• Hamburgerin und Comedienne Nicole Jäger (39) war Opfer häuslicher Gewalt.
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Comedienne über toxische Beziehungen: „Er wird versuchen, mich umzubringen“

In der Beziehung fliegen nur noch die Fetzen. Nach einem Treffen mit Freunden: Streit. Nach beruflichen Erfolgserlebnissen: Streit. Statt liebe Worte: nur noch Gemecker. Und dann auch noch vom eigenen Partner gestalkt werden und physische Gewalt erfahren: Wem das widerfährt, lebt in einer toxischen Beziehung. Stand-up-Comedienne Nicole Jäger (39) hat genau das erlebt – und darüber hinaus. In ihrem aktuellen Buch „Unkaputtbar. Wie mein Mangel an Selbstwert zum Problem wurde und wie ich da wieder rauskam“ schreibt die Hamburgerin über ihre Erfahrungen. Die MOPO hat mir ihr gesprochen.

Alles beginnt im Jahr 2015: Nicole Jäger lernt einen Mann kennen, verliebt sich bis über beide Ohren in ihn. Er überschüttet sie mit Liebe, schenkt ihr Aufmerksamkeit, macht ihr Komplimente. Alles scheint perfekt. Ein paar Jahre später passiert dann das: Jäger sitzt auf dem Sofa, ihr Partner schreit sie hysterisch an und bedroht sie. Sie umklammert heimlich ein langes, scharfes Küchenmesser. „Er wird wieder versuchen, mich umzubringen. Aber dieses Mal werde ich kämpfen“, denkt sie in dem Moment. Auch wenn sich das Paar nach dieser Eskalation tatsächlich wieder versöhnt, hat sich aus einer anfangs traumhaften Beziehung eine Partnerschaft entwickelt, die Nicole Jäger beinahe das Leben kostet. Wie konnte es dazu kommen?

Toxische Beziehung: „Und dann beginnt der Psychoterror“

„Es fängt alles mit Kritik an. Sowas wie: ,Du machst dich nicht mehr so schön für mich, du kümmerst dich nicht mehr um mich, dein Job ist dir wichtiger als ich‘. Und das wird dann immer mehr, immer lauter, immer ausfallender. Und dann beginnt der Psychoterror“, sagt Nicole Jäger zur MOPO.

„Eine toxische Beziehung beginnt dann, wenn die Partner nicht mehr wohlwollend miteinander umgehen“, sagt Christine Geschke, Psychologin und Paartherapeutin aus Eppendorf. „Betroffene sind oft argwöhnisch, anstatt zu vertrauen. Man wird schließlich unglücklich, in sorgenvollen Gedanken um die Beziehung“.

Christine Geschke
Christine Geschke, Psychologin aus Hamburg.

Jägers Alltag ist irgendwann geprägt von genau solchen sorgenvollen Gedanken: „Was mache ich falsch? Wie kann ich es besser machen?“, fragt sie sich. „Mein Ex-Partner hat meine Verfehlungen in Excel-Listen eingetragen, um sie mir vorzulegen. Alles, was ich außerhalb unserer Beziehung gemacht habe, hat er als Affront gegen ihn wahrgenommen“, sagt Jäger.

Eines Tages hat Jäger einen wichtigen Fernsehtermin. Lange hat sie auf diesen Moment hingearbeitet. Als sie im Hotel ankommt, steht er da: ihr Partner. „Das war so unglaublich peinlich. Er hat sich dann volllaufen lassen und so ein heftiges Drama gemacht. Das ganze Hotel hat es mitbekommen“, sagt Jäger. „Er hat dafür gesorgt, dass ich nicht eine Stunde Schlaf bekomme und wollte, dass ich den Termin vergeige“.

Comedienne Nicole Jäger aus Hamburg: Gestalkt und gemobbt vom eigenen Freund

Ein weiterer Vorfall ereignet sich auf der Beerdigung von Jägers Oma. Die Trauerfeier findet in ihrem Haus statt. Nicht ihr Partner steht an diesem Tag im Mittelpunkt, sondern die verstorbene Oma. „Von ,Ihr geht jetzt alle nach Hause‘ bis zu ,Hier bekommt nun niemand mehr etwas zu essen‘ war alles dabei. Er hat einen riesigen Aufstand gemacht. Vor meiner ganzen Familie“, sagt Jäger. Die Familie geht schließlich, er gibt ihr die Schuld.

Bis dahin äußert sich die toxische Beziehung anhand von Vorwürfen, Kritik und lautem Geschrei – verbale und psychische Gewalt. Bis zu jenem Tag. Nachdem sie ihm sagt, dass sie ihn verlassen will, kommt es erneut zur Eskalation, dieses Mal aber noch viel schlimmer: Nicole Jäger wird von ihrem Freund brutal gewürgt. Es bleibt nicht bei dem einen Mal. Nach einem weiteren Streit passiert es erneut.


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Partnerschaftsgewalt während Pandemie gestiegen

Laut Bundesministerium für Frauen ist jede dritte Frau in Deutschland mindestens einmal in ihrem Leben Opfer häuslicher Gewalt. Im Corona-Jahr 2020 sind Fälle von Partnerschaftsgewalt in Hamburg sogar um zehn Prozent gestiegen. 5400 Opfer zählte die Hamburger Polizei im vergangenen Jahr. Dabei wird nicht mal jeder Fall gemeldet. So auch der von Nicole Jäger. Aus Angst, Scham und Desorientierung behält sie es für sich, wie sie sagt.

Nach dem Übergriff ist Jäger sich noch sicherer, dass sie sich trennen muss. Sie bleibt jedoch noch anderthalb Jahre mit ihrem tyrannisierenden Freund zusammen. Doch wieso? Jäger spricht von Angststörungen, Panikattacken. „Er hat mich wissen lassen ,Wenn du dich trennst, dann überlebst du das nicht’“, sagt die 39-Jährige.

Nicole Jäger: „Es gibt einen Weg da raus“

„Gute Nachricht: Man kommt da raus“, sagt sie. Jäger trennt sich schließlich sukzessiv. Sie nimmt ihm heimlich die Schlüssel für ihre Haustür weg, sagt ihm nicht mehr, wo sie ist, reagiert nicht mehr auf seine Nachrichten und Anrufe. Als für Jäger der Entschluss feststeht, dass sie sich trennt, zieht ihre beste Freundin bei ihr ein. „Alleine hätte ich das niemals geschafft“, sagt Jäger. Telefonisch macht sie Schluss mit ihm – zur Sicherheit. Nach ein paar Versuchen, Jäger aufzulauern, bricht dann endlich der Kontakt zu ihrem gefährlichen Ex-Freund ab.

Hamburgerin und Comedienne Nicole Jäger (39) konnte sich aus der gefährlichen Beziehung befreien.
Hamburgerin und Comedienne Nicole Jäger (39) konnte sich aus der gefährlichen Beziehung befreien.

Jäger hat es geschafft, sich zu lösen. Sie ist nach all den Jahren psychischer und auch physischer Gewalt endlich wieder frei. Das Schreiben ihres Buches ist ihr Ventil gewesen. „Ich konnte es damals noch nicht in Worte fassen, deswegen habe ich das Buch geschrieben. Eigentlich hätte ich damals zur Polizei gehen müssen. Und das rate ich allen Betroffenen. Oder redet zumindest mit irgendjemanden. Und wenn es der Postbote ist. Das ist der erste Schritt in die richtige Richtung“, so Jäger.

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Nicole Jäger wurde bekannt, als sie vor zwei Jahren ordentlich abnahm und daraus ein Comedy-Programm entwickelte. Die Hamburgerin hat mal ganze 340 Kilo gewogen – nun sind es 150. Aktuell wirbt sie für ihr Buch in der Öffentlichkeit und unterstützt Frauen, die sich in ähnlichen Beziehungen befinden, wie sie damals. Am 13. Dezember 2021 liest Nicole Jäger im Schmidt Theater aus ihrem Buch „Unkaputtbar. Wie mein Mangel an Selbstwert zum Problem wurde und wie ich da wieder rauskam“ vor. Interessierte können Tickets auf der Webseite www.tivoli.de kaufen.

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