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  • Foto: Florian Quandt

Benjamin Bigger (26): „Ich bin stolz, Hamburger Jude zu sein“

Die Bornplatzsynagoge soll wieder aufgebaut werden – vergangene Woche hat der Bund eine Finanzhilfe in Höhe von 65 Millionen Euro bewilligt. In dem Gotteshaus sollen Hamburger jüdischen Glaubens künftig wieder beten können. Doch wie sieht das jüdische Leben hier eigentlich aus? Schätzungen zufolge leben zwischen 3500 und 8000 Juden in Hamburg. Anhand von Porträts stellt die MOPO einige von ihnen vor. Wir starten mit Benjamin Bigger. Er ist 26 Jahre alt, freier Journalist und Mitinitiator der Initiative „Wiederaufbau Bornplatzsynagoge“. Die MOPO hat ihn getroffen.

Es ist kalt am Vormittag Ende November, als wir Benjamin Bigger auf dem Schulterblatt treffen. Vereinzelt hängen schon Lichterketten in den Fenstern. Auch der 26-jährige Hamburger freut sich schon auf Weihnachten. Obwohl das Fest für ihn als Juden rein religiös gesehen keine große Rolle spielt, freut er sich auf das Beisammensein mit der Familie. Und es weckt Kindheitserinnerungen – denn wie andere Kinder in Hamburg, hat auch Bigger mit seiner Familie Weihnachten gefeiert.

Jüdisches Leben in Hamburg: Die MOPO stellt es vor

„Meine Familie war schon immer säkular eingestellt“, sagt er. Bigger ist in Wellingsbüttel im Hamburger Norden aufgewachsen und lebt jetzt im Schanzenviertel. Er ernährt sich nicht koscher, die meisten seiner Freunde sind nicht jüdisch.

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Ob er überhaupt an Gott glaubt? „Ich glaube, dass uns Menschen irgendetwas auf einer Metaebene verbindet“, sagt Bigger. Ob das ein Gott sei, wisse er nicht.

Judentum hat für ihn weniger mit Religion und mehr mit Tradition zu tun. Mit dem Stück Apfel mit Honig, zum Beispiel, das traditionell am jüdischen Neujahrsfest Rosch ha-Schana gegessen wird, auf ein süßes neues Jahr. Oder mit dem Lichterfest Chanukka, das bald beginnt. In die Synagoge geht Bigger nur an den wichtigen Feiertagen.

Hamburger mit jüdischen Glauben: „Ich bin stolz darauf, Hamburger Jude zu sein“

Und trotzdem: Bei dem Trauerfall, den es gerade im engen Familienumfeld gab, gibt ihm das Totengebet „Kaddisch“ Kraft und Halt, erzählt Bigger. Dann geht er doch häufiger zu Gottesdiensten unter der Woche oder zum Shabbat-Gottesdienst am Freitag.

Das Judentum ist Bestandteil seiner Identität, Teil seiner Wurzeln. „Ich bin stolz darauf, Hamburger Jude zu sein“, sagt Bigger. Er mag den Zusammenhalt in der Gemeinschaft. „Es gibt nicht mehr viele von uns, da ist das schon etwas Besonderes“ sagt er.

Bigger bei der Klagemauer in Jerusalem

Bigger und sein Bruder beim Besuch der Klagemauer in Jerusalem 2018.

Foto:

Benjamin Bigger

Biggers Vater kommt aus Israel, seine Mutter ist Schwäbin, die zum Judentum konvertiert ist. Väterlicherseits lebt die Familie schon seit zwölf Generationen im Gebiet des heutigen Israel – direkte Opfer des Holocaust hat Biggers Familie nicht zu beklagen. Trotzdem erreichten Bigger Traumata von Familienfreunden bei seinen regelmäßigen Besuchen in Israel. Auch beruflich setzt er sich mit dem Holocaust und Antisemitismus auseinander, hat Filme mit Überlebenden gedreht.  

Antisemitismus in Hamburg: Immer noch Teil des Alltags

Und auch heute ist Antisemitismus Teil des jüdischen Lebens in Hamburg: Bigger musste schon wegen einer Bomben-Drohung fluchtartig die jüdische Schule verlassen, wo er Vertretungsunterricht gegeben hatte.

Solche Erfahrungen machen Bigger vorsichtig: Seine Kippa setzt er erst auf, kurz bevor er die Synagoge betritt – aus Angst vor Anfeindungen. Am 4. Oktober wollte Bigger zu der studentischen Feier „Sushi in der Sukka“ (Laubhütte) in der Synagoge Hohe Weide gehen. Er musste arbeiten – zum Glück, denn an dem Abend hat ein Mann in Militärkleidung einen jüdischen Studenten vor der Synagoge schwer am Kopf verletzt.  

Benjamin Bigger

Benjamin Bigger ist 26 Jahre alt und lebt im Schanzenviertel.

Foto:

Florian Quandt

„Es war nur eine Frage der Zeit, bis so etwas hier bei uns passiert“, sagt Bigger. Der Antisemitismus habe in Deutschland wieder zugenommen. „Dass heute Menschen bei Querdenker-Demos mitlaufen und sich nicht von rechtsradikalem Gedankengut distanzieren, macht mich extrem stutzig. Und traurig“, sagt Bigger.

„Ein Problem ist auch, dass so wenig Menschen etwas über das jüdische Leben wissen“, sagt er. Er hofft, dass eine neue Bornplatz-Synagoge dem als Begegnungsort entgegenwirken könnte.

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