• Bastian Hagmaier (28) soll Ottensen so umplanen, dass die Menschen durch weniger Autos mehr Lebensqualität bekommen.
  • Foto: Florian Quandt

Autoarmer Stadtteil: Er soll Ottensen zum Wohlfühl-Viertel machen

In Ottensen sollen künftig weniger Autos fahren. Dafür wird das Zentrum umgestaltet. Bei einem Pilotprojekt kam es 2019 zu heftigen Streitereien. Nun ist das Folgeprojekt „freiRaum Ottensen“ gestartet. Diesmal sollen die Anwohner und Gewerbetreibenden in die Umsetzung mit einbezogen werden. Im MOPO-Interview spricht erstmals der Chefplaner Bastian Hagmaier (28) über eines der spannendsten städteplanerischen Vorhaben in Hamburg.

MOPO: Das Projekt „Ottensen macht Platz“ hat für viel Diskussionen und Ärger zwischen den Menschen im Stadtteil gesorgt, wie bekommen Sie diesmal die Leute zusammen?

Bastian Hagmaier: Entscheidend wird, dass wir alle Leute mitnehmen. Das ist der Fahrplan, der uns die nächsten sieben bis acht Monate leiten wird. Da werden wir ganz intensiv in die Beteiligung gehen. Die Leute fangen auch nicht bei null an, wie beim letzten Mal, sondern haben sich schon im Vorfeld damit auseinander gesetzt. Anders als damals gucken wir nicht, wie funktioniert das Experiment autofreie Straße, sondern nehmen uns die Zeit, um zu erörtern, wie die ideale Ausgestaltung aussehen könnte. Erst dann gehen wir an die Umsetzung. Dafür schaffen wir einen Beirat, der die unterschiedlichen Interessengruppen abdeckt.

Vor über einem Jahr haben sich schnell mehrere Lager gebildet. Grob gesagt: Gegner und Befürworter. Die Fronten waren ziemlich verhärtet …

Wir starten mit dem Vorprozess und müssen gucken: Was waren die bisherigen Meinungen. Welche Erfahrungen haben die Leute gemacht, welche Befürchtungen haben sie jetzt. Wir planen ja jetzt auch ein autoarmes Quartier, nicht mehr ein autofreies. Es wird eine Kompromisslösung, in der die meisten Akteure ihren Platz finden werden. Wir werden aber auch nicht jede Einzelmeinung mitnehmen können.

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Einige Gewerbetreibende hatten sogar geklagt und letztlich das Projekt juristisch gestoppt. Zwischendurch gab es Boykottaufrufe im Internet gegen die Läden, die sich gegen die autofreie Zone gewehrt hatten. Lässt sich diese Kluft überwinden?

Das ist eine große Herausforderung, und der stellen wir uns mit der Beiratskonstellation, die wir auf den Weg bringen. Wir erwarten dabei zum Beispiel von den Gewerbetreibenden, dass es einen Einigungsprozess untereinander gibt, damit diese sich gegenseitig in dem Beirat vertreten können.

Wie soll das konkret aussehen?

Im Beirat wird es drei Sitze mit je einer Stellvertretung für Gewerbetreibende geben. Einen Sitz für den Bereich Handwerk, einen für den Handel, einen für die Gastronomie. Sie können uns dann sagen, wer als Vertreter oder Vertreterin im Beirat teilnehmen soll. Das startet voraussichtlich im Juni.

Jetzt gab es nicht nur Ärger durch direkt betroffene Leute an den gesperrten Straßen, sondern auch in den umliegenden Bereichen, weil sich der Verkehr in die engen Umgebungsstraßen verlagert und die Belastung dort zugenommen hat.

Natürlich gibt es eine Verkehrsverlagerung. Deshalb denken wir über den konzentrierten Bereich hinaus. Wir denken an Mikromobilität, wollen Angebote und Alternativen schaffen. Es wird Bedarf an Parkraum geben, gerade bei den Gewerbetreibenden, das kennen wir aus dem Pilotprojekt schon, aber grundsätzlich soll es attraktiver werden, ohne das Auto mobil zu sein.

Es geht ja nicht nur um Mobilität innerhalb des Quartiers, sondern auch um verlagerten Durchgangsverkehr.

Wir peilen eine langfristige Lösung an. Wir schauen uns an, wie sind die Bedarfe, wie sind die Wünsche und dann geht es in eine Fachplanung. Da wird dann geschaut, wie ein Umgestaltungsprozess aussehen kann, ob beispielsweise schon früher weiträumige Ausweichmöglichkeiten bestehen.

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Die Bahrenfelder Straße in Ottensen soll zur Rad- und Fußgängerzone werden.

Foto:

imago images / Nikita

Viele Anwohner haben die Sorge, dass verkehrsarme Bereiche zu weiterer Gentrifizierung führen könnten, die in Ottensen schon sehr ausgeprägt ist.

Das Thema Gentrifizierung ist noch kein Bestandteil der aktuellen Debatte, weil wir in dieser Phase erstmal versuchen, alle Beteiligten für den Beirat zusammenzubringen. Da werden auch Grundeigentümer ein Bestandteil sein. Es wird am Ende auch darum gehen, dass alle Menschen, die dort heute leben, es auch in Zukunft tun können und weiterhin glücklich sind.

Mehr Platz, den es ja definitiv geben wird, kann auch dazu führen, dass sich mehr Leute vor den Bars und Kneipen an den Straßen treffen. Wie verhindern Sie ein neues Schulterblatt in Ottensen?

Wir wissen heute noch nicht, wie die Nutzung des neuen Freiraums in Zukunft aussehen wird. Da sind flexible Nutzungen denkbar. Da kann der Tisch des Restaurants stehen, muss aber nicht dauerhaft. Wie die Gastronomie aussehen wird, ist Teil des Prozesses.

Wie werden die Ottenser Hauptstraße und die Bahrenfelder Straße, die beide umgebaut werden sollen, dann künftig aussehen?

Wir streben dort einen fuß- und radfreundlichen Umbau an. Dieser wird im Vordergrund stehen. Das wird zu einem späteren Zeitpunkt konkret werden. Im Idealfall trägt ein verkehrsberuhigter Bereich zu mehr Lebensqualität bei. Ich habe dort ein geringeres Problem mit Sicherheitssituationen, weil Autos nicht mit hohem Tempo durchfahren. Im Grunde können sich alle Teilnehmer gleichberechtigt im öffentlichen Raum bewegen.

Aber es wird definitiv eine Umwidmung der Straßennutzung geben müssen …

Wenn es eine Fußgängerzone geben wird, dann wird es eine Umwidmung geben müssen. Das können wir aber noch nicht sagen, denn wir können es vor der Beteiligung nicht vorwegnehmen.

Nicht nur in Hamburg wird auf das Projekt geschaut, sondern deutschlandweit ist das Interesse von Planern und der Politik groß. Die zentrale Frage lautet: Wie kann ein Quartier als Teil der Verkehrswende erfolgreich umgestaltet werden – ein besonderer Druck?

Es ist eine besondere Herausforderung. Wir hoffen natürlich auch, dass wir bei einer erfolgreichen Umsetzung eine Anregung für andere Projekte sein können.

Haben Sie Vorbilder für Ihr Projekt?

Wir haben uns Wien angeguckt, wo es auch die Umgestaltung zu einer autofreien Straße gibt, die vorher sehr stark einkaufslastig (Rotenturmstraße, Anm. d. Red.) war. Wir haben aber auch bei uns Beispiele, wie autoarmes Bauen funktionieren kann. In Altona sind es aber eher Neubaugebiete. Da können wir gucken, was man in ein Bestandsquartier übernehmen kann. Wir möchten bis 2024 das Projekt erfolgreich abschließen.

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