Eine Patientin wird im Hamburger Corona-Impfzentrum beraten.
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Debatte ums Impfen: Zwei Dosen oder viele einzelne? Diesen Weg geht Hamburg

Knapper Impfstoff und die Suche nach der richtigen Strategie: Seit rund einer Woche ist das Hamburger Impfzentrum im Einsatz. Im Vergleich mit den anderen Bundesländern liegt die Stadt beim Impfmarathon im hinteren Mittelfeld. Für Verwirrung sorgte am Dienstag zusätzlich die Ankündigung einer neuen Impfstrategie. Die MOPO erklärt, was es damit auf sich hat und warum die Strategie, schneller zu impfen, nicht zwingend eine Bessere ist.

Hat sich Hamburg für eine neue Impfstrategie entschieden?

Nein, alles bleibt wie geplant. Weiterhin hat auch in Hamburg die Zweitimpfung von Personen Vorrang vor dem ersten Impfen anderer. So empfiehlt es auch die Ständige Impfkommission (STIKO).

Eine Aussage des Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg, Walter Plassmann, hatte am Dienstag für Verwirrung gesorgt. Er hatte angekündigt, dass Hamburg seine Impfstrategie ändert. Die zweite Impfstoffdosis, die jeder Geimpfte nach drei Wochen erhält, solle nicht mehr aufgespart sondern ebenfalls an Erstimpflinge vergeben werden. Grund hierfür seien die unregelmäßigen Impfstofflieferungen.

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Wenig später klärte Hamburgs Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) auf, dass die Lieferungen des Impfstoffs bisher tatsächlich nicht immer regelmäßig eingetroffen sind. Allerdings ändere dies nichts an der bestehenden Strategie. „Zu der Verwirrung ist es gekommen, weil die Sorge bestand, dass wir bei dieser Geschwindigkeit nicht mehr ausreichend Impfstoff zurückstellen können. Das können wir aber“, so Leonhard.

Was passiert, wenn demnächst eine Impfstofflieferung für Hamburg ausfällt?

„Falls mal eine Lieferung ausfällt, kommen wir Ende Februar in die Situation, dass auch mal eine Erstimpfung ausfallen kann“, so Hamburgs Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) am Mittwoch auf der Landespressekonferenz. Dies sei gegenwärtig aber noch nicht der Fall.

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„Wir haben die Hälfte der Impfdosen, die uns bisher zugegangen sind, verbraucht. Wäre uns in der vergangenen Woche am Freitag keine weitere Lieferung zugegangen, könnten wir in dieser Woche keine Erstimpfungen durchführen“, so Leonhard. Am Sonntag soll den ersten Impflingen die nach drei Wochen nötige Zweitimpfung gespritzt werden.

Warum wird zweimal geimpft?

Die beiden Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna, haben in Studien die Zahl der Erkrankungen bereits nach der ersten Impfdosis gesenkt. In der Gruppe der Geimpften wurden rund 50 Prozent weniger Covid 19-Fälle beobachtet als in der Gruppe der Nicht-Geimpften. Nach drei Wochen gab es die zweite Impfung. Ein Vergleich der beiden Gruppen zeigte, dass nun 95 Prozent der Erkrankungen vermieden werden konnten.

Das Corona-Impfzentrum in den Hamburger Messehallen.

Das Corona-Impfzentrum in den Hamburger Messehallen.

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Mit nur einer Impfung könnten also voraussichtlich nicht genügend Erkrankungen in der Bevölkerung vermieden werden, um eine Herdenimmunität auch für Ungeimpfte zu erreichen. Außerdem ist ungewiss, ob die Schutzwirkung der ersten Dosis von Dauer ist, da es keine Studiengruppe gab, in der auf die zweite Dosis verzichtet oder länger als drei Wochen gewartet wurde.

Welchen Sonderweg geht Großbritannien?

Großbritannien verzeichnet derzeit wohl auch aufgrund der neuartigen Mutation B 1.1.7 extreme Rekordzahlen Infizierter und Toter im Land. Der dortige Impfstoff-Ausschuss hat empfohlen, vorerst möglichst viele Menschen nur mit der ersten Dosis zu impfen. Die zweite Dosis könne auch noch zwölf Wochen nach der ersten verabreicht werden. Ob die Strategie der flächendeckenden Erstimpfung aufgeht, lässt sich nicht vorhersagen. 

Schlange stehen: In Großbritannien sollen möglichst schnell viele Menschen eine Erstimpfung erhalten (Symbolbild).

Schlange stehen: In Großbritannien sollen möglichst schnell viele Menschen eine Erstimpfung erhalten (Symbolbild).

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Was ist besser: Zwei Impfdosen oder viele einzelne?

Selbst die Wissenschaftler sind sich uneins. Einerseits gibt es eben keine Studien, in denen nur der erste Impfstoff zum Einsatz kam. Zudem hätte man „eine große Population mit einer schwachen Immunität, die dem Virus die Tür öffnet, weitere solcher Mutationen zu entwickeln“, sagte Isabella Eckerle, Leiterin des Zentrums für neu auftretende Viruserkrankungen an den Universitätskliniken in Genf, im „Heute-Journal“.

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Andererseits ist die Mutation auch ein Argument für eine möglichst schnelle Impfung vieler Menschen. Der Impfstoff-Forscher Leif-Erik Sander von der Berliner Charité sagte in „Science Media Center“, er halte derzeit eine Strategie für effektiver, bei der möglichst viele Menschen frühzeitig geimpft werden „also ohne Dosen für die zweite Impfung zurückzuhalten.“ 

Die zweite Impfung „kann meiner Meinung nach problemlos etwas verzögert gegeben werden, ohne dass wesentliche Abstriche bei der Wirksamkeit zu erwarten sind“, so Sander. Auf diese Weise könne man schnell Zeit im Kampf gegen das Virus gewinnen. Für einen langfristigen Schutz sei die zweite Impfung jedoch dennoch wichtig.

Wie steht Hamburg im bundesweiten Vergleich da?

Insgesamt sind nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) in der Hansestadt bis einschließlich Montag 14.273 Menschen geimpft worden. Mit 6649 wurden die meisten aufgrund einer beruflichen Indikation vorgenommen – also etwa beim medizinischen Personal der Krankenhäuser. 4944 Menschen wurden aufgrund ihres hohen Alters geimpft, bei 3675 handelte es sich um Pflegeheimbewohner. Mit 7,7 Impfungen pro 1000 Einwohner rangiert Hamburg auf Platz 10 der Bundesländer. Spitzenreiter ist nach wie vor Mecklenburg-Vorpommern (16,7), Schlusslicht Sachsen (5,8).

Welche Impfstoffe stehen Hamburg zur Verfügung?

Bisher ist in Hamburg nur der Impfstoff von Biontech/Pfizer im Einsatz. Das könnte sich jedoch schon in dieser Woche ändern. „Uns wurden für diese Woche 1200 Impfdosen von Moderna angekündigt, das bedeutet faktisch 600 Impfungen diese Woche“, so Leonhard. „Das ist noch sehr bescheiden, aber das ist ja auch ein Schritt.“ Moderna wolle anschließend alle zwei Wochen Impfstoff liefern.

Zusätzlich hat der Pharmakonzern Astrazeneca hat die Zulassung seines Corona-Impfstoffes bei der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA beantragt. Der Impfstoff könnte nach Einschätzung der EU-Kommission Ende Januar zugelassen werden. „Die EU hat mit Astrazeneca sehr umfassende Veträge geschlossen, so dass wir da ein erhebliches Maß an Impfdosen erwarten dürfen“, sagte Leonhard. Falls sich alles so realisieren ließe, könne womöglich schon im Sommer allen Impfwilligen ein Angebot gemacht werden.

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