Oliver Bauer (2. v. r.) mit seiner Familie im Garten ihres Hauses im Katenweg.
  • Oliver Bauer (2. v. r.) mit seiner Familie im Garten ihres Hauses im Katenweg.
  • Foto: Blumenthal

A26 zerschlägt Nachbarschaft: Viele Familien verlieren ihr Zuhause

„Es bringt einen zum Heulen, macht wütend und ruft schlaflose Nächte hervor“, sagt Familienvater Oliver Bauer. Für den Bau der Hafenautobahn A26-Ost soll sein Haus abgerissen werden. Insgesamt sechs Doppelhäuser im Wilhelmsburger Katenweg müssen weichen. Zwölf Familien verlieren ihr Zuhause.

„Ich versuche jetzt einfach, unemotional die Ruhe zu bewahren“, sagt Bauer weiter. Nicht leicht, wenn man zu den Gründungsfamilien der mehr als 65 Jahre alten Siedlung gehört. Seine Frau Sandra wuchs in dem gelben Haus mit dem großen Garten auf, auch die Kinder Nico und Tim leben seit ihrer Geburt hier. Bauers Schwiegermutter Heidemarie und ihr Partner Wolfgang wohnen auch auf dem Grundstück. „Hier stecken persönliche Tragödien hinter dieser Sache“, sagt er.

Hamburg bekommt neue Hafenautobahn

Diese Sache, das ist der Bau der A26-Ost. Ehemals als Hafenquerspange, heute als Hafenpassage bekannt. Seit Jahrzehnten wird in Hamburg nach einer Lösung gesucht, um die A1 und die A7 in Ost-West-Richtung zu verbinden.

Der Streckenplan der A26-Ost.

Die Stadt will damit die Anbindung an den Hafen verbessern und den Verkehr entlasten. Nun soll das zehn Kilometer Vorhaben in drei Bauabschnitten starten. Bauherr ist die Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH (DEGES) des Bundes.

Von einem Abriss sei nie die Rede gewesen

Der Katenweg liegt im letzten Abschnitt „Wilhelmsburg“. In zwei bis drei Jahren müssen die Bewohner voraussichtlich ihre Häuser verlassen. „Zu Beginn des Projekts, bei der Linienbestimmung 2009, wurde von der DEGES gesagt, dass keine Wohnhäuser für die A26 in Hamburg abgerissen werden müssen“, sagt Michael Humburg vom Verein „Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg“.

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Die Autobahn sollte ursprünglich unter der benachbarten Straße Kornweide entlangführen. Anwohner sagen, sie hätten schon damals darauf hingewiesen, dass diese Planungen aufgrund des weichen Bodens unrealistisch war. „Die DEGES hat das abgetan und gesagt, da sollten wir doch der Fachmeinung glauben“, sagt Oliver Bauer. 

A26-Ost: Das sagt die DEGES

Die MOPO fragt beim Bauherren nach. „Ziel ist immer, den Eingriff so minimal wie möglich zu gestalten“, sagt DEGES-Sprecher Christian Merl zur MOPO. Die Anwohner seien auf dem Laufenden gehalten worden und man stehe in Kontakt.

Nachdem klar war, dass ein Tunnel unter der Kornweide zu erheblichen Beeinträchtigungen des Bahnverkehrs und des Verkehrs auf der Kornweide führen würde, habe die DEGES weitere Möglichkeiten geprüft. „Ich glaube wir haben im Jahr 2017/2018 das erste Mal gehört, dass die Häuser wegmüssen“, sagt Bauer.

„Damoklesschwert Autobahn“: Gibt es eine Entschädigung?

Und die Entschädigung für die Bewohner? Öffentlich über Geld reden, das will hier niemand. Von der DEGES heißt es nur, die Entschädigung richte sich nach den „entschädigungsrechtlichen Vorgaben“. Das heißt die Anwohner bekommen das, was ihr Hab und Gut nach heutigem Stand Wert ist.

All diese Häuser im Katenweg müssen abgerissen werden. Hinten links in gelb: Das Haus von Familie Bauer.
All diese Häuser im Katenweg müssen abgerissen werden. Hinten links in gelb: Das Haus von Familie Bauer.

Dass sie ihr gesamtes bisheriges Leben in der grünen Siedlung aufgeben müssen, spielt in dieser Rechnung keine Rolle. „Wir waren eine eingeschworene Gemeinschaft, das hat sich aber alles zerschlagen, seitdem das Damoklesschwert der Autobahn über uns schwebt“, sagt Bauer. „Es hat sich leider schnell herausgestellt, dass jeder für sich selbst kämpft.“

Naturschützer stemmen sich gegen Hafenautobahn

Kritik an dem Bauprojekt kommt auch von Umweltschützern. Der Naturschutzbund (Nabu) hat eine über 60-Seiten dicke Stellungnahme zum Planfeststellungsverfahren für den Bauabschnitt eingereicht.

Einer ihrer Einwände: Im Bereich Moorburg könnte die Autobahn einen negativen Einfluss auf den Moorgürtel und die dort lebenden Tiere und Pflanzen haben.

Hamburgs Umweltverbände und - Initiativen demonstrieren gegen die A26-Ost.
Hamburgs Umweltverbände und – Initiativen demonstrieren gegen die A26-Ost.

Zusätzlicher Kritikpunkt der Aktivisten sind die immensen Kosten. Mit geschätzten 1,85 Milliarden Euro wird die zehn Kilometer lange A26-Ost deutlich teurer als bislang angenommen. Im vergangenen Jahr war noch von rund einer Milliarde die Rede.

Resignation als Antwort auf das Unausweichliche

Bei einigen Bewohnern der bedrohten Häuser macht sie inzwischen Resignation breit. „Ich denke, wenn man realistisch ist, kann der Bau nicht mehr gestoppt werden. Da gab es schon zu viele Vorarbeiten“, sagt ein weiterer Anwohner, der anonym bleiben möchte.

„Für uns ist es ein Stich ins Herz, dass wir unser Grundstück hier aufgeben müssen. Man ist traurig und darf darüber nicht allzu viel nachdenken, sonst kriegt man das große Heulen.“

A26-Ost: Zukunft neben der Großbaustelle

Sorgen machen sich auch die übrigen Anwohner des Katenwegs, deren Häuser stehen bleiben. Denn die Baugrube muss mit Spundwänden im weichen Boden abgesichert werden. „Diese Wände müssten unter anderen unter unserem Grundstück verankert werden. Das würde das Haus aber womöglich nicht überstehen“, sagt Henry Wiencken. Hinzu kommt: Die Bauarbeiten würden voraussichtlich bis 2031 andauern. 

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Herr Merl von der DEGES sagt, es würden erschütterungsarme Bauverfahren zum Einsatz kommen. „Zudem wird es ein entsprechendes Monitoring geben, um etwaige Schäden an den Häusern zu dokumentieren“, so Merl.

Wiencken und seine Frau sind beide über 80 Jahre alt. Seit 1954 wohnen sie in der Siedlung. „Da will man auch nicht mehr umziehen, einen alten Baum darf man nicht verpflanzen“, sagt er. 

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