Die Außenansicht des geplanten Dokumentationszentrums in der HafenCity.
  • Die Außenansicht des geplanten Dokumentationszentrums in der HafenCity.
  • Foto: Wandel Lorch Architekten / HafenCity Hamburg GmbH

Böse Überraschung für Landesverein der Sinti: „Diese Nachbarschaft ist eine Zumutung“

Meinung –

Ulrich Hentschel (70) war bis 2010 Pastor an der St. Johanniskirche in Altona und arbeitete als Studienleiter für Erinnerungskultur an der Evangelischen Akademie der Nordkirche. In seinem Standpunkt für die MOPO schreibt er über das geplante Dokumentationszentrum für Sinti in der HafenCity und die aus seiner Sicht skandalöse Auswahl der Nachbarschaft.

Wolfgang Mirosch war sieben Jahre alt, als er am 9. März 1943 aus seiner Familie herausgerissen und dann am 11. März, also vor genau 78 Jahren, mit seinen drei Geschwistern und 300 weiteren Sinti vom Hannoverschen Bahnhof in Hamburg aus in einem mehrtägigen Transport direkt in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet wurde. Das Kind wurde zum Opfer für das Hass- und Mordbedürfnis der Nazis, die sich die Auslöschung der Juden, der Sinti und Roma, der Menschen mit Behinderung, der politischen Gegner und der „Slawen“ zum Ziel gesetzt hatten.

Wolfgang Mirosch gehörte zu den Sinti. An ihn und 8000 andere Menschen, die zwischen 1940 und 1945 vom Hannoverschen Bahnhof aus in den Tod deportiert wurden, erinnert seit 2017 der eindrücklich gestaltete Gedenkort am Lohsepark in der HafenCity.

Hamburg: Dokumentationszentrum in der HafenCity geplant

Mehr als sieben Jahrzehnte hat es gebraucht, bis sich die Stadt Hamburg an diesem Bahnhof des Verbrechens sichtbar zur Schuld bekannte. Inzwischen lebten die meisten der Menschen nicht mehr, die dieses Verbrechen möglich gemacht hatten: die Sekretärin, die den Namen von Wolfgang Mirosch in die Deportationsliste eintrug, die Männer, die den verängstigten Jungen abholten und zum Deportationsbahnhof führen, die Nachbarn, die nicht fragten oder protestierten, der oder die Lokführer auf der mehrtägigen Fahrt nach Auschwitz. Ihre Namen sind nirgendwo vermerkt. Ob sie sich ihrer Schuld bewusst waren oder nach 1945 bewusst wurden? Wie haben sie ihren Kindern, die so alt waren wie Wolfgang Mirosch, ins Gesicht geschaut? Wir wissen es nicht. Wir wissen aber, dass die meisten von ihnen ihre früheren Berufe fortsetzen und als Rentnerinnen oder Rentner einen ungefährdeten „Lebensabend verbringen“ konnten.

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Dass gleichzeitig die wenigen Überlebenden und Angehörigen der ermordeten Sinti und Roma von Behörden als „Zigeuner“ diskriminiert, von Nachbarn missachtet und in Medien weiterhin diffamiert wurden, hat keinen Protest hervorgerufen. Erst seit ein paar Jahren gibt es Respekt, Interesse und Proteste gegen Diskriminierungen. Und endlich soll es in zwei Jahren als notwendige Ergänzung zum Gedenkort am Lohsepark in der HafenCity auch ein Dokumentationszentrum geben, in dem nicht nur an Wolfgang Mirosch, sondern auch exemplarisch an andere vom Hannoverschen Bahnhof deportierte Sinti und Roma, Jüdinnen und Juden erinnert wird. Und in dem Antworten gesucht werden auf die Fragen, warum unsere Großväter und Großmütter sich auf den faschistischen Wahn einlassen konnten und wie heute seiner Wiederkehr begegnet werden kann.

Hamburg: Böse Überraschung für den Landesverein der Sinti

Dass dieses Dokumentationszentrum ein angstfreier Raum sein muss für die Nachfahren der Opfer und unvereinbar ist mit der unmittelbaren Nachbarschaft zu einer Organisation oder Firma, die mit den Nazis gemeinsame Sache machte, schien selbstverständlich.

Wolfgang Mirosch

1943 im Alter von sieben Jahren in Auschwitz ermordet: Wolfgang Miriosch (r.) auf einer Aufnahme ca. im Jahr 1940.

Foto:

hfr

Doch vor wenigen Wochen gab es eine böse Überraschung für den Landesverein der Sinti, die Jüdische Gemeinde und all die Initiativen, die an der Planung des Gedenk- und Dokumentationsortes Hannoverscher Bahnhof in Hamburg beteiligt sind. Sie erfuhren, dass das Büro-Gebäude, in dessen Erdgeschoss das Dokumentationszentrum eingerichtet werden soll, zum größten Teil mit 20 000 qm an die Wintershall Dea GmbH vermietet wird. Und dass noch ein schickes Restaurant geplant ist, gleich neben den Biografien von Menschen, die von dort deportiert wurden.

Wintershall mit düsterer Vergangenheit

Das Entsetzen über diese geschichtsverdrängende Zumutung ist groß. Esther Bejarano vom Auschwitz-Komitee und Arnold Weiß vom Landesverein der Sinti protestieren scharf. Sie haben allen Grund:

Wintershall und sein Miteigentümer und Geschäftsführer August Rosterg waren auf vielfache Weise mit dem Nazi-Regime verflochten. Schon im Februar 1931 nahm Rosterg an einem Geheimtreffen mit Adolf Hitler im Berliner Hotel Kaiserhof teil. Bald darauf wurde er zusammen mit anderen Industriellen Teil des sogenannten „Keppler-Kreises“, einer Gruppe um den Hitler-Vertrauten Wilhelm Keppler, die die NSDAP durch großzügige Spenden unterstützte. Der Betrieb war entsprechend der NS-Volksgemeinschafts-Ideologie organisiert. Ab 1936 wurde er aufgrund seiner engen Zusammenarbeit mit der Wehrmacht als Rüstungsbetrieb eingestuft. Unter deutscher Besatzung expandierte Wintershall nach Österreich, Polen, Ungarn und in die Ukraine. Zugleich profitierte der Konzern von der Beschäftigung von knapp 10.000 Zwangsarbeiter:innen. Dabei war es gängige Praxis, dass Zwangsarbeiter:innen vom Werksschutz an der Baracke abgeholt und auch wieder dorthin zurückgebracht wurden. August Rosterg war bei dem Ganzen so erfolgreich, dass er 1945 persönlich über ein Vermögen von 200 Mio. Reichsmark verfügte. Wintershall wurde im Bereich der Sowjetischen Besatzungszone enteignet, blieb aber in der BRD unbehelligt. Seit 1969 gehört Wintershall zu BASF, einem Nachfolgekonzern der IG Farben, die an der Herstellung von Zyklon B beteiligt und Betreiber eines firmeneigenen KZ war. Auch die Deutsche Erdöl AG (DEA), mit der Wintershall 2018 fusionierte, profitierte von der NS-Terrorherrschaft.

Firma profitierte vom NS-Regime

Wie konnte es dazu kommen, dass man diesem Unternehmen das Gebäude über dem Dokumentationszentrum vermietete? In einer zwischen der Kulturbehörde und dem Investor Müller-Spreer 2019 geschlossenen Vereinbarung hieß es noch: „Der Eigentümer verpflichtet sich, das Gebäude nicht selbst oder durch Dritte in einer Weise zu nutzen oder nutzen zu lassen, die in der öffentlichen Wahrnehmung und insbesondere in der Wahrnehmung der Opfer des Nationalsozialismus und ihrer Interessenorganisationen im Konflikt mit dem Zweck des Dokumentationszentrums steht oder der Ausstrahlung eines Gedenkortes abträglich ist.“ Klingt zwar etwas bürokratisch, ist aber eindeutig: Die Vermietung an eine Firma, die vom NS-Regime profitiert hat, ist mit der „Ausstrahlung eines Gedenkortes“ unvereinbar.

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So weit der Vertrag. Und die Praxis? Der Investor Müller-Spreer hielt es nicht für nötig, die Opfer und deren Nachfahren über die geplante Vermietung an Wintershall zu informieren und zu befragen. Die stadteigene HafenCity GmbH, die das Grundstück an den Investor vergeben hat, hielt es nicht für nötig, eine Reglung zur konkreten Überprüfung der Vertragseinhaltung zu treffen. Und der Senat inklusive des Kultursenators war nicht imstande oder willens, für die Beteiligung der Opferverbände an der Entscheidung des Investors über die Mieter zu sorgen. Jetzt geben sich alle überrascht über die raffiniert-einfältige Auslegung des Vertrages durch den Investor. Er habe das so verstanden, dass z. B. nicht an die AfD vermietet werden dürfe. Auf den Gedanken, dass die AfD in Hamburg große Büroflächen suchen könnte, muss einer erst mal kommen.

Wintershall Dea kann sich „gute Nachbarschaft zum Dokuzentrum“ vorstellen

Und Mario Mehren, heutiger Chef von Wintershall Dea, beteuert, dass man inzwischen die NS-Geschichte der Firma habe aufarbeiten lassen, zudem demokratiefördernde Projekte unterstütze. Man könne sich also durchaus eine „gute Nachbarschaft“ zum Dokumentationszentrum vorstellen. Das mag sein, könnte sich Wintershall dann eine Art „Fair-Memorial“-Siegel an die Firmentür kleben, nicht schlecht für internationale Öl-Geschäfte. Das läge dann wieder in der Tradition August Rostergs, der als „ökonomischer Opportunist“ stets versucht habe, „im Rahmen der jeweiligen politischen Situation gewinnbringend zu wirtschaften“ – so die hauseigene Aufarbeitung. Man will ja auch weiterhin gewinnbringend wirtschaften.

Dass für die Überlebenden, ihre Nachfahren und alle geschichtsbewussten Menschen diese Nachbarschaft eine Zumutung ist, kommt dem Wintershall-Chef nicht in den Sinn.

Eeigenes Gebäude für das Dokumentationszentrum gefordert

Was also wäre zu tun? Mal angenommen, Hamburgs Kulturbehörde meint es ernst mit ihrem Bedauern über die Missachtung der Verfolgtenverbände und ihrer eigenen „Stiftung Gedenkstätten“, müsste sie auf Einhaltung der Vereinbarung durch den Investor bestehen und das auch gerichtlich durchfechten. Aber da das nach aller bisherigen Erfahrung kaum zu erwarten ist, bliebe noch ein anderer Weg: Es wird ein eigenes Gebäude für das Dokumentationszentrum am Lohsepark errichtet. Der Platz wäre da, für die Erinnerung an Wolfgang Mirosch und all die anderen, die vom Hannoverschen Bahnhof in den Tod gefahren wurden. Aber ebenso zur Aufklärung über die Hamburger Bürgerinnen und Bürger, die an diesen Deportationen beteiligt oder direkt dafür verantwortlich waren. Diese Erinnerung stört und ist darum notwendig.

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