Oft stehen Spaziergänger ratlos auf dem Moorfleeter Deich und blicken auf die Schwimm-Insel. Kaum einer errät, welchen Zweck das 27 Meter lange Teil aus Fiberglas einmal hatte.
  • Oft stehen Spaziergänger ratlos auf dem Moorfleeter Deich und blicken auf die Schwimm-Insel. Kaum einer errät, welchen Zweck das 27 Meter lange Teil aus Fiberglas einmal hatte.
  • Foto: Quandt

Es verfällt immer mehr: Die irre Geschichte des „Travemünder Atolls”

Moorfleet –

Da liegt es wie ein notgelandetes Ufo auf dem Wasser, das „Travemünder Atoll“. Seit Jahren schon dümpelt die skurrile „Insel“ in der Billwerder Bucht am Holzhafen vor sich hin. Dabei war das weltweit einmalige Fiberglas-Teil einmal eine angesagte Touristenattraktion am Ostseestrand.

Alles begann mit der fixen Idee des Künstlers Waki Zöllner (1935-2015). Der Bayer wollte ein Wassergefährt bauen, das in den Wellen nicht so schaukelt. Als Vorbild diente ihm ein schlichter Rettungsring. 1971 legte er in einer alten Flugzeughalle auf Finkenwerder los. Mithilfe einer Fiberglas-Firma und eines Unternehmers aus München arbeitete Zöllner zwei Jahre lang, dann war das Teil mit einem Durchmesser von 27 Metern fertig. Zwei Schlepper bugsierten das „Atoll“ über die Elbe in den Nord-Ostsee-Kanal und weiter nach Travemünde.

Die irre Geschichte des „Travemünder Atolls”

Im Sommer 1978 war es dort die große Touristenattraktion. Die Gastronomin Ursula Zirpens eröffnete ein Restaurant mit Disko auf dem „Travemünder Atoll“. 2013 erinnerte sich die damals schon 90-jährige Wirtin: „Wer gut schwimmen konnte, kam so hin. Für alle anderen gab es einen Fährservice durch einen Fischer. An Deck des Fiberglas-Kringels konnten sich die Gäste sonnen oder im Innenpool baden.“ Sogar einen Sprungturm gab es. Der Eintritt betrug fünf Mark (2,50 Euro) und die 150 Liegen an Bord waren im Hochsommer meist ausgebucht.

Ringschiff Anleger

Der Anleger ist ebenfalls etwas in die Jahre gekommen.

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Quandt

Doch der Spaß währte nur einen Sommer: Bei einem Sturm rissen Ankerketten. Ursula Zirpens: „Ich konnte gerade noch mein Geschirr retten.“ Ein Element ging unter, der Rest des Atolls wurde an den Strand gespült. Konstrukteur Waki Zöllner sprach später davon, dass „Neider“ die Ankerketten durchtrennt hätten. Doch Beweise dafür gab es nicht.

Ringschiff Detail

Diese Detailaufnahme zeigt den schlechten Zustand der Schwimm-Insel.

Foto:

Quandt

1979 wechselte das Atoll den Besitzer – für den symbolischen Preis von einer Mark ging es an die Uni Kiel. Die schaffte es schließlich auf einem Ponton Richtung Kiel. Die Uni baute das Atoll um und vertäute es als Fisch-Forschungsstation in der Kieler Förde. Durch extra an der Unterseite eingebaute Fenster konnte das Verhalten von Heringsschwärmen beobachtet werden. Bis Mitte der 90er Jahre blieb das Atoll dort liegen.

Das Atoll landete letztlich bei Ebay

2009 geriet es dann mehr oder weniger durch Zufall in den Besitz eines Hamburger Unternehmers. Der ließ es an seinen heutigen Liegeplatz am Moorfleeter Deich schleppen und bot es als „Größte künstliche Schwimminsel der Welt“ mal für 120 000, dann für 20 000 Euro bei Ebay zum Kauf an. Einige Interessenten, darunter auch eine Weltumseglerin, sahen sich das Objekt an. Doch keiner hatte das Kapital für einen Kauf oder gar eine Instandsetzung. Eigner Herbert W. meinte allerdings: „Da fehlt vor allem Farbe.“

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Damit ist es wohl nicht getan. Allein die Transportkosten des 30-Tonnen-Kolosses dürften bei mehr als 100.000 Euro liegen. So wird das „Travemünder Atoll“ wohl noch einige Jahre an dieser abgelegenen Ecke von Moorfleet vor sich hindümpeln.

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