauskämpft.

Seit Anfang 2020 lebt Harald in Hamburg, gebürtig ist er aus dem Harz. Als Obdachloser hat er schon an vielen Stationen seines Lebens Halt gemacht. Bevor er im vergangenen Jahr in die Hansestadt zog, hat der 55-Jährige in Rostock gelebt.

Hamburger berichtet: So lebt es sich als Obdachloser

In Hamburg angekommen, wurde ihm ein Zimmer von „Fördern und Wohnen“ in Stellingen zugewiesen. „Beim Winternotprogramm kann man Glück haben mit den Zimmernachbarn“, sagt er. „Aber es geht immer darum, dass man sich eins bewusst machen muss: Es sind die Schwächsten der Gesellschaft.“

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Dort, beim Winternotprogramm, seien fast alle psychisch stark erkrankt, es gebe auch Kriminalität und Prostitution. „Es ist wie die Vorstufe von Gefängnis. Ich fühlte mich dort wie ein Mensch dritter Klasse“, erzählt Harald von seinen Erfahrungen.

Derzeit weigern sich auch einige Obdachlose, im städtischen Winternotprogramm zu übernachten, selbst in Eisnächten. Die Angst, sich in der Unterkunft mit Corona zu infizieren und dann womöglich ins Krankenhaus oder zwei Wochen in Quarantäne zu müssen, ist größer als alles andere.

Harald (55) erzählt von seiner Zeit in Hamburg in der Obdachlosigkeit

Als Harald sich damals weigerte, weiterhin dort zu wohnen, hieß es: Entweder das oder gar nichts. So landete er „auf Platte“ – umgangssprachlich für obdachlos.

„Wenn man ganz unten angekommen ist, ist es schwer, sich nicht hängen zu lassen. Man wird für seine Schwächen anfällig und betäubt sich fast zwangsläufig“, berichtet er aus dieser Zeit.

Schufa, Bankkonto, beglaubigte Kopien – viele Hindernisse für Obdachlose

Sich wirklich darum zu kümmern, dort rauszukommen, sei für Obdachlose unheimlich schwer – Schufa und Bankkonto seien nur einige der Hindernisse. Vieles gehe nur postalisch. „Einschreiben kosten Geld, auch Kopien oder Beglaubigungen, außerdem benötigt man eine Postanschrift. Ohne Wohnung ist das schwer.“

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Die einzige Rechtshilfe, die man als Obdachloser oder Mittelloser beanspruchen könnte, sei die „Öffentliche Rechtsauskunft- und Vergleichsstelle Hamburg“ (ÖRA). Und darüber wüsste nicht jeder Bescheid. „Auch fehlt es vielen an Motivation, sich mit den eigenen Rechten auseinander zu setzen“, sagt Harald.

Hoffnung für Harald: „Ich könnte sagen, ich bin in Hamburg angekommen“

Mittlerweile hat er wieder mehr Hoffnung. Seit November hat er eine kleine Wohnung in Finkenwerder und ist neuerdings Mitglied in der Gemeinde St. Petri. Das gebe ihm Halt und Kraft. „Ich könnte sagen, ich bin in Hamburg angekommen.“

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