Straßenmusikerin Enna 
  • Straßenmusikerin Enna 
  • Foto: Volker Schimkus

Desolate Lage für Musiker in der Corona-Krise: Sängerin Enna mit berührendem Posting

Wenn in diesen Tagen ihr Handy klingelt, dann gibt es schlechte Nachrichten. Meist ist jemand dran, der einen Auftritt absagt. Wieder einmal. Anne Peter (33) aus Lokstedt ist selbstständige Sängerin. Künstler wie sie hatten es auch vor Corona nicht leicht, aber seit die Pandemie das kulturelle Leben in die Knie gezwungen hat, geht es bei vielen um die nackte Existenz. In einem berührenden Posting auf Facebook hat sie Einblicke gegeben, wie desolat die Situation für selbstständige Musiker wie sie derzeit ist. 

35,11 Euro. Diesen Betrag muss Anne Peter jeden Tag verdienen, wenn sie all ihre Kosten decken will – also Miete, Internet, Handy, Lebensmittel, Krankenversicherung, Monatsticket. 35,11 Euro pro Tag, das klingt überschaubar. In einem Monat sind das aber schon 1053 Euro. Derzeit bekommt sie das Geld aber kaum zusammen, weil eine Absage nach der anderen eintrudelt, wie sie auf Facebook schreibt. 

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Gerade erst wurde ein Auftritt gestrichen, der 380 Euro eingebracht hätte. Ein Schock. „Das heißt für mich nun 10,8 Tage ohne Existenzgrundlage. Für mich sind es zehn Tage würdevoll funktionieren, ein Dach über dem Kopf haben, satt sein, am Leben teilhaben. Durch Corona sind mir nun viele dieser Aufträge weggefallen. Diesen Zustand betrachte ich als äußerst kritisch, nicht nur für mich. Er raubt mir meine Lebensgrundlage, meinen Schlaf und meine Würde“, schreibt sie auf Facebook. 

Es ist nicht nur ein Problem, dass Auftritte abgesagt werden – es kommen auch keine neuen Aufträge herein. Mit ihrem Singer/Songwriter-Pop tritt sie unter dem Künstlernamen Enna vor allem auf Hochzeiten auf, die gerade reihenweise verschoben werden. Eigentlich kommen im Herbst die ganzen Anfragen für Hochzeiten im Frühjahr. Eigentlich. Auftritte als Straßenmusikerin als Ausgleich bringen nicht viel ein. 

Musikerin Enna hält sich mit einem Nebenjob über Wasser

Anne Peter arbeitet auch als Gesangslehrerin, Chorleiterin und Musikpädagogin. Auch hier fällt gerade vieles flach. Mit Sorgen blickt sie auf die kommenden Monate. „Im Winter arbeite ich für gewöhnlich auf dem Weihnachtsmarkt in Dresden, um mir für die auftragsarme Zeit Anfang des Jahres ein kleines finanzielles Polster zuzulegen. Aber ob der Weihnachtsmarkt stattfinden kann, ist völlig offen. Ohne ihn bricht es mir finanziell das Genick“, sagt Anne Peter im Gespräch mit der MOPO. 

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Es gibt Hilfen für selbstständige Künstler wie sie. Im Frühjahr hat sie 2500 Euro als Corona-Soforthilfe von der Stadt Hamburg bekommen. Insgesamt 10.600 Künstler haben das Geld in Anspruch genommen, rund 30 Millionen Euro wurden ausgeschüttet. Die Neustartprämie in Höhe von 2000 Euro, die noch bis Ende des Jahres beantragt werden kann, haben bislang etwas mehr als 6300 Künstler in Hamburg bekommen, 12,76 Millionen Euro wurden bereits ausgezahlt.

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Anne Peter hat die Neustartprämie noch nicht beantragt. Sie will lieber noch ein wenig warten – bis gar nichts mehr geht. Damit zumindest noch ein bisschen etwas reinkommt, hat sie einen kleinen Nebenjob bei der Diakonie angenommen, damit ein paar hundert Euro jeden Monat sicher sind. Zuviel darf sie jedoch nicht nebenbei verdienen, sonst fliegt sie aus der Künstlersozialkasse. 

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Was also tun? Ein Bekannter von ihr, ebenfalls Sänger, hat das Mikro bereits an den Nagel gehängt. Er arbeitet jetzt Vollzeit in einem Discounter als Verkäufer. Ihre geliebte Musik aufzugeben, das kann sich Anne Peter nicht vorstellen. „Ich will unbedingt Künstlerin und Musikerin bleiben“, sagt sie. Einen Plan B hat sie nicht. Vielleicht irgendwann in eine andere Stadt ziehen, die billiger als Hamburg ist. Oder auf Reisen gehen, ganz low budget, und Inspiration für neue Lieder sammeln. 

Nach ihrem Beitrag auf Facebook gab es ganz viel freundliche Worte. Manche haben konkrete Unterstützung angeboten. Das hat Anne Peter sehr gefreut. Sie sagt: „Es fällt mir schwer, die Hilfe anzunehmen. Aber dass so viel positive Rückmeldung kommt, das ist schon ein schönes Gefühl.“

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