Hamburg Demo Ukraine
  • Zehntausende Hamburger:innen demonstrieren gegen den Krieg und für Frieden in der Ukraine.
  • Foto: Röer

Hamburg: Zehntausende bei Friedensdemo – Worte von Ukrainern machen Gänsehaut

Hamburg hat heute erneut ein starkes Zeichen der Solidarität mit den Menschen in der Ukraine gesetzt: Zehntausende haben bei einer Großdemonstration unter dem Motto „Frieden in der Ukraine und Sicherheit in Europa“ in der Innenstadt protestiert. Es gab zahlreiche Redebeiträge mit bewegenden Worten. Die MOPO war vor Ort und hat den Protest im Liveticker begleitet. Hier können Sie den Verlauf der Demo noch einmal nachlesen:

– Wir beenden unseren Liveticker an dieser Stelle und danken Ihnen für Ihr Interesse! Über die Lage in der Ukraine halten wir Sie selbstverständlich weiter auf MOPO.de auf dem Laufenden.

Demo Konsulat Ukraine Hamburg
Demonstrant:innen vor dem ukrainischen Konsulat in Hamburg.

– Vor dem ukrainischen Konsulat gibt es noch einige Redebeiträge, unter anderem von den Vorsitzenden der Jugendorganisationen, die ebenfalls zur Demo aufgerufen hatten. Die Teilnehmer:innen machen sich langsam auf den Heimweg.

Putin du bist so 1 Pimmel

– Die „Hamburger Bollemädels“ sind offen schwul lebende Männer, die sich in den 80er Jahren mit dem Gedanken befasst haben, Deutschland zu verlassen, weil die Aids-Hysterie damals zu bedrohlich war: „Wir können nachempfinden, wie schwer es ist, sich zu fragen, ob man die Heimat hinter sich lassen soll. Das war damals etwas anderes natürlich, aber wir können uns an das Gefühl erinnern. Und wir wissen auch, dass wir als schwule Männer unter Putin ganz schnell weg vom Fenster wären. Dieser Krieg zwingt uns auch dazu, die eigenen Werte zu überprüfen. Wir haben damals den Wehrdienst verweigert, würden wir das heute wieder machen? Wir haben als Schüler in Bonn gegen die Aufrüstung demonstriert, wir sind pazifistisch sozialisiert und plötzlich müssen wir uns mit einem Krieg auseinandersetzen. Da ist es das Mindeste, sich solidarisch zu zeigen. Auch wenn Europa nur von ferne zusehen kann, wie die Ukrainer für uns kämpfen.“

Hamburger Bollemädels
Die „Hamburger Bollemädels“

– „Ich stehe hier, um daran zu erinnern, dass Russland nicht zu 100 Prozent hinter Putin steht, sagt Demonstrant Björn Köcher am Rande der Demo. „Viele Menschen wissen gar nicht, was in der Ukraine gerade passiert. Und es gibt auch heute wieder viele Russen, die gegen den Krieg auf die Straße gehen. Denen droht das Straflager, das kann man sich hier ja gar nicht vorstellen. Ich habe auch schon davon gehört, dass hier lebende Russen diskriminiert werden, obwohl sie auch gegen Putin sind. Das darf nicht passieren. Putin und Russland sind nicht dasselbe.“

Björn Köcher
Demonstrant Björn Köcher

– Annas Worte sind extrem bewegend. Die Ukrainerin: „Ich wünsche euch, dass ihr euch nie für immer von euren Familien verabschieden müsst. Das teilt das Leben in ein davor und danach. Wenn der Krieg vorbei ist, werden wir lange schweigen und dann werden wir das Fest unseres Leben feiern. Bitte unterstützt uns, tut alles, dass die Ukraine überlebt. Bitte, bitte, schließt den Himmel. Putins Armee wird von dem Geld für Gas finanziert. Ein Gas-Embargo ist das Instrument diesen Krieg zu beenden. Bitte!“

Demo Hamburg Generalkonsulat
Kundgebung vor dem ukrainischen Generalkonsulat.

– Jetzt spricht Anna, eine Ukrainerin, die vor 20 Jahren als Austauschstudentin nach Hamburg gekommen ist: „Ich dachte, nach dem Jugoslawienkrieg kann es in Europa keinen Krieg mehr geben. Ich habe mich getäuscht“, sagt sie. „Komme aus Süden der Ukraine, das ist seit dem ersten Tag des Krieges besetzt, da weht die russische Fahne. Die Russen haben die Genfer Konvention unterzeichnet, aber ich kriege Anrufe, dass Nahrung für Babys fehlt. Frühgeborene sind dem Tode geweiht.“

Und weiter: „Der russische Kommandant lässt uns unsere Soldaten nicht beerdigen. Die einfachen Menschen dürfen die toten Soldaten erst beerdigen, wenn die Ukraine sich ergibt, sagt er. Das ist doch wie aus einem alten Film!“ Die Menschen hören schweigend zu.

– Vor dem Konsulat der Ukraine findet eine weitere Kundgebung statt. Katharina aus Charkiv spricht: „Meine Heimat roch nach Brot, jetzt riecht sie nach Krieg. Statt des Frühlings kommen Bomben in die Stadt und ich muss mit meinem Vater und meinen Großeltern darüber sprechen, ob sie genug zu essen haben und ob sie die Fenster angeklebt haben, damit sie bei Bombenangriffen nicht zerspringen.“ Ihre Forderung: „ Gas-Embargo jetzt! Schließt den Himmel jetzt!“

– Die Spitze des Demo-Zuges ist mittlerweile am Ziel angekommen.

– Wegen den des großen Zulaufs haben die Veranstalter der Demo die Route in Absprache mit der Polizei geändert: Die Demonstrant:innen laufen über die Lombardsbrücke, dann zurück über die Kennedybrücke und schließlich entlang der Außenalster in Richtung Alsterwiese Schwanenwik, wo sich auch das ukrainische Generalkonsulat befindet.

Demo Hamburg Ukraine Frieden

– Demonstrantin Anna Hochhalter (37) ist Erzieherin an eine Hamburger Grundschule: „Ich habe deutsch-russische Wurzeln, meine Großeltern kamen aus der Ukraine, dieser Krieg zerreißt meine Seele“, sagt sie. „Die Menschen waren einmal eins, wir haben eine gemeinsame Geschichte und jetzt töten die Russen ihre Nachbarn, weil die Nachbarn sich entschieden haben, einen anderen Weg einzuschlagen. Ich bin sehr aufgewühlt und ich merke mehr als je zuvor, dass meine Werte westlich sind. Aber mein Herz blutet.“

Demo Hamburg Ballindamm
Anna Hochhalter demonstriert mit einem Kant-Zitat.

– Auch mit dabei: Bozhena (23) und Mauricio (25) mit Hund Yuta, der ein ein Lätzchen trägt: „I woof for Ukraine“. Bozhena ist Ukrainerin und Masterstudentin an der Hamburg Media School: „Ich lebe zur Zeit in einer völlig anderen Realität als meine Familie in der Ukraine. Ich sehe die große Solidarität und das ist ein gutes Gefühl. Vom Herzen her würden wir uns natürlich wünschen, dass die Amerikaner oder die NATO eingreift und uns rettet. Meine Familie sieht die humanitäre Katastrophe, die sich gerade ereignet und wir fragen uns: Warum schützt man unseren Himmel nicht? Das sind Emotionen. Vom Verstand her verstehe ich natürlich auch die Angst vor einem dritten Weltkrieg. Es ist sehr schwer. Ich schicke Fotos von der Demo an meine Familie und es hilft, zu sehen, dass die Welt auf unserer Seite ist.“

Bozhena Mauricio Demo Hamburg
Bozhena und Mauricio mit Hund Yuta.

– Der Demozug ist inzwischen auf Höhe des Hotels Atlantic angekommen.

Demo Hamburg Ukraine
Tausende Hamburger:innen demonstrieren für Frieden in der Ukraine.

– Auch die Aktivist:innen von „Fridays for Future“ demonstrieren mit. Sie haben einen Wagen dabei, es läuft ukrainische Musik. Die Rufe „Refugees are welcome here“ der Aktivist:innen werden allerdings nur von wenigen wiederholt – das ist augenscheinlich nicht die Klientel für große Sprechchöre.

– Familie Hetzel ist mit Freunden zur Demo gekommen. Natalia Hetzel stammt aus der Ukraine. Anabelle (12) trägt typischen ukrainischen Kopfschmuck. Natalia Hetzel ist berührt von der riesigen Menschenmenge: „Diese Solidarität hilft nicht nur der Ukraine, sie hilft der ganzen Welt.“

Familie Hetzel Demo
Familie Hetzel am S-Bahnhof Jungfernstieg

– Unter den vielen Tausend Demonstrant:innen sind auch Anna (32) und Ann Katrin (29) aus Hamburg. Sie hatten bisher keine Verbindung zur Ukraine, zeigen sich jetzt aber solidarisch: „Diese Unterstützung hat jedes Land in so einer Situation verdient.“

Demo Ukraine Anna Ann Katrin
Anna (32) und Ann Katrin (29) aus Hamburg.

– Die Menschenmasse setzt sich nun langsam in Bewegung. Es gibt Durchsagen: „Bitte geht erst los, wenn die Menschen vor euch sich in Bewegung setzen.“ Die Demonstrant:innen sind sichtlich bemüht, die Abstände einzuhalten. Nahezu alle tragen übrigens Masken.

– Die Polizei hat gegenüber der MOPO eine erste Schätzung zur Teilnehmer:innenzahl bekanntgegeben: Demnach demonstrieren aktuell „mehr als 30.000 Menschen“.

– Das Teilnehmerfeld ist sehr bunt gemischt: Sehr bunt gemischt. Junge und ältere Demonstrant:innen, viele mit der Taube auf Plakaten und „Kein Krieg nirgends“-Schildern um den Hals. Menschen mit ukrainischen Flaggen um die Schultern, Familien mit selbstgemalten Schildern „Für den Frieden“. Auch zu sehen: Regenbogen-Pace-Flaggen, Schilder, die Putin mit Hitler-Bart zeigen. Einige halten auch Schilder mit konkreten Forderungen hoch: „Wo bleibt die NATO?“ oder „Children cry, close the sky.“

Demo Hamburg Ukraine
Auch Familien mit Kindern demonstrieren mit.

– Verlässliche Schätzungen zur Teilnehmer:innenzahl liegen uns noch nicht vor. Aber es sind Tausende, die aktuell in Hamburgs Innenstadt demonstrieren.

– Auch Bischöfin Kirsten Fehrs spricht am Jungfernstieg: „Wir sind traurig, erschüttert und zornig auf Putin! Stoppt den Wahnsinn! Nein zum Krieg!“, sagt sie. Die Ukraine sei eine blutende Wunde am Körper Europas. „Der Krieg ist ein himmelschreiendes Unrecht. Mit Worten haben wir nichts erreicht, aber mit Zeichen. Und diese Menschen hier sind ein Zeichen, dass wir alles tun, dem Frieden aufzuhelfen. Lasst den Hass nicht in euer Herz. Gott segne euch. Gott segne und alle mit Findigkeit und Friedensmut.“

Demo Hamburg Ukraine Jungfernstieg
Viele Demonstrant:innen haben Schilder und Plakate dabei.

– „Hamburg ist ein sicherer Hafen für Geflüchtete aus der Ukraine, unabhängig von der Hautfarbe und der Nationalität“, sagt Katharina Fegebank. Dass Deutschland Waffen zur Verteidigung in die Ukraine liefere, unterstütze sie ausdrücklich. „Wir müssen uns unabhängig machen von Gas, Öl, Kohle aus Russland. Klimapolitik ist Sicherheitspolitik“, so die Zweite Bürgermeisterin.

– Hamburgs Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne) ist von der riesigen Demo-Beteiligung begeistert: „Wow! So viele Menschen, so viel Gelb und Blau, die Farben der Freiheit und Demokratie!“

Fegebank Demo Hamburg Ukraine
Hamburgs Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank am Jungfernstieg.

„So viele Menschen sagen: Stoppt Putins Krieg! Putin ist nicht Russland. Unsere Gedanken sind auch bei den Menschen, die heute in Russland auf die Straße gehen und ihr Leben riskieren“, sagt Fegebank in ihrem Redebeitrag. Aus dem Autokraten Putin sei ein Kriegsverbrecher geworden. „Wir sind entsetzt, aber nicht tatenlos. Wir halten zusammen für Demokratie, Freiheit und Recht.“

– Auch Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) hält eine kurze Rede: „Wir sind jeden Tag erschüttert von den Bildern der Menschen, die sich tapfer den Truppen entgegenstellen“, sagt sie. Und in Richtung des russischen Präsidenten: „Putin, Sie haben es in der Hand, beenden Sie den Krieg. Lassen Sie die Menschen, die für ihre und unsere Freiheit kämpfen, am Leben!“

– Bevor die Demonstrant:innen losziehen, gibt es eine Auftaktkundgebung am Jungfernstieg, bei der unter anderem Mitglieder der ukrainischen Diaspora sprechen.„Wir fordern das Ende der Städtepartnerschaften mit russischen Städten“, sagt ein Redner. Sein dramatischer Appell: „Unterschätzt Russland nicht! Im Moment verteidigt die Ukraine Europa. Wenn die Ukraine fällt, kommt der Krieg hierher.“

– Zum Auftakt gibt es eine Schweigeminute für die Opfer des russischen Angriffskriegs. Die ukrainische Generalkonsulin spricht: „Lasst uns gemeinsam Nein sagen zum Krieg“, sagt sie. Der Kampf gehe weiter „und wir müssen ihn gewinnen“.

– Es ist proppevoll am Jungfernstieg und in den Bahnen – viele sind noch auf dem Weg zur Demonstration.

Demo Ukraine Jungfernstieg
Demonstrant:innen am Jungfernstieg.

– Der geplante Demoverlauf: Vom Jungfernstieg soll es über Ballindamm, Glockengießerwall, Steintorplatz und Kirchenallee in Richtung Hauptbahnhof gehen, dann weiter über die Ernst-Merck-Straße in Richtung Alsterwiese Schwanenwik. Dort am Mundsburger Damm befindet sich das ukrainische Generalkonsulat, das Ziel der Demo.

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– Die Veranstalter:innen rechnen mit bis zu 50.000 Teilnehmer:innen. Die Polizei rät dazu, mit U- und S-Bahn zur Demo anzureisen. Wer heute mit dem Auto unterwegs ist, sollte den Innenstadt-Bereich weiträumig umfahren.

– Redebeiträge soll es von Bischöfin Kirsten Fehrs und Hamburgs zweiter Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne) geben.

– Um 12 Uhr soll die Großdemo am Jungfernstieg beginnen. Organisiert wird der Protest von der ukrainischen Diaspora, unterstützt von zahlreichen Jugendorganisationen, Parteien, Gewerkschaften und zivilgesellschaftlichen Organisationen. Es ist die zweite Großdemonstration in dieser Woche: Bereits am Donnerstag demonstrierten Zehntausende für den Frieden.

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