• Pastor Sieghard Wilm vor dem Altar der St.-Pauli-Kirche.
  • Foto: Quandt

Corona-Interview mit Kiezpastor Wilm: „Würde Gott die Kneipen wieder öffnen?“

Rund 200  Betreiber von Bars, Kneipen, Clubs und Discos machten am Donnerstagabend mit einer spektakulären Aktion auf die existenzbedrohende Situation durch den Corona-Lockdown aufmerksam: Für wenige Momente funkelten alle Leuchtreklamen auf der Großen Freiheit, Musik erschallte – dann versank alles wieder in der Stille des Lockdowns. Mit dabei: Pastor Sieghard Wilm von der St. Pauli Kirche. Die MOPO sprach mit dem Kiez-Seelsorger über die Nöte der Wirte, über  gefährliche Gottesdienste und die Frage, was Gott wohl zum Thema Kneipenöffnung zu sagen hätte.

MOPO: Herr Wilm, Sie legen einen Kranz nieder für Kneipen, die wegen des Lockdowns um ihre Existenz fürchten, ist das nicht etwas pietätlos angesichts der Corona-Todesopfer?

Sieghard Wilm: Der Kranz wird ja nicht für die Kneipen niedergelegt, sondern es ist ein Moment des Gedenkens an alle, an die Corona-Opfer und die, die um sie trauern. Und dann gibt es die Menschen, die leiden, weil gerade ihre Existenzen zerstört werden, und dieses Leid braucht auch Erwähnung. Man kann nicht ein Leid gegen das andere ausspielen.

Was werden gerade für Sorgen an Sie als Seelsorger herangetragen?

Da geht es viel um Existenzangst. Ein konkreter Fall: Die älteste Schwulenkneipe der Stadt, das Picadilly, das steht vor dem Aus. Nach 60 Jahren. Herbert und Uwe haben noch ein paar Wochen, dann ist ihr gesamtes Privatvermögen aufgebraucht. Da stirbt ein Stück Geschichte. Wirte leiden auch darunter, dass sie Menschen entlassen müssen, die sie seit Jahren kennen. Auf dem Kiez sind ja viele Chefs mit ihren Angestellten befreundet. Das herrscht ein riesiger Leidensdruck.

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Pastor Sieghard Wilm (St.-Pauli-Kirche), Olivia Jones, Pfarrer Karl Schultz (St. Joseph Kirche, Große Freiheit). 

Foto:

Marius Roeer

Die Debatte zwischen Lockerern und Bremsern verschärft sich, der Riss geht durch Familien und Freundeskreise, bekommen Sie das auch zu spüren?

Oh ja. Ich bin als Pastor schon von beiden Seiten angegangen worden. Die einen werfen uns vor, dass wir uns dem Staat unterwerfen, wenn wir die Gottesdienste absagen, dass wir übervorsichtig sind. Die anderen sagen, wir bringen Menschen in Gefahr, wenn wir jetzt wieder Gottesdienste abhalten.

Es ist ein Dilemma.

Ja. Ich habe auch keine Antwort darauf. Ich weiß nur: Als Pastor setze ich mich neben die Ohnmacht.

Video: So lief der Kiez-Protest

Sorgen Sie sich wegen der Einschränkungen um die Freiheit?

St. Pauli, das ist für viele Menschen ein Ort der Freiheit, ein Ventil, das die Gesellschaft braucht. Gäbe es St. Pauli nicht, man müsste es erfinden. Aber das Leben ist kein Ponyhof und jetzt müssen wir eben mal alle die Füße still halten. Wenn wir uns jetzt nicht als Menschen zeigen, wann dann? Die Sorge, dass jetzt dauerhaft die bürgerlichen Grundrechte abgeschafft werden, die teile ich nicht.

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Pastor Wilm bei der Protestaktion der Kiez-Wirte, die um ihre Existenzen fürchten.

Foto:

Marius Roeer

Wird der Kiez wieder so, wie er war?

Nein, das glaube ich nicht. Viele kleine Kneipen werden schließen, die Karten werden neu gemischt. Wenn es schlecht läuft, werden wir einen hohen Leerstand erleben.

Was werden Sie als erstes tun nach dem Ende des Lockdowns?

Ach, ich würde so gerne mal wieder tanzen gehen in einer Disco. Ein bescheidener Wunsch.

Kommt man mit Gottvertrauen besser durch die Krise?

Ich denke schon. Ich bete jeden Tag und wir läuten um 12 die Glocken. Es ist gut, wenn man eine Adresse hat, an die man sich wenden kann, auch mit Anklagen und Zweifeln.

Was meinen Sie, würde Gott die Kneipen wieder öffnen?

(lacht) Die Frage gefällt mir gut! Der Mensch braucht die Kirche und er braucht die Kneipe, das ist gar kein Gegensatz. Und Jesus von Nazareth wurde je gerade dafür angefeindet, dass er mit den „Fressern und Weinsäufern“ zusammensaß, so steht es bei Matthäus 11.19. Jesus war ein geselliger Mensch, der wäre einer Kneipenöffnung sicher nicht abgeneigt.

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