• Soll an das Blut erinnern, das im Stadthaus während der Nazi-Zeit vergossen wurde: Die Bodenplatten vorm Stadthaus werden zerbrochen und mit weichem roten Gummigranulat wieder aufgefüllt.
  • Foto: privat

Eindrucksvoll oder erschreckend respektlos? Streit um NS-Gedenkstätte

Eins ist sicher: Es wird, wenn‘s fertig ist, das ungewöhnlichste Denkmal Hamburgs sein. Eins, über das die Passanten schreiten, laufen, gehen, hüpfen, stolpern werden – hoffentlich merkt auch jeder, dass das Rote da auf dem Boden ein Denkmal ist.

In den kommenden Wochen werden die Künstler Ute Vorkoeper und Andrea Knobloch  –„missing icons“ nennt sich das Duo ­–  die Gehwegplatten vor dem Stadthaus an der Stadthausbrücke mit dem Presslufthammer zertrümmern, um dann die freigeschlagenen großen Flächen und die sie verbindenden dünneren Adern mit weichem Gummigranulat und einer hellroten Schicht aus Granulat und Split aufzufüllen. „So entsteht eine ebene, nun markant federnde und farbige Oberfläche als Spur im Bürgersteig“, so die Kulturbehörde.

Eindrucksvoll oder erschreckend respektlos?
Senator Carsten Brosda und die beiden Künstlerinnen Andrea Kobloch und Ute Vorkoeper. Letztere hat sogar schon einen Presslufthammer im Anschlag.

Was das bringt? Für 250.000 Euro soll ein „Denkzeichen“ gesetzt werden. Die rosa Farbe erinnere an Haut, Fleisch und Blut. Sie soll eine Ahnung von dem Schmerz transportieren, den während des Nationalsozialismus Menschen empfanden, die im Stadthaus geschlagen, gequält, gefoltert und ermordet wurden. Denn das Stadthaus – heute Stadthöfe genannt und ein Luxustempel mit Luxusgeschäften und Luxushotel – war von 1933 bis 1943 die Zentrale des Terrors in Norddeutschland. Hier wurden die Deporationen der Juden geplant. Hier saßen die Befehlshaber der Reserve-Polizei-Bataillone und ordneten unfassbare Massaker in Osteuropa an.

Eindrucksvoll oder erschreckend respektlos?
Umgebaut zum Luxus-Tempel: das alte Stadthaus (jetzt „Stadthöfe“) war bis 1943 Gestapo-Zentrale.

Im Gebäude selbst befindet sich eine Gedenkstätte, über die schon gestritten wurde, bevor sie überhaupt eröffnet war: Die Erwartung von Historikern und NS-Opferverbänden, dass dort auf mehreren Hundert Quadratmetern die Geschichte der NS-Verfolgung und des antifaschistischen Widerstands erzählen werden könnte, erfüllte sich nicht. Gerade mal 70 Quadratmeter Platz hat die Ausstellung und muss sich den auch noch mit einem Buchladen und einem Lesecafé teilen. Der Unmut darüber war groß und hält immer noch an.

Dass nun zusätzlich dieses Bodenrelief geschaffen wird – „Stigma“ nennt es sich – ist zu verstehen als Versuch der Stadt, die Kritiker milde zu stimmen. Nach dem Motto: „Wir tun doch alles, was wir können, um die Erinnerung an die Opfer wachzuhalten.“

Doch nicht jeder ist angetan. Einer der schärfsten Gegner ist Pastor Ulrich Hentschel, einst Studienleiter für Erinnerungskultur an der Evangelischen Akademie in Hamburg. „Die am Stadthaus vorbeigehenden Menschen gehen über das Blut hinweg, treten auf Haut und Wunden”, sagt er. „Und weil sich ,haptisch‘ ein Gefühl wie auf einer Sportfläche einstellt, wird ihr Schritt ein leichter und federnder. Sie könnten von Fläche zu Fläche hüpfen.“ Für Hentschel ist „Stigma“ „erschreckend und respektlos“.

Eindrucksvoll oder erschreckend respektlos?
Kritiker: Pastor Ulrich Hentschel hält mit seiner Meinung nicht hinterm Berg

Ganz anderer Meinung ist Kultursenator Carsten Brosda (SPD): „Das Grauen, das von diesem Ort ausging, hat tiefe Narben hinterlassen – dies zeigt ,Stigma‘ auf eindrückliche Weise und leistet so einen wichtig Beitrag gegen das Vergessen“. Und die beiden Künstlerinnen sagen: „Stigma‘ ist und bleibt verstörend. Im Kunstwerk verschmelzen brutale Gewalt und sorgfältige Reparatur, Unrecht und Wiedergutmachung, Verdrängung und Reflexion“.

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