Screenshot Telegram-Chat.
  • Das bietet der Händler der gefälschten Impfpässe bei „Telegram“.
  • Foto: Samira Debbeler

Selbstversuch: So läuft das dreiste Geschäft der Fake-Impfpässe

Immer häufiger werden Fälle von gefälschten Impfnachweisen bekannt. Am vergangenen Freitag etwa versuchten eine 37-jährige Frau sowie ein 33-jähriger Mann aus dem russischen St. Petersburg mit gefälschten Impfausweisen am Hamburger Flughafen einzureisen. Bei Kontrollen flogen sie auf. Aber wie leicht kommt man an die derzeit begehrten gelben Heftchen? Die MOPO hat es ausprobiert und mit einem Händler gesprochen.

Wer den Piks gegen das Coronavirus umgehen will, braucht bloß einen kostenlosen Kommunikationsdienst wie Telegram – eine App, die übrigens nicht nur bei Impfgegnern und Verschwörungsmystikern sehr beliebt ist. Hier Gruppen zu finden, in denen gefälschte Impfnachweise angeboten werden, ist simpel. Die MOPO findet in einer Gruppe in weniger als drei Minuten mehrere Anbieter, die gegen einen dreistelligen Betrag einen Impfnachweis anfertigen und diesen an einen beliebigen Briefkasten schicken.

Gefälschte Impfnachweise: So funktioniert das Geschäft

Die MOPO will wissen, wie das Geschäft abläuft – und gibt sich als potenzieller Käufer aus. 200 Euro soll der gefälschte Impfpass kosten. „Wir stellen eine gelbe Impfbescheinigung sowie eine digitalisierte Bescheinigung aus, die bei der WHO und der EU registriert ist. Die Impfstelle wird von Ihnen gewählt. Wir erheben Ihre Daten und speichern sie im digitalen Datenbanksystem. Ihr Impfausweis wird mit Stempel, Aufkleber und QR-Code geliefert, den Sie auf der Impf-App installieren können“, schreibt der anonyme Händler.

Screenshot Telegram-Chat.
Das bietet der Händler der gefälschten Impfpässe bei Telegram an.

Auf die Frage, wieso der Händler Zugriff auf derartige Datenbanken hat, antwortet er, er sei Arzt. Als Zahlungsmittel werden Bitcoins oder Paypal akzeptiert, Lieferzeit: 24 Stunden. Auf Anfrage schickt er Fotos von seinen Fälschungen. Und tatsächlich: Der Name eines Arztes taucht auf: Dr. Karl-Josef Rosenstock, Allgemeinmediziner. Google-Recherchen ergeben: Er war Leiter des Kreisimpfzentrums in der Messe Friedrichshafen am Bodensee. Der Händler gibt an, mit dem Arzt zusammenzuarbeiten: „Wir haben seinen Kontakt, er wird auf jeden Fall unterschreiben und abstempeln müssen.“

Der Händler behauptet, mit dem Arzt zusammen zu arbeiten.
Der Händler behauptet, mit dem Arzt zusammenzuarbeiten.

Der Händler behauptet, ein Arzt sei am Betrug beteiligt

Die MOPO hat den Arzt kontaktiert. Der Allgemeinmediziner aus Tettnang in Baden-Württemberg wirkt am Telefon ahnungslos und schockiert. „Die Dokumente sehen tatsächlich echt aus. Jemand muss damals einen Stempel geklaut haben“, so Rosenstock. „Natürlich habe ich nichts damit zu tun. Ich befürworte die Impfung und werde meinen Namensmissbrauch auf jeden Fall der Polizei melden.“

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Polizei und Gesundheitsbehörden haben in der Praxis zuletzt vermehrt eine Verwendung von gefälschten Impfnachweisen festgestellt. Laut Angaben der Polizei Hamburg gibt es aktuell zwar keine Hinweise, dass Hamburger Ärzte mit illegalen Impfpässen handeln, dennoch sind nach aktuellem Stand (25. Oktober 2021) 110 Ermittlungsverfahren in Arbeit, die sich mit dem Thema gefälschte Impfpässe beschäftigen. Woher die Händler die benötigten Nummern, Aufkleber, Stempel haben, verrät die Polizei aufgrund laufender Ermittlungen nicht.

Tschentscher appelliert: „Lücken im Gesetzbuch müssen geschlossen werden“

Eine Strafverfolgung scheitert jedoch in einigen Fällen an rechtlichen Hürden, weil die Straftatbestände im Strafgesetzbuch sowie im Infektionsschutzgesetz lückenhaft sind. Auf Vorschlag von Hamburg hat die Ministerpräsidentenkonferenz deshalb vergangene Woche Freitag den Bund aufgerufen, diese Lücken zu schließen.


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„Die bestehenden Lücken bei der strafrechtlichen Verfolgung der Fälschung von Gesundheitszeugnissen müssen geschlossen werden“, sagt Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD). „Polizei und Gesundheitsbehörden brauchen eine sichere Grundlage, um dagegen vorzugehen und die Wirksamkeit der Corona-Maßnahmen aufrecht zu erhalten.“

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