• Zuhälter Klaus Barkowski, genannt der „Schöne Klaus“, kannte in den 1980er Jahren jeder auf dem Kiez.
  • Foto: MOPO-Archiv

Hamburg in den 80er Jahren: Die Paten von St. Pauli: Als auf dem Kiez die Kugeln flogen

St. Pauli –

Filmreife Auftritte von Zuhältern wie dem „Schönen Klaus“, dem „Hundertjährigen“ oder „Beatle“ Vogeler, Statussymbole ohne Ende und jeden Monat eine Schießerei: Das war der Kiez in den 80er Jahren.

Brilli-Rolex für 50 000 Euro, Kaschmir-Mäntel von Cerruti und natürlich standesgemäße Fahrzeuge. Und das bedeutete einen SL-Mercedes, mindestens aber einen Porsche, am besten einen Lamborghini. Ohne Statussymbole ging in den 80er Jahren auf dem Kiez nichts. „Paulis Paten“ zeigten, was sie hatten – auch wenn die Kugeln flogen.

Hamburg: Die Paten von St. Pauli – als auf dem Kiez die Kugeln flogen

Der erste in einer Reihe von Männern, die den Titel „Pate“ trugen, war Wilfrid Schulz (1929-1992). Sein Spitzname war „Frida“ – doch zu seinen Lebzeiten hat niemand gewagt, Wilfrid Schulz in seinem Beisein so zu nennen. Mit eiserner Hand hatte er schon 1959 italienische Zuhälter vom Kiez gefegt, wenig später mit Möchtegern-Kiez-Königen wie „Schläger-Fred“ oder „Schweine- Harry“ aufgeräumt: Beginn einer fast 20-jährigen Herrschaft auf dem Kiez.

>> Hier lesen: Suff, Sex, Gewalt: So wild war der Kiez früher

„Frida“ Schulz war der erste Pate von St. Pauli. Angefangen hatte Schulz als Hafenarbeiter und Portier. Andere konnten härter zuschlagen, hatten mehr Muskeln, doch was den Willen anging, sich durchzusetzen, konnte keiner Frida das Wasser reichen. Er wollte nach oben.

Die Statussymbole der Zuhälter: Den schwarzen Lamborghini Countach des „Schönen Klaus“ kannte jeder auf St. Pauli.

Die Statussymbole der Zuhälter: Den schwarzen Lamborghini Countach des „Schönen Klaus“ kannte jeder auf St. Pauli.

Foto:

Hirschbiegel

Die 60er auf der Reeperbahn: Ein Österreicher mischt den Kiez auf

Als der Ösi-Zuhälter Arnold Sellner 1965 auf dem Kiez auftauchte, hätte der 25-Jährige sich besser informieren sollen, wie weit oben Schulz schon war. Doch der Zuhälter mit dem schönen Spitznamen „Wiener Bär“ war so unklug, im Lieblingslokal von Schulz einem Gast Whisky ins Gesicht zu schütten und den Barkeeper mit einem Säbel zu „kitzeln“. Er holte Loddel-Kollegen von der Donau an die Elbe, drang in Fridas Machtbereich ein.

Video: Schüsse auf Hells-Angels-Boss

Keine gute Idee: Im „Hotel Austria“ an der Talstraße überfielen Schulz und Kumpane den Konkurrenten, stachen ihm ein Messer in den Bauch und drehten es langsam in der Wunde herum. Dann führten sie den verletzten „Bären“ seinen Landsleuten vor und befahlen: „Jetzt verlasst ihr die Stadt!“ Das abschreckende Beispiel wirkte. Es sollte nie wieder ernsthaft versucht werden, Fridas Macht anzutasten.

Er machte später Millionen mit Aktien. Täglich erkundigte sich der Bewohner einer protzigen Blankeneser Villa nach den Kursen – sein Verhängnis. Staatsanwaltschaft und Steuerfahndung hörten mit, rückten 1982 mit einem Großaufgebot an. Jahre im Knast folgten. Schulz war ein gebrochener Mann. Als er 1992 mit 63 an Prostatakrebs starb, sagte der Pastor: „Er gelangte unter Ausschöpfung seiner besonderen Gaben zu Reichtum und Ansehen.“

Hamburg-St. Pauli: Der Aufstieg von „Beatle“ Vogeler

Nach „Frida“ Schulz kam die „GMBH“, eine Zuhältergruppe unter der Führung von „Beatle“ Vogeler. GMBH – diese Buchstaben standen damals für Gerd Glissmann, „Mischa“ Luchting,

„Beatle“ Vogeler und Harry Voerthmann. Anfang der 80er Jahre schafften im „Eros-Center“ und im „Palais d’Amour“ hunderte Frauen für die „GMBH“ an. Bei der Beerdigung ihres Partners, des „Schönen Mischa“ Luchting, 1982 auf dem Friedhof Ohlsdorf, zeigten die Männer ihren Reichtum ungehemmt. Allein ein Blumen-Gesteck in Form eines weißen Rolls-Royce Corniche (Luchtings Lieblingsauto) kostete 5.000 Euro.

Zuhälter-Stil am Grab des „Schönen Mischa“. Die Herren der GMBH (l.) trugen schwarze Kaschmir-Mäntel von Cerruti.

Zuhälter-Stil am Grab des „Schönen Mischa“. Die Herren der GMBH (l.) trugen schwarze Kaschmir-Mäntel von Cerruti.

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Luchting hatte sich aufgehängt, weil seine Partner Vogeler und Voerthmann ihn ausgebootet hatten, während er im Knast saß. Nun standen die beiden „Kiez-Granden“ am Grab und vergossen Krokodilstränen. Danach wollte die GMBH zum Tagesgeschäft übergehen (täglicher Umsatz um 100.000 Euro) übergehen.

Schüsse im Eros-Center auf St. Pauli

Doch drei Tage vor der Beerdigung waren im Eros-Center 18 Schüsse gefallen. „SS-Klaus“ Breitenreicher (23) und „Angie“ Becker (28) waren tot. „Karate-Tommy“ Born entkam mit einem Bauchstreifschuss. Früher wäre so eine kleine „Zuhälter-Unstimmigkeit“ mit Fäusten ausgetragen worden, doch die Zeiten waren härter geworden.

Video: Immer wieder Schüsse im Milieu

Alle paar Monate starb nun ein Lude an akuter „Bleivergiftung“. Jung-Zuhälter (die „Nutella-Bande“) rüsteten auf, kauften Maschinenpistolen, ja sogar Handgranaten. Harry Voerthmann, den sie wegen seiner Lebenserfahrung den „Hundertjährigen“ nannten, und „Beatle“ gingen in Deckung. Das war nicht mehr ihre Welt.

Mit „Wiener-Peter“ war ein Konkurrent auf dem Weg nach oben, der sich einen eigenen Killer wie einen Kampfhund hielt – Werner „Mucki“ Pinzner. Er ballerte einen Konkurrenten seines „Chefs“ nach dem anderen um und erschießt 1986 im Polizeipräsidium Berliner Tor einen Staatsanwalt, seine Frau und schließlich sich selbst.

Auftritt: „Ringo“ Klemm

Nach den Schüssen im Präsidium geht das Milieu in Deckung. Viele Zuhälter verlassen den Kiez oder landen im Knast. Einer aber übersteht diese wilden Jahre: Reinhard „Ringo“ Klemm. Klein ist er: Klemm misst gerade mal 1,67 Meter, doch auf St. Pauli war „Ringo“ ein Jahrzehnt lang ein ganz Großer.

Als er 1993 wegen Kokainhandels sechs Jahre nach Santa Fu geschickt wurde, ging eine Ära zu Ende. Der letzte Deutsche, der den Namen „Kiez-Pate“ verdient hatte, trat ab. Als der ehemalige Seemann und Fischer Ende der 60er Jahre auf St. Pauli anlandete, war die Ludenwelt noch in bester Ordnung.

Der „Pate vom Hans-Albers-Platz“

Pate „Frida“ Schulz, der unumschränkte Herrscher über die Reeperbahn, konnte ehrgeizige Jungs immer gebrauchen. Schon 1970 kam „Ringos“ Bewährungsprobe: Er soll zusammen mit „Stotter-Harry“, „Dakota-Uwe“ und „Tabak-Ilja“ mitten am Tag in der Friedrichstraße den Gangster Sergio di Cola erschlagen haben.

Der Italiener wollte Zuhältern Mädchen abwerben. Doch „Ringo“ war nichts nachzuweisen, er kam mit ein paar Monaten Knast davon. In den nächsten Jahren kämpfte sich Klemm nach oben, mit verschachtelten Beteiligungen an Bordelletagen, Steigen und Lokalen war er 1980 schon an der Spitze der Nahrungskette auf St. Pauli angelangt. Sein Titel: „Pate vom Hans-Albers-Platz“. Als St. Pauli- Killer Pinzner sein Unwesen trieb, geriet „Ringo“ ins Visier der Kripo.

„Ringo“ Klemms Flucht nach Südamerika

Bei einer Großrazzia 1986 entkam Klemm filmreif über das Dach seiner „Kommandozentrale“, der Kneipe „Chicago“ am Hans-Albers-Platz und flüchtete nach Costa Rica. Dort fanden ihn Reporter der MOPO, später schlug eine Sondereinheit zu, durchsiebte mit Uzis den Oldsmobile Toronado, mit dem „Ringo“ unter Palmen entlangfuhr. Doch nach der Auslieferung nach Hamburg kam Klemm glimpflich davon: drei Jahre Knast, weil er den „Smith & Wesson“-Revolver beschafft hatte, mit dem Pinzner im Polizeipräsidium gemordet hatte.

Ringo Klemm (Mitte) flüchtete 1986 vor der Hamburger Polizei nach Costa Rica.

Ringo Klemm (Mitte) flüchtete 1986 vor der Hamburger Polizei nach Costa Rica.

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MOPO Archiv

Ringo eröffnete das „Chikago“ am Hans-Albers-Platz, das sich schnell zum In-Treff entwickelte, aber kaum Geld abwarf. Nach dem dilettantischen Versuch, ins Kokaingeschäft einzusteigen, wurde Ringo 1993 zu sechs Jahren Knast verurteilt. Er zog nach Ibiza, soll dort eine Kneipe betreiben.

Karate-Tommy überlebte sie alle

Thomas „Karate-Tommy“ Born war einer von sechs führenden Köpfen der „Nutella-Bande“, die Ende der 70er bis Anfang der 80er das Rotlichtmilieu mitbeherrscht hat. In den späten 70er Jahren heuerte er bei den „Nutellas“ an. „Dort war ich zuständig für den Bereich Stress.“ Wann immer jemand glaubte, sich an dem einträglichen Geschäft mit den Prostituierten beteiligen zu wollen, war „Tommy“ Born gefragt.

“Karate-Tommy„ mit zwei Damen vom Kiez. Zuhälter war Karate-Kämpfer Thomas Born aber nie gewesen.

“Karate-Tommy„ mit zwei Damen vom Kiez. Zuhälter war Karate-Kämpfer Thomas Born aber nie gewesen.

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Ruega

„Ich bin dann hin zu den Leuten, hab‘ mir den Chef gegriffen und dem erst mal eine verpasst. Dann hab ich gefragt, ob es Probleme gibt.“ Die hatten sich damit dann meist erledigt. Bis zum 22. Oktober 1982. Das bis dahin geltende Gesetz, dass Konflikte nur mit Fäusten ausgetragen werden, wurde aufgehoben. Der Anlass war banal.

Zwei Mädchen prügelten sich. Die Jungs vom „Bel Ami“ verlangten Verdienstausfall, weil ausgerechnet ihre „Mitarbeiterin“ ein blaues Auge davontrug. „Ich also mit ,SS-Klaus’ und ,Angie’ Becker hin. Dann haben die anderen geschossen.“ Borns Kollegen waren sofort tot. Er selbst wurde am Bauch und Unterarm getroffen. Mit einem Sprung durch eine verschlossene Holztür rettete er sein Leben. Auf dem Kiez wurde „Tommy“ nach dem Vorfall zur Legende. Er starb am 1. Mai 2015 im Alter von 63 Jahren.

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