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Fünf Jahre nach „Wir schaffen das“: Dieses Fazit ziehen Hamburgs Flüchtlingshelfer

Die Hilfsbereitschaft der Hamburger war überwältigend: Vor fünf Jahren wurde die Messe binnen weniger Wochen zu Deutschlands größter Kleiderkammer für Flüchtlinge. Der Verein Hanseatic Help hilft noch heute – und erinnert sich gern an Merkels „Wir schaffen das“.

Karin Prätorius lehnt sich in ihrem Bürostuhl im ersten Stock der unweit des Hamburger Fischmarkts gelegenen Lagerhalle zurück, blickt an die Decke, zögert kurz, schnauft. „Doch, ja“, sagt sie dann. „In dem Moment war das ein gutes Gefühl.“ Dass Kanzlerin Angela Merkel (CDU) vor fünf Jahren am 31. August ihren inzwischen berühmten Satz „wir schaffen das“ gesagt hat, sei schon eine Ermutigung gewesen – gerade nach den Ausschreitungen von Rechtsextremisten vor einer Flüchtlingsunterkunft im sächsischen Heidenau. Merkel habe mit dem Satz klar den Willen und die Bereitschaft Deutschlands gezeigt, „die Menschen, die hierherkommen, eben auch aufzunehmen.“

Flüchtlingsarbeit in Hamburg: Ein Fazit nach fünf Jahren

Prätorius ist Vorstand im Verein Hanseatic Help, von der ersten Stunde dabei und kann sich noch gut an den August 2015 erinnern. Probleme mit Rechtsextremen gab es damals in der Hansestadt nicht. Im Gegenteil: Nach der Ankunft Tausender Flüchtlinge war die Hilfsbereitschaft der Hamburger so groß, dass in den Messehallen binnen weniger Wochen die größte Kleiderkammer Deutschlands entstand. Tonnenweise brachten die Menschen Kleidung, Schuhe und Hygieneartikel.

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Hunderte Freiwillige versuchten dem Spendenberg in der Halle B7 Herr zu werden. „Wer spendete, blieb und half. Und wer half, blieb und spendete Zeit und Aufmerksamkeit“, heißt es im Jahresbericht des Mitte Oktober 2015 gegründeten Vereins. Sollten ursprünglich nur die etwa 1200 in der gegenüberliegenden Halle B6 untergebrachten Flüchtlinge unterstützt werden, reichten die Spenden rasch für ganz Hamburg und darüber hinaus. Die 7500 Quadratmeter große Halle war voll „bis unters Dach“.

Flüchtlingswelle 2015: So viele Asylsuchende kamen nach Hamburg

Wie heute die Zahl der registrierten Corona-Fälle wurde damals täglich die Zahl der neuen Flüchtlinge vermeldet. Und wie heute blickten die Behörden stets etwas beunruhigt auf die Zahlen. So sind nach Angaben der Sozialbehörde von 2015 bis Juni dieses Jahres 86.121 Flüchtlinge nach Hamburg gekommen. Da die Hansestadt nur knapp 2,6 Prozent aller neu in Deutschland ankommenden Asylsuchenden aufnehmen muss, blieben seit 2015 insgesamt 48.646 Flüchtlinge in der Stadt, wobei für die übrigen eine Bleibe gefunden werden musste.

Allein 2015 musste für mehr als 21.000 Flüchtlinge ein Dach über dem Kopf gefunden werden: Baumärkte, Tennishallen, ein Schiff, Container, Kasernen, Zelte – wo immer Platz war, er wurde von der bald gegründeten Zentralen Koordinierungsstelle für Flüchtlinge genutzt. Nach gerichtlichen Auseinandersetzungen wurden sogar im früheren Kreiswehrersatzamt im vornehmen Stadtteil Harvestehude Flüchtlinge einquartiert. Das Problem: Viele Unterkünfte waren keine Lösung auf Dauer, weshalb der damalige Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) und seine rot-grüne Koalition in jedem Bezirk Siedlungen mit je rund 800 Wohnungen für jeweils bis zu 4000 Menschen bauen lassen wollten.

Flüchtlinge in Hamburg: Als Anwohner Widerstand leisteten 

Doch da regte sich Widerstand: Nach der anfänglichen Euphorie gingen plötzlich Menschen auf die Straße, wollten die Zustände nicht mehr hinnehmen. Innerhalb nicht einmal einer Woche sammelte die Volksinitiative „Hamburg für gute Integration“ (HGI) rund 26.000 Unterschriften. Im Rathaus machte sich die Furcht breit, dass nun Ausländerfeinde und Rechtsextreme die Deutungshoheit übernehmen könnten. Und sogar innerhalb der Initiative gab es Bedenken, den Geist nicht mehr in die Flasche zu bekommen.

Klaus Schomacker übergibt am 02.03.2016 Ordner mit 26.000 Unterstützer-Unterschriften an Andrea Stöckmann.

Klaus Schomacker übergibt am 02.03.2016 im Rathaus in Hamburg Ordner mit 26.000 Unterstützer-Unterschriften an Andrea Stöckmann von der Geschäftsstelle des Senats.

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Ruhig wurde es erst, als die damaligen Fraktionschefs von SPD und Grünen, Andreas Dressel (heute Finanzsenator) und Anjes Tjarks (heute Verkehrssenator) und die Initiative mit Sprecher Klaus Schomacker nach zahlreichen Verhandlungsrunden einen Plan verabredete, wie eine vernünftige Unterbringung von Flüchtlingen aussehen, wie die Integration der Schutzsuchenden gelingen, Anwohnerinteressen gewahrt werden und die Stadt trotzdem genug Spielraum für neue Flüchtlingsheime haben könnte.

Hamburg: Sozialsenatorin hält Integration für gelungen

Die Frage nur: Hat der Plan funktioniert? Wie sieht es fünf Jahre nach Merkels „Wir schaffen das“ aus? Hamburgs Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) zeigt sich durchaus zufrieden: „Wir haben Möglichkeiten geschaffen, die deutsche Sprache zu lernen, und ein System entwickelt, mit dem wir zügig prüfen, welche Kompetenzen für den Arbeitsmarkt die Geflüchteten mitbringen.“ Für die allermeisten gebe es eine gute Chance auf dem Arbeitsmarkt. So ist nach Angaben der Sozialbehörde die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten aus den Hauptasylherkunftsländern Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan, Somalia und Syrien seit Ende 2014 auf rund 15 600 gestiegen. Rund 2200 hätten eine Ausbildung begonnen.

Leonhard lobt ausdrücklich das nach wie vor hohe Engagement vieler Hamburger in der Flüchtlingsarbeit. Das „trägt entscheidend zu vielen Integrationserfolgen bei“. Viele Flüchtlinge seien längst Nachbarn, einige könnten in diesem Jahr sogar schon die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen. „Die Herausforderungen sind dennoch nicht alle erledigt“, räumt Leonhard ein. „Wir haben aber Strukturen, die gut darauf eingestellt sind und mittlerweile viel Erfahrung gesammelt“. Sie sei zuversichtlich, „dass wir mit der aktuellen Situation gut vorankommen.“

„Zu wenig Bereitschaft, für die Integration alles zu tun“

Schomacker will das so nicht unterschreiben. Er ist ziemlich unzufrieden – sowohl mit der Wohnsituation der Flüchtlinge als auch mit deren Integration auf dem Arbeitsmarkt. Harald Lübkert, ebenfalls HGI-Sprecher, weist darauf hin, dass es in den öffentlich-rechtlichen Unterkünften immer noch nicht genug Internetzugänge gebe. „Das ist im Grunde keine große Sache, aber leider ein Symbol für die unzureichende Bereitschaft, für die Integration wirklich alles zu tun.“ Nach wie vor gebe es auch keine Mindeststandards für die Unterbringung. „Die Versprechungen und die Zusagen von 2016 scheinen kein großes Thema mehr zu sein. Es soll wohl alles bleiben wie es ist“, klagt er.

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An der Großen Elbstraße bei Hanseatic Help herrscht dagegen ausgelassene Freude. Die Helfer quittieren mit großem Gejohle, dass sie endlich die Tür des bis obenhin mit Hilfsgütern beladenen Containers geschlossen bekommen haben. Denn die Zeit drängt, die Ware muss raus. Per Lkw geht der Container zunächst zum Hafen, um von dort per Schiff nach Beirut gebracht zu werden, wo die Hilfsgüter dann an Opfer der verheerenden Explosion im Hafen verteilt werden sollen. Gut 200 solcher Transporte habe der Verein schon organisiert, sagt Ingrid Ernst von Hanseatic Help.

Hanseatic Help aus Hamburg hilft Menschen in Not

Denn natürlich hat sich das Aufgabenspektrum der Helfer in den vergangenen Jahren verändert. War Hanseatic Help zunächst nur eine Anlaufstelle für die Flüchtlingshilfe, bedient der Verein mit seinen rund 100 Mitgliedern, etwa 120 regelmäßigen Helferinnen und Helfern sowie in Nicht-Corona-Zeiten rund 15 Schülerpraktikanten pro Woche längst auch andere in Not geratene Menschen. Dazu zählen Kleidung, Schuhe, Zelte und Isomatten für Obdachlose ebenso wie Schulranzen, Lebensmittelspenden und Hygieneartikel. Insgesamt seien seit Gründung des Vereins rund sieben Millionen Artikel verteilt worden.

Hilfsbedürftigen

Hamburg: Mitarbeiter von Hanseatic Help verladen Hilfsgüter. Hanseatic Help hat es sich seit 5 Jahren zur Aufgabe gemacht, die Situation von Hilfsbedürftigen zu verbessern 

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Doch nicht nur das: Neben der Kleiderkammer unter dem Motto #EinfachHelfen gibt es das Angebot #EinfachStarten, bei dem die Integration in Bildung, Ausbildung, Arbeit und Gesellschaft unterstützt wird. Hinzu kommt die Förderung bürgerlichen Engagements und der interkulturellen Begegnung unter dem Hashtag #EinfachSchnacken. Natürlich müsse sich der Verein über die Zukunft Gedanken machen, sagt Prätorius. Die Hilfe werde aber weiter gebraucht, auch wenn die Zeiten der ganz großen Kleiderspenden für Flüchtlinge vorbei seien.

Prätorius kritisiert Umgang mit Seenotrettung in Südeuropa

Aber wie ist das denn jetzt? Ist aus „wir schaffen das“ nun ein „wir haben es geschafft“ geworden? „Ich glaube schon, dass wir den Beweis angetreten haben, dass das zu schaffen ist, wenn man gemeinsam miteinander etwas tut“, sagt Prätorius mit Blick auf Hamburg – um ihn dann sehr ernst auf den Umgang mit der Seenotrettung in Südeuropa und die zögerliche Aufnahme von Flüchtlingen aus den völlig überfüllten Lagern in Griechenland zu lenken. „Das ist beschämend. Das ist furchtbar. Das bremst meinen Enthusiasmus doch sehr.“

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