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Freimaurer in Hamburg: Was verbirgt sich hinter den Mauern dieses „Palasts“?

Rotherbaum –

Was haben Verleger Axel Cäsar Springer, Friedensnobelpreisträger und Nazi-Opfer Carl von Ossietzky, Tierpark-Gründer Carl Hagenbeck und der Dichter Heinrich Heine gemeinsam? Diese berühmten Hamburger waren wie Mozart oder Friedrich der Große Freimaurer. Bei uns an der Elbe liegt die Wiege der Deutschen Freimaurerei. Das mächtige Logenhaus an der Moorweidenstraße in Rotherbaum ist Symbol dieser stolzen Tradition. Birgt es düstere Geheimnisse? Gibt es hier unheimliche Rituale? Den Freimaurern wurde ja lange nachgesagt, ein sinistrer Geheimbund zu sein. Der MOPO wurde aufgesperrt, wir durften einmal hinter die Kulissen des 111 Jahre alten Logenhauses blicken.

Aber zunächst erst mal ein kurzer Ausflug zu Geschichte und Zielen der Freimaurerei. 1723 wurde in England die erste Großloge gegründet. 1737 folgte eine in Deutschland, und zwar in Hamburg. Die Logenbrüder sahen sich in der Tradition mittelalterlicher Steinmetzbruderschaften. Sie wollten in der Zeit der Aufklärung einen ethischen Bund freier Menschen, die sich den Zielen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität verschrieben haben.

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Henning Schumann (51) führte die MOPO-Reporter durchs Logenhaus.

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Jeder Freimaurer ist bis heute verpflichtet, durch ständige Arbeit an sich selbst zu einem menschlicheren Verhalten zu gelangen. Dabei wird Wert auf Verschwiegenheit gelegt, und es besteht die Verpflichtung, die freimaurerischen Prinzipien nicht nach außen zu tragen. Das erweckte bei Außenstehenden Neugier, aber eben auch Argwohn.

Und Neugier trieb auch uns, die MOPO-Reporter. Was findet da hinter den mächtigen Türen des Logenhauses in Rotherbaum statt?

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Adler, Eulen, Paradiesvögel – das Gebäude ist voller Symbolik

Ein Anruf genügte und wir waren einen Tag später drin, freundlich und offen empfangen von Freimaurer? Henning Schumann (51). Vierzehn Logen residieren in dem Gebäude, und Schumann ist zwar kein geheimnisvoller Großmeister, vertritt die Logen aber in geschäftlichen Dingen nach außen.

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Ein 100 Jahre altes Glas­fens­ter im Trep­pen­haus der Jo­han­nis­loge.

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Der erste Eindruck: überall Symbolik. Büsten, Reliefs, Statuen, bunt-schillernde Glasfenster. Ein Adler aus Stein steht für Stärke, die Eule für die Weisheit und der Paradiesvogel für die Schönheit. Man weiß gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll.

Und die gekreuzten Hämmer? „Für die Macht des Meisters“, so Schumann. Ja, etwas Hokuspokus ist schon dabei. Während jedermann in die „Mozartsäle“ im Erdgeschoss darf – dort finden unter anderem regelmäßig Klassik-Konzerte statt – sind die Räume in den oberen Etagen für Außenstehende tabu. Wir durften aber den großen Zeremoniensaal mit herrlichem Sternenhimmel bestaunen, Fotos waren allerdings nicht erlaubt. So weit geht die Offenheit dann doch nicht. Einzelne Stühle sind beschriftet, man kann erkennen, wo der „Meister der Loge“ oder die „Erste und zweite Aufsicht“ ihren Platz haben.

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Im Mozartsaal finden regelmäßig klassische Konzerte statt.

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Theoretisch kann heute jeder „Freie Mann mit gutem Ruf“ Mitglied werden. Logen für Frauen gibt es übrigens auch. Vor einer Neuaufnahme müssen alle Mitglieder einer Loge zustimmen. Wer diese erste Hürde schafft, kann dann bis zu zehn „Erkenntnisstufen“ erklimmen.

„Schaue in dich, ändere deinen Sinn“ lesen wir auf einer Tafel. Die Kernbotschaft ist eigentlich ziemlich zeitgemäß: Demütig sein und sich selbst mal öfter hinterfragen … Freimaurer Schumann spricht schmunzelnd vom „ältesten Personal Coaching der Welt“.

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Wir spazieren an 400 hölzernen Fächern vorbei – da liegen die Zylinder der Freimaurer drin, die sie bei ihren Treffen tragen. Wir bestaunen wuchtige Gläser, die als rituelle Trinkgefäße dienen, und silberbeschlagene Hämmer. Und dann öffnet sich knarrend die Holztür zu einer Art „Dunkelkammer“.

In dem fensterlosen Raum befindet sich nur ein Tisch, auf dem ein Totenkopf (aus Kunststoff) steht. Eine Stunde muss ein Novize hier allein zubringen und darüber nachsinnen, ob er denn wirklich der Loge beitreten will.

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Überall ver­spielte Details wie hier Putten über einer Büste von Mozart.

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Das 1909 fertiggestellte Logenhaus ist übrigens in Deutschland das einzige, welches von Freimaurern für Freimaurer geplant wurde. Nun ist es aber in die Jahre gekommen. Die Fassade muss für 1,3 Millionen Euro saniert werden.

1941 organisierte die SS die Deportation jüdischer Hamburger

Und zum Schluss des Rundgangs erfahren wir dann doch noch düstere Geheimnisse. Die Nazis sperrten Freimaurer in Konzentrationslager, sie bezichtigten sie, Teil einer „Weltverschwörung“ zu sein. Gestapo und SS beschlagnahmten Bücher, brachen Wände auf, weil sie dort „Verstecke“ suchten. Das komplette Logenhaus wurde schließlich von der Gestapo beschlagnahmt und wertvolle Bücher gestohlen. Diese wurden der Staatsbibliothek übergeben und 1943 beim Bombenangriff vernichtet.

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Rituelle Gläser und ein „Hammer“ der Frei­mau­rer.

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Im Oktober 1941 kam es dann zum düstersten Kapitel in der Geschichte des Logenhauses. Die SS zog ein und organisierte von dort die Deportionen jüdischer Bürgerinnen und Bürger. Diese erhielten zuvor Schreiben mit dem Text: „Sie haben sich innerhalb von 24 Stunden in dem Logenhaus Moorweidenstraße 36 einzufinden.“ Auf der Wiese vor dem Logenhaus und auf der nahen Moorweide warteten die Menschen dann auf den Abtransport, der oft in Auschwitz endete. Heute heißt der Ort vor dem Logenhaus „Platz der jüdischen Deportierten“ und ein Mahnmal des Künstlers Ulrich Rückriem erinnert an ihr Schicksal.

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