Ein weiß gekleideter Mann hält eine Deutschland-Flagge in die Höhe.
  • „Frieden statt Krieg“, darüber sind sich Demonstranten in Altona einig. Über die Deutschland-Fahne eher nicht.
  • Foto: Marius Roeer

paidMerkwürdige Protest-Mischung bei „Friedensdemo“ in Hamburg

Es ist eine explosive Mischung an diesem Samstag in Altona. 1000 Menschen haben sich für eine „Friedensdemonstration“ versammelt, aber friedlich geht es nicht einmal untereinander zu. Verschwörungstheoretiker marschieren mit Anti-Schwurbler-Gruppen wie „Omas gegen Rechts“, dagegen stellen sich lautstarke Gegendemonstranten – und ausgerechnet die Ukrainer werden als „Faschisten“ beschimpft. Aus der Friedensdemo wird ein Streitgipfel. Demo-Teilnehmer haben sich bereits von dem Protest distanziert.

Wer am Samstagmittag in der Ottenser Hauptstraße einkaufen gehen wollte, staunte nicht schlecht ob der ungewöhnlich großen Menschenmasse mit den zahlreichen bunten Flaggen und Schildern vor dem Einkaufszentrum „Mercado“. Die Slogans decken ein breites Feld an Forderungen ab. Von „Frieden mit Russland“, „Jede Form von Imperialismus beenden“ und „Ami Go Home“ geht es über „Krankenhäuser zurück in öffentliche Hand“ bis hin zu „Bezahlbare Miete statt fetter Rendite“.

„Friedensdemo“ gerät mit Ukrainern aneinander

Alle sehen sich als „Botschafter des Friedens“ und das Gros ist über 50 Jahre alt, sonst eint die Demonstranten nicht viel. „Selenskyj ist eine Marionette der CIA!“, brüllt eine Frau Mitte 60. Gegen Verschwörungsideologien sind die „Omas gegen Rechts“ in Zeiten von Corona-Demos noch auf die Straße gegangen, jetzt laufen sie neben den Schwurblern sowie der Impfskeptiker-Partei „Die Basis“, die wiederum in einer Reihe mit der Gewerkschaft „ver.di“ und der Partei „die Linke“ demonstrieren.

Marius Roeer Rund 1000 Menschen kamen zur „Friedensdemo“ in Altona.
Eine Gruppe Menschen steht in der Ottenser Hauptstraße und hält Fahnen und Plakate
Rund 1000 Menschen kamen zur „Friedensdemo“ in Altona.

Auf die Warnwesten der Ordner hat man in fetten schwarzen Buchstaben „Bundeswehr abschaffen“ gedruckt. Die meisten Teilnehmer fordern ein Ende der deutschen Waffenlieferungen an die Ukraine und Friedensgespräche mit Wladimir Putin. Manche auch die Öffnung der Gaspipelines Nord Stream 1 und Nord Stream 2. Putin sei gar nicht das Problem, sagt ein Vertreter der „Deutschen Friedensgesellschaft-Vereinigte Kriegsdienstgegner“ (DFG-VK), sondern die „wahnwitzige Hochrüstung der USA“. Das wiederum sehen nicht alle so. Ein Mann läuft mit erhobenem Mittelfinger durch die Reihen und brüllt immer wieder: „Putinversteher! Frieden geht nicht mit diesem Kriegstreiber!“

Marius Roeer Schwarz-Rot-Gold – das sorgt unter den Demonstranten für Streit.
Menschen diskutieren in Altona über eine Deutschlandfahne
Schwarz-Rot-Gold – das sorgt unter den Demonstranten für Streit.

Während einer Kundgebung geraten zwei ganz in weiß gekleidete ältere Menschen mit drei jüngeren in Straßenkleidung aneinander. Auf Schildern fordern die Älteren den sofortigen Rücktritt der Ampelregierung. Über dem Kopf eines Mannes weht die deutsche Flagge, daneben ein Banner „Frieden statt Krieg“. „Das sind so schöne Plakate, die sie haben“, sagt eine junge Frau, „aber packen sie die Flagge weg, verdammt nochmal! Nationalismus hat hier nichts zu suchen, Sie Rechter!“ „Ich bin weder rechts noch links!“, will sich der Mann verteidigen. „Aber es ist wichtig, dass wir zuerst auf die Bedürfnisse der Deutschen schauen!“

Marius Roeer „Stop Russian Terror“ und „Deutsche Waffen stoppen den Genozid“ steht auf den Plakaten der Gegendemonstranten.
„Stop Russian Terror“ und „Deutsche Waffen stoppen den Genozid“ steht auf den Plakaten der Gegendemonstranten.
„Stop Russian Terror“ und „Deutsche Waffen stoppen den Genozid“ steht auf den Plakaten der Gegendemonstranten.

Auf die Bedürfnisse der ukrainischen Menschen dagegen schauen an diesem Nachmittag rund 30 bis 40 Gegendemonstranten, die sich ebenfalls in der Ottenser Hauptstraße formieren. In blau-gelbe Flaggen gehüllt skandieren sie immer wieder den Slogan: „Russia is a Terrorist!“. Dabei halten sie grauenvolle Aufnahmen von zerbombten Städten in die Höhe. „Deutsche Waffen stoppen den Genozid“ steht auf den Schildern und „Pazifismus tötet“. Ihnen, den Ukrainern, wird aus der Hauptdemo „Faschisten“ entgegengerufen „Nazis raus!“. Ein Friedens-Demonstrant läuft vorbei und gibt einer Abbildung von Wladimir Putin einen Luftkuss. Ein Polizist weist ihn zurecht.

Marius Roeer Mit Putin-Maske und schrecklichen Bildern aus zerbombten Städten versuchen die Gegendemonstranten, auf die dramatische Situation in der Ukraine aufmerksam zu machen.
Vor dem „Mercado“-Einkaufszentrum stehen 30-40 ukrainische Gegendemonstranten mit Schildern und Fotos.
Mit Putin-Maske und schrecklichen Bildern aus zerbombten Städten versuchen die Gegendemonstranten, auf die dramatische Situation in der Ukraine aufmerksam zu machen.

Danach marschiert der Demonstrationszug in Richtung Fischmarkt. Auf einem kleinen Lkw sprechen Redner über Abrüstung und Impfzwang, zu stoppende Waffenlieferungen, zu hohe Preise, Nord Stream und die Gefahr der USA.

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Die Polizisten vor Ort sind entspannt, unterhalten sich und müssen nicht eingreifen. Die Warnung einer Frau vor der angeblichen Polizeigewalt, die auf dieser Demonstration zu erwarten sei, bleibt unbegründet. Bei der Schlusskundgebung ist nur noch ein Teil der Teilnehmer vor Ort. Dann geht jede Gruppe wieder ihrer Wege.

Anmerkung: Die Gruppe „Omas gegen Rechts“ distanzierte sich am Tag nach der Demo von Teilnehmern des Aufzugs. „Die gestrige Veranstaltung in Hamburg Altona scheint völlig aus dem Ruder gelaufen zu sein“, heißt es in einer am Sonntagabend veröffentlichten Mitteilung, in der auch die Leiter der Demo als „überfordert“ kritisiert werden. Weiter heißt es: „Die Hamburger OMAS GEGEN RECHTS werden niemals mit Rechten, Verschwörungstehoretiker:innen der Coronaleugern:innen auf die Straße gehen. Auch, wenn wir alle für Frieden, sichere Mieten und gegen steigende Armut sind, lassen wir uns nicht von rechtsgesteuerten Strukturen kapern.“

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