Altonas grüne Chefin: Stefanie von Berg hat eine genaue Vorstellung davon, wie der Bezirk künftig aussehen soll.
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  • Foto: Florian Quandt

Bezirksamtsleiterin in Altona: Stefanie von Berg: Umbau der Elbchaussee ist notwendig

Aus dem Büro von Stefanie von Berg kann man direkt auf den Altonaer Balkon blicken. Der obere Bereich des Docklands ragt hervor. Der Frühling zeigt sich zaghaft an den Bäumen. Ein schöner Ort, stellt die Grünen-Politikerin fest. Sie öffnet das große Fenster an ihrem Schreibtisch. Sofort donnert der Lärm der Autos herein. Max-Brauer-Allee und Palmaille begegnen sich hier. Ein Geräuschpegel, den von Berg am liebsten aus der Stadt verbannen würde. So gut es geht jedenfalls. Verkehrswende. Die Menschen zum Umsteigen bewegen. Mehr Fahrrad, weniger Feinstaub. Das große Thema der Grünen. Es beschäftigt die gebürtige Göttingerin schon lange. Seit sie vor über einem Jahr Bezirksamtsleiterin in Altona wurde, hat sie nun auch noch stärkeren Einfluss darauf, dass das vielleicht wichtigste Projekt zur Steigerung von Lebensqualität in Großstädten gelingen kann.

Von Berg sitzt an einem großen Konferenztisch. Zu ihrer Rechten steht ein Monument von einem Schreibtisch, an dem schon Max Brauer, Hamburgs erster freigewählter Bürgermeister nach dem Zweiten Weltkrieg, gesessen hat. 180 x 113 x 77 Zentimeter, massive Eiche, rustikal und mit Lederauflage. Von Berg hat Baumkuchen gebacken für die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen im Rechtsamt. Untypisch in einer Kastenform, aber nach demselben Prinzip wie das Original aus Salzwedel. Schicht für Schicht – mit Geduld. „Ich muss ihn noch perfektionieren“, sagt sie lachend. Neue Wege probieren, Kompromisse suchen, reflektieren, auf Erfolgen aufbauen: Wenn man so will, dann kann man vom Kuchenbacken die politische Arbeitsweise der 56-Jährigen ableiten, die ihr als Amtsleiterin vorschwebt.

Stefanie von Berg: Umbau der Elbchausee ist notwendig!

Altona Hamburg

Blick über Altona

Foto:

imago images / Westend61

Von Berg ist eine Frau der direkten Worte – und hat dafür oft genug Gegenwind bekommen, wurde teilweise bedroht, bekam Hass-Botschaften aus dem rechten Lager. Auch zu Beginn ihrer Amtszeit im Altonaer Rathaus im Dezember 2019 gab es Diskussionen. Sie verstrickte sich in den sozialen Medien in ausufernde Debatten mit Menschen, die in Facebook-Gruppen um die Gestaltung ihrer Quartiere rangen. Beim Streit um die Sternbrücke etwa. Als sie sagte, dass die Nummer bereits durch und ein neuer Plan viel zu teuer sei. Das gefiel vielen Leuten nicht. Von Berg aber ist überzeugt, dass man transparent sein müsse. Ebenso bei der Elbchaussee. Der Umbau werde eben sieben Jahre dauern und schmerzhaft sein, sagt sie. Aber er sei unausweichlich – auch in dem Umfang. Den Unmut der Pendler, der Ottenser, die besonders betroffen sind, nimmt sie in Kauf. „Die Menschen werden danach mehr miteinander unterwegs sein können.“

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Mittlerweile ist von Berg im Netz zurückhaltender. „Ich musste in meiner neuen Rolle erst ankommen“, sagt sie, die Streitlust aus der Bürgerschaft etwas ablegen. Die Amtsleiterin ist nun für etwa 1200 Angestellte im Bezirk zuständig, für Iserbrook genauso verantwortlich wie für Rissen oder Altona-Nord. Von Berg, die selbst in Eimsbüttel lebt, mag genau diesen Mix, sieht hier den Reiz. Diese Diversität aus Arbeitervierteln, die Urbanität, aber auch die Dörflichkeit. Altona sei eine Haltung, sagt sie.

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Wie in Kopenhagen: Auf der Elbchaussee sollen kleine Fahrrad-Highways entstehen.

Foto:

Hfr

Und ein Bezirk, der im Wandel ist wie kaum ein anderer. Da gibt es Ottensen, das Hamburger Role Model der Gentrifizierung. Das reiche Blankenese, in dem es tatsächlich weiterhin Menschen gibt, die sich darüber brüskieren, dass auf einer Wiese in ihrem Stadtteil erst ein Flüchtlingslager gebaut wurde und künftig Sozialwohnungen für Bedürftige entstehen sollen. Lurup und Osdorfer Born, die noch ein paar Jahre auf den Anschluss ans Hamburger Schienennetz warten müssen. Altona, das sind rund 60 Baustellen, Hunderte Bauprojekte – und gefühlt fast genauso viele Streitereien darum, ob etwas entstehen soll oder nicht. Und da wäre auch die Neue Mitte Altona, das jüngste Quartier im Bezirk.

Neue Mitte Altona: Lehren ziehen, anders bauen!

Auf dem Weg zur Arbeit passiert von Berg mit dem Rad das Areal. Es ist das vielleicht spannendste städtebauliche Entwicklungsprojekt derzeit in Hamburg. Der erste Abschnitt wurde komplett verpatzt, ist optisch ein völliges Desaster. Garagenausfahrt reiht sich an Garagenausfahrt. Ein grotesk unpersönliches Ensemble aus überwiegend hellem Klinker. Viel zu eng. Wer unten wohnt, der bekommt wenig Tageslicht ab. Weiße Quader als Balkone. Ein ästhetischer Fußtritt. So würde das von Berg natürlich nicht sagen. Sie spricht von Lehren, die man aus solchen Bauprojekten ziehen könne, und sagt, dass bei den kommenden Abschnitten mehr Wert auf Fassadenbegrünung oder Dachgärten gelegt werden müsse. Von Berg: „Wenn man im obersten Stock ist, dann guckt man auf Kiesel und Haustechnik. Das können wir mittlerweile besser.“ Sie fühle sich von den Erdgeschossen nicht eingeladen. „Man muss Lust bekommen, dort durchzulaufen. Sie wünscht sich zudem eine Öffnung der Fassadengestaltung. Nicht ausschließlich Klinker, sondern auch mal Holz.

Hamburg soll Vorkaufsrecht ziehen!

Die Neue Mitte Altona, aber auch das Holsten-Areal gegenüber, bei dem sich von Berg gewünscht hätte, die Stadt hätte von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch gemacht, sind Projekte, bei denen die grüne Amtsleiterin genau hinschaut. Sie weiß, dass sie den Mieten-Wahnsinn in einigen Stadtteilen wie Ottensen nicht mehr stoppen kann. An anderer Stelle aber schon. Von Berg: „Die soziale Erhaltungsverordnung ist das schärfste Schwert, das wir haben. Das bedeutet im Klartext, dass wir das Vorkaufsrecht ziehen müssen, wo immer es geht und nötig ist. Immer wenn Verkäufe anstehen, dann bereiten wir es so vor, dass die Stadt es kaufen kann.“

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Stadtentwicklung im Zeichen von bezahlbaren Mieten und der Verkehrswende. Es ist eine Mammutaufgabe, die in Hamburg eine grüne Handschrift tragen soll und bei der die Amtsleiterin ihren Bezirk vorne mit dabei haben möchte. Anwohnerparken, A7-Deckel, die Weiterentwicklung der Magistralen, Velorouten, autoarmes Ottensen. Dicke Bretter.

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In der Neuen Mitte Altona wurden weiße Klötze als Balkone angebracht.

Foto:

Patrick Sun

Wenn von Berg über ihre Ideen für den Bezirk spricht, dann benutzt sie Worte wie „Gamechanger“, „Benefit“ oder „Stakeholder-Management“, neuartiges Politsprech, das im Grunde nur bedeutet: Wer überzeugen kann, der wird auch etwas ändern.

Autos sollen aus Hamburg möglichst verschwinden

Sie will zwingend eine Umkehr der Verkehrssituation. „Wir teilen den Verkehrsraum neu auf und das auf Kosten der Autos. Sie nehmen unverhältnismäßig viel öffentlichen Raum ein“, findet von Berg. Sie setzt darauf, dass der eigene Wagen irgendwann so unattraktiv sein wird, dass die Menschen alternative Angebote nutzen. Von Berg: „Die Leute werden immer weniger mit dem Auto in die Stadt pendeln können. Dann wird es hier eine höhere Aufenthalts- und Lebensqualität geben. Das ist unsere Zielperspektive: weniger Lärm, mehr Grün, weniger Feinstaub.“ Auch wenn es wohl noch 30 Jahre dauern wird. Mindestens.

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Stefanie von Berg in ihrem Amtszimmer. Das grüne Sofa hat sie aus Estland importiert. Es wurde dort nachhaltig gefertigt.

Foto:

Florian Quandt

Und es gibt noch ein Wort, das Stefanie von Berg während des Gesprächs mit der MOPO häufiger verwendet. Es lautet: Gemeinwohl. Eigentlich eine Binsenweisheit, denn das sollte der Grundauftrag eines jeden Politikers sein. Die Realität sieht anders aus. Von Berg, so viel ist klar, hat ihre Idee davon, was es bedeuten sollte, Politik für möglichst viele zu machen. Für sie heißt es auch, dass sie Projekte durchsetzen will, bei denen Menschen Geliebtes oder Gewohntes verlieren wie die Kleingärtner an der Grenze von Ottensen zu Othmarschen, die ihre jetzigen Parzellen für den A7-Deckel aufgeben werden müssen. Diese Haltung kann man anmaßend oder mutig nennen. Stefanie von Berg empfindet sie als notwendig.

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