Am Montag protestierten Mitarbeiter und die Gewerkschaft Ver.di vor dem Otto-Campus in Bramfeld gegen die geplante Schließung des Retouren-Zentrums.
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840 Stellen weg: So kämpfen die Mitarbeiter der Otto-Tochter um ihre Jobs

Bramfeld –

Die Nachricht war bitter. Vergangene Woche teilte die Otto Group mit, das Retouren-Zentrum seines Tochterunternehmens Hermes Fulfilment in der zweiten Jahreshälfte 2021 schließen zu wollen. Begründet wird dies mit gestiegenen Kosten und einer Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit. Mit der frühzeitigen Information gebe man den 840 Mitarbeitern „ausreichend Zeit zur Neuorientierung“. Diese sehen das anders und protestierten am Montag gemeinsam mit Ver.di vor dem Bramfelder Otto-Campus.

„Ich bin fassungslos. Werner Otto würde sich im Grab umdrehen, wenn er das wüsste“, sagt Manuela Schenkenberger. Die 60-Jährige ist eine der 840 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Retouren-Zentrums der Otto Group in Bramfeld, das seinen Betrieb im nächsten Jahr einstellen wird.

Otto Group schließt Hamburger Standort, 840 Jobs weg

Manuela Schenkenberger arbeitet seit 29 Jahren für Otto, erzählt von Höhen und Tiefen, die sie gemeinsam mit dem Familienunternehmen erlebt hat. „Ich hätte niemals erwartet, dass so etwas passiert“, so die 62-Jährige. Sie  kämpft mit den Tränen.

Hermann und Schenkenberg

Nicoletta Hermann und Manuela Schenkenberger arbeiten seit vielen Jahren für die Otto Group. Für sie ist die Schließung des Standorts eine Katastrophe.

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Sie erwartet nun Arbeitslosigkeit, sieht keine berufliche Perspektive. Hoffnung, die Schließung könne noch verhindert werden, habe sie kaum. Stattdessen sei da große Wut auf den Vorsitzenden der Otto Group. „Er nennt sich einen ehrenwerten Unternehmer und dann schließt er einfach einen Standort, an dem so viele Arbeitsplätze hängen.“

Retouren-Zentrum wird geschlossen: Mitarbeiter sehen keine Zukunft

Auch der von Nicoletta Hermann. Mit ihren 42 Jahren ist sie eine der jüngeren Mitarbeiterinnen des Retouren-Zentrums, arbeitet seit zehn Jahren dort. Als Betriebsrätin erlebt sie hautnah, was für eine Katastrophe die Schließung für viele Mitarbeiter bedeutet. „Da ist nicht nur der hohe Altersdurchschnitt von über 50 Jahren – viele Mitarbeiter sind alleinstehend, wir haben Alleinerziehende und auch Elternpaare, die beide im Betrieb arbeiten. Diese Menschen fühlen sich existenziell bedroht, sehen keine Zukunft.“

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In der vergangenen Woche seien zahlreiche Kollegen zu Nicoletta Hermann gekommen und hätten vor Verzweiflung geweint. Doch zum Trost konnte die 42-Jährige ihnen nicht mehr als eine Umarmung geben. Sie selbst sieht noch bessere Chancen auf einen neuen Job – bevor sie sich umorientiert, will sie jedoch abwarten, ob der Standort doch noch zu retten ist.   

Für Mitarbeiter Andreas Kalliner ist die Schließung des Retouren-Zentrums die sechste Betriebsschließung seines Arbeitslebens. Doch dieses Mal steht der 59-Jährige kurz vor der Rente. „Wenn ich jetzt noch einen anderen Arbeitsplatz finden würde, wäre das wirklich ein Wunder“, so Kalliner. „Seit 1978 habe ich kontinuierlich gearbeitet und jetzt soll ich die letzten vier Jahre von Sozialleistungen leben?“

Kalliner

Andreas Kalliner steht kurz vor der Rente. „Wenn ich jetzt noch einen Arbeitsplatz finden würde, wäre das wirklich ein Wunder“, so der 59-Jährige.

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Hinzu kommt, dass er die Entscheidung des Vorstandes nicht nachvollziehen könne. „Die Retouren sollen ab jetzt ausschließlich in Tschechien und Polen abgewickelt werden. Dort sind aber weder die Qualität noch das Fachwissen vorhanden, das die hiesigen Mitarbeiter tagtäglich geliefert haben.“

Bramfeld: Es gibt eine campuseigene Reinigung

Demnach können 97 Prozent aller zurückgesendeten Artikel nach einer fachkundigen Beurteilung auf dem Campus Bramfeld als neuwertig weiterversendet werden – die restlichen drei Prozent gingen in die campuseigene Reinigung und Wäscherei, sodass man noch einmal 87 Prozent davon erneut versenden könne. Eine solche Reinigung fehle den polnischen und tschechischen Standorten, sodass man befürchte, dass sich „die sich jetzt noch im Promillebereich befindliche Anzahl der zu vernichtenden Sendungen im Konzern drastisch erhöhen“ wird.

Kalliner ist selbst Ausbilder im Betrieb und sorgt sich auch um seine Schützlinge. „Gerade in Corona-Zeiten wird es auch für die jungen Mitarbeiter schwierig bis unmöglich werden, einen Job zu finden“, so der 59-Jährige. Wenn die Standortschließung nicht verhindert werden könne, solle sie immerhin verschoben werden.

Die Otto Group begründete ihre Entscheidung vergangene Woche mit gestiegenen Kosten: „Der Retourenbetrieb in Hamburg ist wirtschaftlich – trotz technisch hohem Niveau und hervorragend arbeitender Kolleginnen und Kollegen – nicht mehr rentabel und kann deshalb leider nicht länger aufrechterhalten werden“, teilte das Unternehmen mit.

Jobs weg bei Otto-Tochter: 13,44 Euro Stundenlohn

Für die Ver.di-Landesfachbereichsleiterin Handel, Heike Lattekamp, ist das kein Argument. „Die Kollegen bekommen mit 13,44 Euro einen vergleichsweise geringen Stundenlohn, obwohl Otto gut aufgestellt ist. Wie weit sollen die Löhne noch gedrückt werden?“

Wie die Otto Group mitteilte, halte sie grundsätzlich am Aufbau weiterer Arbeitsplätze in Hamburg und Deutschland fest, auch in der Logistik. In den vergangenen Jahren sei die Zahl der rechnerischen Vollzeit-Stellen in der Konzernlogistik um 15 Prozent auf 7300 gestiegen. Man wolle nun mit den Betriebsräten ausloten, wie die Folgen für die Beschäftigten so gut es geht abgemildert werden können. In den Hamburger Otto-Firmen gebe es für die oft ungelernten Mitarbeiter kaum Beschäftigung.

Laut Ver.di gibt es bis April noch eine Beschäftigungssicherung, die der Betriebsrat ausgehandelt hatte. Die Beschäftigten hätten demnach seit 2006 auf bis zu 12 Prozent ihres Gehaltes verzichtet, um den Standort zu erhalten. Nun entstehe der Eindruck, Otto habe das Zeitfenster zum Ausbau der vorhandenen Standorte zur Retourabwicklung in Polen und Tschechien genutzt.

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