Mit Bambus-Rädern unterwegs: „Viva con Agua“-Geschäftsführerin Carolin Stüdemann und Maximilian Schay von „my Boo“.
Mit Bambus-Rädern unterwegs: „Viva con Agua“-Geschäftsführerin Carolin Stüdemann und Maximilian Schay von „my Boo“.
  • Mit Bambus-Rädern unterwegs: „Viva con Agua“-Geschäftsführerin Carolin Stüdemann und Maximilian Schay von „my Boo“.
  • Foto: Florian Quandt

Bambus-Räder von „my Boo“ machen Schule – in Afrika

Die MOPO stellt gemeinsam mit „Viva con Agua“-Geschäftsführerin Carolin Stüdemann in der Serie „Auf ein Wasser mit …“ Unternehmer:innen und Vordenker:innen vor, die eine bessere Welt schaffen. Heute spricht Carolin mit Maximilian Schay, der mit seinem Kommilitonen Jonas Stolzke 2012 auf die Idee kam, Bambusfahrräder in Deutschland zu etablieren. Die dafür benötigten Bambusrahmen erhält „my Boo“ direkt von Partnern aus Ghana und schafft dort faire Arbeitsplätze. Durch Teile des Erlöses werden außerdem Bildungsprojekte in Ghana unterstützt.

Carolin Stüdemann: Moin Maximilian, eure Räder schauen ja klasse aus! Bambus kenne ich bereits als vielfältig genutzten und nachhaltigen Rohstoff, als Grundlage für einen Fahrradrahmen ist er mir aber noch nicht begegnet. Wie seid ihr auf die Idee gekommen?

Maximilian Schay: Ein Schulfreund von mir, der sich für einen Zeitraum in Ghana aufhielt, hatte mir 2012 ein Foto von einem Bambusrad mit dem Kommentar geschickt hat: „Du wolltest doch immer mal was Besonderes gründen …“ Zu dem Zeitpunkt saß ich mit Jonas in einer Vorlesung und wir beide waren fasziniert davon, hatten aber eigentlich gar keine Ahnung vom Fahrradbau. Also haben wir direkt angefangen, an der Idee rumzutüfteln und hatten dann nach einer gewissen Zeit ein stimmiges Konzept gefunden. Bambus gilt in vielen Bereichen als nachhaltige Alternative, häufig sind die Verarbeitungsprozesse dann aber gar nicht so nachhaltig. Bei uns ist tatsächlich das Schöne, dass wir für das Produkt wild gewachsenen Bambus nutzen, der in wilden Bambuswäldern wächst und seine natürliche Form behält.

Firma „my Boo“ macht Bambus-Fahrräder mit Rahmen aus Ghana

Unterscheiden sich eure Räder auch in anderen Bereichen von herkömmlichen City-Rädern? Welche Vorteile bringt Bambus als Rohstoff für den Rahmenbau mit?

Die natürlichen Eigenschaften des Bambus eignen sich supergut für den Fahrradbau. Zum einen ist der Bambusrahmen wirklich sehr stabil, aber verhältnismäßig leicht, was natürlich immer wichtiger geworden ist. Zudem hat Bambus dämpfende Eigenschaften, weil es ein etwas weicherer Rohstoff ist und somit die Vibrationen beim Fahren verhindert. Insgesamt verbindet er die Vorteile von Stahl- und Aluminiumrahmen: stabil und komfortabel wie Stahl, leicht und verwindungssteif wie Aluminium.

Auf ein Wasser mit: Die Interview-Reihe von Viva con Agua und MOPO Viva con Agua
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Auf ein Wasser mit: Die Interview-Reihe von Viva con Agua und MOPO

Für den Bau der Bambusrahmen arbeitet ihr mit einem sozialen Projekt in Ghana zusammen. Was für einen Impact hat die Zusammenarbeit vor Ort?

Genau, wir arbeiten mit dem Yonso Project zusammen. Der Gründer Kwabena Danso wollte mit diesem Sozialprojekt ursprünglich die Jugendarbeitslosigkeit in seiner Heimatregion bekämpfen. Mittlerweile haben wir in der gemeinsamen Zusammenarbeit das Projekt noch um ein Bildungsprojekt erweitert. Unser Ziel ist es, in der Region eine nachhaltige Wertschöpfung zu gestalten und Perspektiven zu schaffen. Durch die Bambuswerkstätten konnten wir dort bereits 70 Arbeitsplätze mit vielen unterschiedlichen Aufgabenbereichen schaffen. Besonders stolz sind wir auf die 2019 gemeinsam eröffnete „Yonso Project Model School“, die aktuell mehr als 400 Kindern Zugang zu einer hochwertigen Schulbildung bietet und zu Teilen aus den Erlösen der Bambusrahmen-Produktion finanziert wird.

„my Boo“ im Gespräch mit „Viva con Agua“

Wie funktioniert die Zusammenarbeit in eurem internationalen Team?

Wir arbeiten zwar schon sehr lange in dieser Partnerschaft miteinander, aber es ist trotzdem noch so, dass wir ständig voneinander lernen. Gerade zu Beginn waren wir natürlich sehr regelmäßig vor Ort und haben die Produktionsstätten besucht, Abläufe abgeglichen, dann aber für uns festgestellt, dass wir gar nicht mehr so häufig dort sein müssen. Nicht weil es uns dort nicht gefällt, sondern weil wir der Auffassung sind, dass das Projekt nur nachhaltig sein kann, wenn es auch eigenständig funktioniert. Andererseits ist unser Unternehmen hier in Deutschland, aber auch die Anzahl der Mitarbeiter:innen in Ghana stetig gewachsen und wir haben den Mitarbeiter:innen gegenüber natürlich eine große Verantwortung. Deshalb hat sich organisch ein Austausch zwischen den Ingenieuren beider Produktionsstätten entwickelt, was der Zusammenarbeit sehr guttut. Aktuell ist unser Produktmanager wieder sehr regelmäßig vor Ort und treibt mit dem Team vor Ort viele wichtige Themen voran. So planen wir aktuell zum Beispiel ein neues Bambus Cargobike!


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Der Weg vom Bambusrohr in Ghana bis auf den Hamburger Radweg ist lang. Könnt ihr mich einmal durch die ganzen Stationen führen, die der Bambus durchläuft?

Der Bambusrahmen wird in 80 Stunden liebevoller Handarbeit komplett in Ghana produziert. Da Bambus in Ghana an jeder Ecke wächst, ist es recht unproblematisch, passende Rohre zu finden. Im Anschluss wird er getrocknet, bearbeitet und mit Harz präpariert. Danach geht’s noch an die Feinarbeit, damit die Räder auch optisch echte Hingucker werden. Nach der Fertigung der Rahmen werden diese nach Deutschland geschickt und von uns ins Kiel für den Fahrradbau verwendet. Die Räder gibt es dann in unserem Showroom in Kiel oder bei mehr als 200 Fahrradläden in ganz Europa und natürlich auch in Hamburg.

Nachhaltigkeit, individuelle Handarbeit, soziale Bildungsprojekte, transparente Lieferketten – wie schafft ihr es, beim Verkauf der Fahrräder in einem bezahlbaren Rahmen zu bleiben und gleichzeitig wirtschaftlich zu sein?

Für viele gilt das Fahrrad bereits als sehr nachhaltiges und grünes Produkt, deswegen denken die Menschen häufig nicht darüber nach, wie die Fahrräder überhaupt produziert werden. Neben dem Rohstoff Bambus unterscheiden wir uns von anderen Herstellern hauptsächlich in der Produktionsweise unserer Bikes und einer fairen Lieferkette. Der etwas höhere Preis im Vergleich zu konventionellen Fahrrädern oder E-Bikes wird von unseren Kund:innen gerne in Kauf genommen und absolut akzeptiert, da wir eine echte Alternative bieten. my Boo-Fahrer:innen entscheiden sich bewusst für ein hochwertiges und fair produziertes Fahrrad aus einem nachwachsenden Rohstoff. Und freuen sich, dadurch auch noch die „Yonso Project Model School“ unterstützen zu können.

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