Die Immanuelkirche auf der Veddel.
  • Der Turm der Immanuelkirche auf der Veddel wird zum Klangturm.
  • Foto: Sun

Wieso dieser Hamburger Kirchturm das Viertel beschallt

Gitarren statt Glocken: Im Hamburger Stadtteil Veddel erklingen seit Anfang Juli ungewöhnliche Töne aus dem Turm der Immanuelkirche. Über Lautsprecher sind im Rahmen des Projekts „Klangturm Veddel“ die Kompositionen verschiedener Musikkünstler:innen zu hören. Die MOPO hat nachgefragt, was es mit der Idee auf sich hat.

„Ich hoffe, dass die Veddel durch den Klangturm über die Stadtgrenzen hinaus positive Aufmerksamkeit auf sich zieht“, sagt Benjamin Brunn, der die Idee zum Klangturm hatte. Brunn produziert selbst seit über 20 Jahren nebenberuflich elektronische Musik. Hauptberuflich ist er Bauingenieur und kümmert sich im Kirchenvorstand um den Erhalten des alten Glockenturms.

Veddel: Kirchturm wird zum Klangturm

„Der Kirchengemeinderat hat die Lautsprecher in der Kirche einbauen lassen, um den Kirchturm vor den Glockenschwingungen zu schützen und so länger zu erhalten“, sagt Brunn. Da die Lautsprecher nun schon einmal vorhanden sind, werden sie jetzt auch kreativ genutzt.

„Fast alle Mitglieder im Kirchenvorstand fanden die Idee sehr gut“, sagt Brunn. Damit die Kirchenglocken nicht ein Jahr lang still sind, habe man sich darauf geeinigt, dass jeden Montag noch die herkömmlichen Glocken über die Lautsprecher erklingen.

Eine Kirche als Treffpunkt für alle Kulturen

Die Immanuelkirche auf der Veddel ist auch sonst anders als andere Kirchen. Gottesdienste gibt es hier nur an hohen christlichen Feiertagen wie Weihnachten, da der Bedarf nicht vorhanden ist. Die Kirche ist dafür mit zahlreichen Angeboten wie einem Frauentreff, Kinovorführungen oder dem Gemeinschaftsgarten eine kulturelle Begegungsstätte für alle Veddeler.

So klingt der Turm im Juli jeweils um 13 Uhr. Musikkünstler Andrew Pekler hat die Komposition erschaffen.

So vielfältig wie die Kirche und ihre Besucher, ist auch das Klangprojekt. Ein Jahr lang präsentiert sich den Veddelern jeden Monat das Programm eines anderen Künstlers. Auch die Kinder der Schule im Stadtteil dürfen im nächsten Jahr etwas beitragen.

Klänge von zwölf Künstler:innen und einer Schule

„Bei der Auswahl der Künstler:innen habe ich bewusst Menschen aus Veddel und Hamburg einbezogen, es gibt einen hohen Anteil an weiblichen Künstler:innen und auch aus anderen Ländern“, sagt Brunn. Allen Künstler:innen hat er dabei frei überlassen, welche Instrumente sie benutzen. Aber das Ziel sei schon, „dass man die Zeit akustisch erkennen kann.“

Musikkünstler Andrew Pekler hat für den Klangturm zur E-Gitarre gegriffen.
Musikkünstler Andrew Pekler hat für den Klangturm zur E-Gitarre gegriffen.

Für den Juli hat der Künstler Andrew Pekler aus Berlin zur elektrischen Gitarre gegriffen. Er nahm bereits an internationalen Festivals unter anderem in den USA, Australien, China und Frankreich teil. Der Klangturm in Veddel ist für ihn trotzdem etwas Besonderes.

„Die Herausforderungen haben es interessant gemacht“

„Kunst im öffentlichen Raum auf musikalischer Ebene, das gibt es selten“, sagt Pekler. Ihm war es wichtig, dass die Stücke beim Hören „nicht anstrengend“ sind und den Verlauf des Tages begleiten. Für den Vormittag hat er sanfte Klänge eingespielt, die zum Mittag hin energetischer werden und am Abend wieder sanfter.

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„Gerade die Herausforderungen haben es interessant gemacht“, sagt Pekler. Zum Beispiel können die Lautsprecher im Turm nur eine bestimmte Frequenz wiedergeben, tiefe Bässe und hohe Höhen sind nicht möglich. „Ich habe mich für Klänge mit der elektrischen Gitarre entschieden, weil sie ähnlich wie eine Glocke einen harten Anschlag und eine längere Ausschwingzeit hat“, so Pekler.

Wie reagieren die Veddeler:innen?

Die zweite große Herausforderung war die Vielzahl der Kompositionen. Der Musikkünstler hat insgesamt 13 Stücke komponiert für die vollen Stunden von 8 bis 20 Uhr. Die Viertelstunden dazwischen sind jeweils Fragmente der folgenden vollen Stunde.

Eine Übersicht aller Künstler:innen, die am Projekt beteiligt sind.
Eine Übersicht aller Künstler:innen, die am Klangturm-Projekt beteiligt sind.

Nun sind Pekler und Brunn gespannt auf die Resonanz der Veddeler. „Bisher sind die Reaktionen der Veddeler:innen sehr positiv gewesen“, sagt Brunn. Manchmal seien Leute noch überrascht oder verwundert, weil sie das Projekt nicht kennen. „Wenn man es ihnen erklärt, finden es die meisten dann aber gut.“

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Die Finanzierung des Projekts unterstützen der Verfügungsfonds des Stadtteilbeirats Hamburg-Veddel, dem Musikfonds e.V. sowie der Gwärtler-Stiftung. Abhängig von den Rückmeldungen aus dem Stadtteil, würde Brunn sich auch für eine Fortsetzung des Projekts um Fördergelder bemühen. Ab August wird die Veddeler Klangkünstlerin Nika Son den Klangturm bespielen.

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