• 63 Jahre berichtete das „Heimat-Echo" aus dem Alstertal und den Walddörfern. Jetzt soll die Traditionszeitung eingestellt werden.
  • Foto: hfr

Corona versetzt dem Blatt den Todesstoß: Hamburger Traditionszeitung steht vor dem Aus

Volksdorf –

Fast 63 Jahre lang haben die Bewohner von Alstertal und Walddörfern jeden Mittwoch ihr „Heimat-Echo“ im Briefkasten gefunden, voll mit Berichten über das Geschehen in der direkten Nachbarschaft. In dieser Woche soll die letzte Ausgabe erscheinen. Begründung: Corona habe dem darbenden Anzeigengeschäft den Todesstoß versetzt. Hamburger Politiker, darunter SPD-Finanzsenator Andreas Dressel (SPD), haben einen Aufruf gestartet: „Rettet das Heimat-Echo!“

Auch wenn der Name ein bisschen betulich klingt, das „Heimat-Echo“ aus dem wohlhabenden Hamburger Nordosten hat sich in den Jahrzehnten seines Bestehens nie davor gescheut, sich einzumischen: „Das Heimat-Echo hat den Bürgerinnen und Bürgern eine vernehmliche Stimme gegeben, die bis ins Hamburger Rathaus gehört wurde“, heißt es in dem Offenen Brief, den Politiker von SPD, CDU und Grünen auf ihren Social-Media-Kanälen verbreiten.

Rot, Grün und CDU kämpfen zusammen für das „Heimat-Echo“

Zu den Unterzeichnern zählen neben dem SPD-Finanzsenator etwa Dennis Thering, Alstertaler und Fraktionschef der CDU in der Bürgerschaft und die frühere Grünen-Bürgerschaftsabgeordnete Christiane Blömeke.

Das „Heimat-Echo“ gehört jeweils zur Hälfte den Branchenriesen Funke Medien in Essen und Madsack in Hannover. Tobias Korenke, Sprecher der Funke Medien Gruppe auf MOPO-Nachfrage: „Wie alle am Mittwoch erscheinenden Anzeigenblätter hatte es auch das „Heimat-Echo“ bereits in den vergangenen Jahren schwer, weil das Anzeigengeschäft rückläufig war. Der drastische Rückgang des Anzeigenaufkommens im Zuge der Corona-Krise hat die Lage verschärft. Leider.“

Finanzsenator Andreas Dressel, als Volksdorfer mit dem „Heimat-Echo“ aufgewachsen, appelliert an die Eigentümer, Corona „nicht als Vorwand zu nutzen“, wirft sich kraftvoll für die kleine Lokalzeitung in die Bresche: „Die Zeitung ist so etwas wie das Sprachrohr der gallischen Walddörfer. Auch ich habe durchaus schon mein Fett weg bekommen, aber am Ende kam immer etwas Konstruktives bei heraus.“

Neuer Inhalt (13)

„Sprachrohr der gallischen Walddörfer“ nennt Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) das „Heimat-Echo“.

Foto:

picture alliance/dpa

Tatsächlich berichtet die Anzeigen finanzierte Wochenzeitung (Auflage: gut 52.000) über Ereignisse wie das Abschneiden der „Handball-Jungs Klasse 7-9″ im Landesfinale von „Jugend trainiert für Olympia“, das anderen Zeitungen keine Zeile wert ist. Die Lokaljournalisten brechen die Corona-Krise herunter auf das Schicksal des örtlichen Kinos und fragen nach den ökologischen Folgen von Bauvorhaben, über die nirgendwo sonst berichtet würde. Fünf Mitarbeiter umfasst die Redaktion mit Sitz in Volksdorf.

Neuer Inhalt (7)

Im ersten Stock dieses Volksdorfer Geschäftshauses hat die Redaktion des „Heimat-Echos“ ihren Sitz.

Foto:

hfr

Bis zu seinem Tod 2016 war Manfred Schult, Sohn des Gründers Hans-Erich Schult, Chefredakteur. Der Vater setzte Anfang der 70er Jahre mit dem „Heimat-Echo“ den Bau des Volksdorfer Hallenbades durch, der Sohn gehörte in den 90er Jahren zu den Initiatoren diverser Bürgerbegehren, etwa zum Erhalt der Försterei Volksdorf und des Walddörfer Ortsamtes, erfand das Volksdorfer Stadtteilfest.

Auch Ole von Beust schätzt das „Heimat-Echo“

Zum 50. Geburtstag 2007 lobte der damalige Bürgermeister und Walddörfler Ole von Beust die Zeitung als „wichtige Anlaufstelle für Bürgerinnen und Bürger“.

Das könnte Sie auch interessieren: Bezirksamt stoppt geplantes Wohnprojekt in Meiendorf

Welche Rolle die Lokalzeitung tatsächlich im Leben ihrer Leser spielt, erklärt ein Volksdorfer gegenüber der MOPO so: „Als die Leute von dem Aus des Heimat-Echos erfuhren, war die erste Reaktion Fassungslosigkeit, dann Empörung und ganz schnell kam die Frage : ,Wie können wir helfen?‘ Das war schon sehr berührend.“

Das fordert die Politik für das „Heimat-Echo“

Die Politiker fordern in ihrem offenen Brief ein Moratorium, also einen vorübergehenden Stop des Abwicklungsprozesses, um nach Lösungen zu suchen. „Ich würde mir wünschen, dass die Eigentümer diesen besonderen Schatz erkennen“, so Andreas Dressel zur MOPO. Die Redaktion bereitet derweil die mutmaßlich letzte Ausgabe vor.

Email
Share on facebook
Share on twitter
Share on whatsapp