Schultüte aus den 70er Jahren
  • Flohmarkt-Fund: eine Schultüte aus den 70er Jahren
  • Foto: Florian Quandt

paidDas zweite Leben einer alten Schultüte aus Hippie-Zeiten

„Gestatten, ich bin Thomas Hirschbiegel, der MOPO-Flohmarktfuchs.“ Mit diesen Worten beginnt normalerweise diese Kolumne meines geschätzten Kollegen. Doch auch ein Fuchs hat mal Pause. Und da der Kollege und ich uns regelmäßig auf den Flohmärkten unserer schönen Stadt begegnen, übernehme ich heute die Vertretung. Denn die Freude über besondere Entdeckungen und Kuriositäten teilen wir. Aber auf diesen Schatz wäre er niemals gestoßen!

Das Schöne an Flohmarktbesuchen ist ja, dass man vorher nie weiß, womit man am Ende nach Hause geht. Es ist ein Spaziergang durch ein Sammelsurium von Nützlichem und weniger Nützlichem. Ein Vormittag der Inspiration, an dem sich immer wieder die Frage stellt: Brauche ich das wirklich oder wofür könnte ich es nutzen? Und manchmal fällt einem etwas in die Hände, was man gerade gut gebrauchen kann.

Schultüten wurden vor 200 Jahren in Ostdeutschland erfunden

Im Frühling vor sechs Jahren herrschte in der Kita meiner Tochter Einschulungsstress. Nach den Sommerferien sollte für unsere Kinder der Ernst des Lebens beginnen. Und für die Eltern gab es gefühlt nur ein großes Thema: die Schultüte.

Um diesem in Ostdeutschland entstandenen, 200 Jahre alten Brauch zu entsprechen, gehört es in bestimmten Hamburger Stadtteilen zum guten Ton, dem Kind ein Produkt in den Arm zu legen, das in Größe und Design die ganze elterliche Liebe zum Ausdruck bringt. Eine Art Statussymbol. Vor allem aber muss es selbstgebastelt sein. Ein Fertigprodukt aus dem Supermarkt? Gar noch mit Diddl-Mäusen oder Disney-Motiven bedruckt? Das gilt als billig. Und so treffen die Eltern sich zum gemeinsamen Kleben, Falten, Ausschneiden. Sogar Workshops werden inzwischen angeboten für diejenigen, die es ganz perfekt machen wollen.

30 Jahre lag sie auf dem Dachboden: eine Schultüte aus den 70ern

Mir war das alles zu aufgebauscht. Quer durch die Stadt zu fahren, um den schönsten Stoff zum Bekleben des selbstgerollten Papp-Kegels zu finden, sich Gedanken zu machen über Accessoires wie Schleife, Borte oder Verzierungen – dazu hatte ich weder Lust noch Zeit. Die Elterntreffen schwänzte ich unter Angabe von Vorwänden.

Florian Quandt MOPO-Redakteurin Nina Gessner auf dem Flohmarkt.
MOPO-Redakteurin Nina Gessner auf dem Flohmarkt
MOPO-Redakteurin Nina Gessner auf dem Flohmarkt

Und dann lag sie plötzlich da auf dem Flohmarkt-Tisch: eine wunderschöne Schultüte im Vintage-Look! Von dem grünen Kleeblattstoff lachte ein roter Marienkäfer aus Filz. Eine gehäkelte Borte mit Bommel verzierte den Rand. Die Tüte erinnerte mich an die meiner Mitschüler bei meiner eigenen Einschulung 1980 in Eppendorf, als das Basteln noch nicht so hoch im Kurs stand wie heute (auch wenn meine Mutter die schönste Tüte von allen angefertigt hatte).

Einschulung: Vintage-Tüte wird von Pappmaché-Dinosauriern umzingelt

Die Verkäuferin auf dem Turmweg-Flohmarkt (Rotherbaum), eine ältere Dame, erzählte mir die Geschichte dazu: Dass es die Schultüte ihres längst erwachsenen Sohnes sei und sie nun schon 30 Jahre bei ihr auf dem Dachboden gelegen hatte. Nun sei es Zeit, sich davon zu verabschieden und zu Hause Platz zu schaffen. Ich versprach ihr, dass sie bei mir in guten Händen sei und nahm sie für zehn Euro.

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Am ersten Schultag trug meine Tochter dann stolz das kultige Retro-Objekt an all den liebevoll designten Do-It-Yourself-Tüten vorbei, die alle hübsch genäht oder beklebt waren. Andere waren gar als aufwendige Dinosaurier-, Krokodil- oder Raketen-Figur gestaltet. Wahre Kunstwerke, das muss man schon sagen! Dennoch freute ich mich über die viele Arbeit, die Kosten und Nervenzusammenbrüche, die mir erspart geblieben waren.

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Jetzt liegt die 70er-Jahre-Tüte bei uns auf dem Dachboden. Wenn daraus auch irgendwann 30 Jahre werden, dann können meine Enkelkinder beim ersten Schultag mit einer echten Antiquität glänzen. Und Oma freut sich immer noch über ihr Flohmarkt-Schnäppchen.

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