Jennifer Jasberg ist Fraktionsvorsitzende der Grünen in Hamburg.
  • Jennifer Jasberg ist Fraktionsvorsitzende der Grünen in Hamburg.
  • Foto: Bündnis 90/ Die Grünen

Corona-Lockdown: Gewalt gegen Frauen steigt – sie will das Schweigen brechen

Häusliche Gewalt kann jeden treffen – und in der Pandemie steigt die Zahl der Fälle noch weiter an. 5400 Opfer von „Partnerschaftsgewalt“ registrierte die Hamburger Polizei in 2020 – ein Plus von neun Prozent. Die Grünen-Politikerin Jennifer Jasberg findet, dass Gewalt gegen Frauen immer noch verharmlost wird. Sie fordert: Das Schweigen muss gebrochen werden – häusliche Gewalt ist keine Privatangelegenheit! Sie spricht dabei aus Erfahrung, denn sie selbst hat Gewalt in ihrer Kindheit erlebt.

Anlässlich des Internationalen Tages gegen Gewalt an Frauen schrieb die Fraktionsvorsitzende der Hamburger Grünen Jennifer Jasberg  auf Twitter: „Ich weiß, was es mit dir macht, als Kind zu sehen, wie dein Vater seine Frau verprügelt und du nicht reagierst, weil du selbst auf einem wunden Po sitzt.“

Auf dem Foto steht die Grünen-Abgeordnete vor dem Hamburger Rathaus und hält ein Plakat mit der Nummer des Hilfetelefons und dem Hashtag „schweigenbrechen“ in den Händen. „Unsere Gesellschaft braucht Vertrauen in Andere; deswegen ist ‚häusliche‘ Gewalt keine Privatangelegenheit!“ schrieb sie weiter.

Häusliche Gewalt darf keine Privatsache mehr sein

„Ich bin in einer Situation aufgewachsen, in der ich Gewalt erlebt habe“, erzählt die 37-Jährige im Gespräch mit der MOPO. „Das Gefühl, hilflos davor zu stehen ist furchtbar.“

Erst die Trennung und eindeutige Klärung des Sorgerechts im Grundschulalter beendete die leidvolle Situation. „Es gibt Kinder, die zerbrechen daran und es gibt welche, die sich da rauskämpfen können“, sagt Jasberg.

Sie brach ihr Schweigen, vertraute sich ihrem Umfeld an und wurde verstanden. Genau das sei wichtig: „Die Gesellschaft spielt einfach eine wichtige Rolle, Betroffenen aus einer solchen Situation zu helfen“, sagt sie.

Jasberg: Partnerschaftsgewalt klingt nach Privatsache

Schon die Wortwahl sei entscheidend: „Ich finde den Begriff ‚Partnerschaftsgewalt‘ schwierig. Das klingt immer nach Privatsache“, sagt Jennifer Jasberg. „Diese Art über Tötungen und geschlechtsspezifische Gewalt zu reden, erweckt den Eindruck, es handele sich um Kavaliersdelikte.“

Häufig würde es mehr Sinn ergeben, den konkreten Akt zu nennen, also Mord, Nötigung, Vergewaltigung. Im normalen Sprachgebrauch solle eher von „Gewalt gegen Frauen“ oder auch „geschlechtsspezifischer Gewalt“ die Rede sein.

Häusliche Gewalt sei kein Phänomen bestimmter Kreise, sagt Jasberg. „Ist von einem sogenannten ‚Ehrenmord‘ die Rede, wird unmittelbar ein frauenfeindliches Weltbild der Täter angenommen.“ Dem gegenüber stünden aber zahlreiche Taten, die als „Eifersuchts- oder Familiendrama“ verharmlost würden und die ebenso eine Geringschätzung von Frauen zur Grundlage haben dürften, so Jasberg.

Auch in Hamburg: Das Zuhause ist teilweise ein gefährlicher Ort

Für viele Frauen – und auch für Männer – ist das eigene Zuhause ein gefährlicher Ort. Von bundesweit insgesamt 141.792 Opfern partnerschaftlicher Gewalt waren im Jahr 2019 114.903 Frauen und 26.889 Männer betroffen, das geht aus der kriminalstatischen Auswertung 2019 zur Partnerschaftsgewalt hervor.

Hamburg: Die Gewalt an Frauen nimmt zu

Auch in Hamburg steigen die Zahlen, offenbar begründet durch  die Corona-Lockdown. Die vorläufigen Daten der Sonder-Dezernate der Staatsanwaltschaft etwa zeigten für das Frühjahr einen klaren Anstieg – also parallel zum ersten Lockdown. Aufs ganze Jahr bezogen registrierte die Polizei neun Prozent mehr Opfer. 78 davon waren weiblich, in den meisten Fällen ging es um einfache Körperverletzung. 

Zwar muss der Impuls, sich Hilfe zu suchen, noch immer von den Betroffenen selbst kommen, sagt Jennifer Jasberg. Aber: „Die breite Gesellschaft muss unmissverständlich deutlich machen, dass Gewalt gegen Frauen nicht zu tolerieren ist.“ 

Hilfe gibt es beim Hilfetelefon oder in den Hamburger Frauenhäusern

Hilfe finden Betroffene beispielsweise beim Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ unter der Nummer 08000 116016. Die Telefone sind rund um die Uhr an jedem Tag besetzt. Beratung und psychische Hilfe bietet unter anderem der Opferhilfe Hamburg e.V. an. Die Frauenhäuser in Hamburg nehmen rund um die Uhr Hilfesuchende zusammen mit ihren Kindern auf. Die Koordinierungs- und Servicestelle der Frauenhäuser ist unter 040 8000 4 1000 erreichbar.

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