Das Kraftwerk Moorburg soll 2021 abgeschaltet werden.
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Aus für Moorburg: Ein Milliarden-Desaster mit Ankündigung

Aus und vorbei: Das Kohlekraftwerk Moorburg soll 2021 abgeschaltet werden – im Gegenzug kassiert Vattenfall noch einmal Geld vom Steuerzahler. Damit ist eines der umstrittensten Projekte in Hamburg Geschichte. Es gibt aber noch eine Hintertür.

Nach nur gut fünf Jahren Betrieb sollen im Kohlekraftwerk Moorburg 2021 die Lichter ausgehen. Am Dienstag erhielt der schwedische Betreiber Vattenfall von der Bundesnetzagentur den Zuschlag für eine entsprechende Stilllegungsprämie. Damit wird ab dem 1. Januar kein Strom mehr aus Moorburg am Markt angeboten, ausgeschlossen davon sind noch fortlaufende Verträge. Spätestens Mitte des kommenden Jahres soll das Kraftwerk dann endgültig abgeschaltet werden, eigentlich sollte es ursprünglich bis 2038 laufen. Die Entscheidung leistet für den Klimaschutz einen beträchtlichen Anteil. 8,7 Millionen Tonnen CO2 stößt Moorburg jährlich aus – zum Vergleich, der innerdeutsche Flugverkehr kommt auf 1,5 Millionen Tonnen. 

Moorburg: Ole von Beust verdoppelte das Kraftwerk

Der ehemalige Bürgermeister Ole von Beust (CDU) machte sich einst für das Kraftwerk stark, sorgte dafür, dass der Bau doppelt so groß wurde wie ursprünglich geplant. Die Grünen zogen damals mit dem Slogan „Kohle von Beust“ in den Wahlkampf – und mussten am Ende die Pläne selbst absegnen. Schlussendlich kostete das Kraftwerk Vattenfall drei Milliarden Euro und eine Menge Ärger. Aus dem geplanten Fernwärmeanschluss wurde nichts, auch weil sich innerhalb der Gesellschaft breiter Widerstand gegen Vattenfall formierte. Da half es sicher auch nicht, dass bei einem ersten Probelauf 2013 eine riesige schwarze Wolke freigesetzt wurde und Anwohner neben Kopfschmerzen darüber klagten, nicht über den Test informiert worden zu sein. 2015 ging das Kraftwerk dann in Betrieb, der Kommentar des damaligen Wirtschaftssenators Frank Horch (parteilos): „Das würde man heute so nicht mehr bauen“.

Vattenfall froh über Abschaltung

Moorburg gilt als eines der modernsten und sichersten Kraftwerke Europas und fuhr trotzdem zuletzt nicht mehr auf voller Auslastung. Der Schritt, jetzt den Stecker zu ziehen, wird Vattenfall dementsprechend nicht allzu schwergefallen sein. Zu viel Geld wurde bereits versenkt, zu wirtschaftlich unrentabel läuft es aktuell. „Wir begrüßen die Entscheidung“, sagte Vattenfall-CEO Anna Borg in Hinblick auf die Verkündung der Bundesnetzagentur. Die Abschaltung passe zur Strategie des Unternehmens, innerhalb einer Generation ein Leben ohne fossile Brennstoffe zu ermöglichen.

Steuerzahler zahlt für Moorburg-Abschaltung

Außerdem vergoldet der Steuerzahler die Abschaltung ein wenig. In einem Bieterwettbewerb hatte sich Vattenfall mit anderen Unternehmen darum beworben, Teile ihres Kraftwerk-Portfolios aufzugeben. Dafür zahlt der Bund als Gegenleistung nun insgesamt 317 Millionen an die Firmen, wie viel Vattenfall für die zwei Blöcke in Moorburg erhält, ist nicht bekannt. Beide Seiten vereinbarten Stillschweigen mit Rücksicht auf künftige Bieterwettbewerbe.

Kerstan: „Hamburg bis 2030 komplett kohlefrei”

Hamburgs Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) zeigte sich hocherfreut über die geplante Abschaltung: „Das Kohlekraftwerk Moorburg war von Anfang an überdimensioniert, unwirtschaftlich und schon vor der ersten Betriebsstunde praktisch aus der Zeit gefallen.“ Hamburg werde nun bis 2030 komplett kohlefrei. Dafür muss aber zum Beispiel noch das Heizkraftwerk Wedel vom Netz gehen.

„Not amused“ zeigte sich die CDU, die gerne am Kraftwerk festgehalten hätte. „Die heutige Entscheidung der Bundesnetzagentur ist kein großer Tag für die Klimapolitik, sondern ein Armutszeugnis für den Industriestandort Hamburg“, sagte Stephan Gamm, Klimatschutz- und Energiesprecher der CDU-Fraktion. Die Grünen hätten Vattenfall jahrelang schikaniert, sodass das Unternehmen offenbar keinen anderen Ausweg als die Stilllegung mehr gesehen habe. Gamm warnte außerdem vor möglichen Energieengpässen. Der Warnung schloss sich der Industrieverband Hamburg an, der umgehend eine „belastbare Perspektive für Versorgungssicherheit“ forderte. Moorburg liefert tatsächlich ungefähr so viel Strom, wie alle Hamburger Haushalte und die Industrie verbrauchen.

CDU sorgt sich um Versorgungssicherheit in Hamburg

Kerstan widersprach den Sorgen: „Es wird keinen Blackout geben“, so der Senator. Zudem gibt es noch eine Hintertür. Die Übertragungsnetzbetreiber und die Bundesnetzagentur prüfen nun bis März, ob das Kraftwerk in Moorburg systemrelevant ist. Sollte dies der Fall sein, müsste mindestens ein Block für einen bislang unbestimmten Zeitraum weiter auf Reserve laufen.

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Läuft es hingegen wie geplant, wird Vattenfall Stand heute den Rückbau des Kraftwerks organisieren und bezahlen müssen. Der Standort selbst soll nach Plänen des Senats für die Wasserstoffwirtschaft genutzt werden. „Wir führen bereits konkrete Gespräche mit Industriepartnern zur Errichtung eines 100 Megawatt Elektrolyseurs am Standort Moorburg“, sagte Wirtschaftssenator Michael Westhagemann (parteilos). Vattenfall und auch die Politik versprachen, dass man nach Lösungen für die über 200 Mitarbeiter suche, die bei einer Abschaltung vor dem Jobverlust stehen.

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