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  • Foto: Florian Quandt

Besuch in Hamburgs Unterwelt: Das Geheimnis der Lombardsbrücke

Altstadt –

„Dampfboot-Wartezimmer“ steht über einer Tür an der Lombardsbrücke. Eine Aufschrift die neugierig macht. Die Brücke wird zurzeit vom Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer saniert. Und netterweise bekommen die MOPO-Reporter von den Brückenexperten den Schlüssel. Hinter der Tür beginnt ein düsterer Gang – und der führt uns tief in Hamburgs Unterwelt …

Wir starten in einem Raum, in dem eine historische Darstellung der damals neu gebauten Brücke aus dem Jahr 1868 hängt. Darauf steht: „Düker des Geest-Stammsieles unter der Lombardsbrücke“. Von dort aus geht es in einen beängstigend engen Gang, der in eine düstere Kammer führt. Über uns bollert der Verkehr auf der Lombardsbrücke, und unter uns gluckst schmuddeliges Wasser.

Video: Die Dampfkammer unter der Lombardsbrücke

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Hamburg: Das Geheimnis der Lombardsbrücke

Lombardsbrücke in Hamburg

Die Tür zum „Dampfboot- Wartezimmer“ in der Lombardsbrücke.

Foto:

Florian Quandt

Als die Lombardsbrücke 1868 fertiggestellt wurde, war der Düker – eine Abwasserleitung, die unter einem Gewässer, hier der Alster, durchführt – ein integraler Bestandteil. Die mächtige Abwasserleitung ist heute stillgelegt, wurde schon vor 25 Jahren durch einen modernen Düker ersetzt.

MOPO-Reporter Thomas Hirschbiegel in der „Spülkammer“ unter der Lombardsbrücke. Mit dem rot-schwarzen Gestänge wurde eine Schleuse geöffnet und der unterirdische Abwasserkanal (Düker) gespült.

MOPO-Reporter Thomas Hirschbiegel in der „Spülkammer“ unter der Lombardsbrücke. Mit dem rot-schwarzen Gestänge wurde eine Schleuse geöffnet und der unterirdische Abwasserkanal (Düker) gespült.

Foto:

Florian Quandt

Doch vor etwa 150 Jahren war der Düker, der von den zwei Ästen des Geest-Stammsiels an beiden Seiten der Außenalster gespeist wurde, natürlich hochmodern. Und das U-förmige Siel war mit seinen Maßen von 2,15 mal 2,30 Metern damals wohl das größte in Europa.

Kronprinz Friedrich III. kam 1877 nach Hamburg

Davon hatte auch der deutsche Kronprinz und spätere Kaiser Friedrich III. (1831-1888) gehört und sich 1877 zur Besichtigung angemeldet.

Die Hamburger Offiziellen waren natürlich ziemlich aufgeregt, als Kronprinz Friedrich mit seinem Sohn Wilhelm mit Booten des Ruderclubs „Loreley“ zur Lombardsbrücke gefahren wurde. Die Menge am Ufer rief „Hurra!“, als die hohen Herrschaften den Brücken-Anleger betraten.

Ende des 19. Jahrhunderts ist Hamburg sehr stolz auf seine Kanalisation. Hochrangige Besucher werden durch das Geest-Stammsiel von der Lombardsbrücke zum Hafen gefahren.

Ende des 19. Jahrhunderts ist Hamburg sehr stolz auf seine Kanalisation. Hochrangige Besucher werden durch das Geest-Stammsiel von der Lombardsbrücke zum Hafen gefahren.

Foto:

hfr/Hamburg wasser

Bausenator Adolph Hertz und Ober-Ingenieur Andreas Meyer gingen mit dem Kronprinzen ins „Dampfboot-Wartezimmer“ und liefen von dort in die „Spülkammer“, genau dahin also, wo wir uns gerade befinden. Die hieß so, weil dort ein Absperrschieber dazu diente, den Düker und das Geest-Stammsiel zu spülen. Öffnete man den Schieber, entstand so etwas wie eine Surfwelle. Und auf dieser „Welle“ sollten die königlichen Hoheiten an diesem Tag unterirdisch drei Kilometer durch das Geest-Stammsiel bis zur Elbe „reiten“. Als die Kronprinzessin diese Ankündigung vernahm, verabschiedete sie sich hastig. Sie zog es vor, die Kutsche zu nehmen.

Doch ihr Mann und Sohn Wilhelm stiegen auf der anderen Seite der Lombardsbrücke begeistert in ein kleines Boot. Die kaiserliche Untergrund-Tour Richtung Hafen startete.

Mit dem Boot in Hamburgs Unterwelt: Der Kronprinz Friedrich (Mitte, mit Vollbart) fährt 1877 mit Gefolge durch das Geest-Stammsiel.

Mit dem Boot in Hamburgs Unterwelt: Der Kronprinz Friedrich (Mitte, mit Vollbart) fährt 1877 mit Gefolge durch das Geest-Stammsiel.

Foto:

hfr/hamburg wasser

Schon wurde der Schieber geöffnet und eine „wildaufschäumende Spülwelle“ (O-Ton eines Journalisten der „Gartenlaube“, der dabei war) ließ das Boot mit den zehn Passagieren durch das Siel rauschen. Neben dem Kronprinzen waren auch Hofmarschall Graf Eulenburg und General von Treskow mit an Bord. Unter der Esplanade weitete sich das Siel auf einen Durchmesser von drei Metern. Und mit immerhin drei Metern die Sekunde ging es Richtung Baumwall.

Unterwelt von Lombardsbrücke war mit Lampions illuminiert

Die Sielwerker hatten im Kanal farbige Lampions deponiert, deren Lichter die Kloake gespenstisch illuminierten. In Nischen standen Sielwärter mit Grubenlampen.

Der Kronprinz war begeistert und wunderte sich, dass die Luft so rein sei und die „Nase kaum beleidigt“.

Syndikus Carl Hermann Merck brachte daraufhin ein „Hoch“ auf den künftigen deutschen Kaiser aus. „Dann ertönte plötzlich Männergesang. Vier Freunde des Oberingenieurs Meyer hatten sich in einer Nische verborgen gehalten und sangen nun dem künftigen Regenten zu Ehren ein Ständchen!“ Der Kronprinz dankte huldvoll und trug sich schwungvoll ins „Fremdenbuch des Geeststammsiels“ ein.

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