Türkische Gastarbeiter
  • 55 türkische Gastarbeiter am 27.11.1961 auf dem Flughafen in Düsseldorf. Sie waren die ersten von 400 Bergleuten aus der Türkei, die sich für ein Jahr Arbeit in Deutschland verpflichteten.
  • Foto: picture-alliance / Wolfgang Hub

60 Jahre Anwerbeabkommen: Ein Leben zwischen den Welten

Als Jugendliche kamen Güngör Yilmaz und Kazım Abacı in den 70er und 80er Jahren mit ihren Eltern nach Deutschland – als Gastarbeiterkinder. Heute sitzen sie für die SPD in der Hamburgischen Bürgerschaft. In einem Gastbeitrag für die MOPO schreiben die beiden Politiker, was das vor 60 Jahren abgeschlossene deutsch-türkische Anwerbeabkommen für die Menschen und die Gesellschaft bedeuteten und bedeutet:

Der 30. Oktober 1961 hat keinen Platz im kollektiven Gedächtnis der deutschen Gesellschaft. Doch für uns und viele Tausend Menschen in Deutschland hat dieser Tag das Leben geprägt und es für immer verändert. Heute sind wir Bürgerschaftsabgeordnete, Hamburgerin und Hamburger. Früher waren wir – in den Augen der Gesellschaft und zusammen mit vielen weiteren Jugendlichen aus Ländern wie Italien, Griechenland, Spanien und Portugal – vor allem eines: Gastarbeiterkinder.

Güngör Yilmaz
Güngör Yilmaz (60) sitzt seit 2015 für die SPD in der Bürgerschaft. Die Volkswirtin arbeitet in der Abteilung Abfallwirtschaft des Amtes für Umweltschutz. Yilmaz lebt mit ihrer Familie in Nettelnburg. Sie ist verheiratet, hat zwei Kinder.

60 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen

Unsere Väter sind 1964 und 1969 als Arbeitskräfte nach Deutschland gekommen. Sie arbeiteten in der Landwirtschaft, errichteten Brücken oder halfen beim Bau des Elbeseitenkanals. In dieser Zeit war „Almanya“ ein Sehnsuchtsort. Das Gastarbeiterabkommen, das am 30. Oktober 1961 in Kraft trat, eröffnete vielen Menschen eine Perspektive und einen Weg aus der Arbeitslosigkeit in ihrer Heimat. Gastarbeiter waren bei deutschen Firmen gern gesehen. Im Nachkriegs-Deutschland fehlten Arbeitskräfte – und wer nur kurz bleibt, arbeitet ohne Klagen und nimmt jede Aufgabe an.


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Trotzdem blieben sich beide Seiten fremd. Weil die Rückkehr in die Heimat ausgemacht war, gab es nur selten Hilfen beim Erlernen der deutschen Sprache, kaum gemischte Unterkünfte oder private Kontakte zwischen Deutschen und Türken. Als Kinder wuchsen wir in zerrissenen Familien auf, pendelten zwischen den Welten und saßen manches Mal auf gepackten Koffern. In der Schule haben wir uns durchgekämpft, weil unsere Eltern uns kaum helfen konnten und zu Hause manchmal einfachste Dinge wie ein Lexikon fehlten. Auch beim Einstieg ins Berufsleben lief vieles ungeplant, denn Erfahrungswerte gab es nicht.

Kazim Abaci
Kazım Abacı (56) ist Volkswirt und Sozialökonom. Der SPD-Politiker sitzt seit 2011 in der Bürgerschaft. Er ist Geschäftsführer von „Unternehmer ohne Grenzen“, einer gemeinnützigen Organisation, die Firmen fördert, deren Inhaber Migrationshintergrund haben. Er ist ledig und hat einen Sohn.

Wer in ein fremdes Land zieht, der hält an Bräuchen fest, weil sie Vertrautheit spenden – so auch unsere Eltern. Unser Zuhause war ein Schmelztiegel der Kulturen, in dem Welten aufeinanderprallten. Als Kinder versuchten wir, die neuen Eindrücke in Deutschland mit den elterlichen Traditionen und Geboten in Einklang zu bringen. Die aus nächtlichem Wegschleichen, ungewohnter Kleidung und neuen Freundschaften resultierenden Konflikte haben nicht nur uns, sondern auch unsere Eltern verändert. Als Kinder wollten wir das Beste aus beiden Welten.

Güngör Yilmaz und Kazım Abacı kamen als Gastarbeiterkinder nach Deutschland

Am Ende sind viele von uns Gastarbeiterkindern in „Almanya“ geblieben. In der Türkei wurden wir „Almanci“ – Deutschländer – genannt, in der neuen Heimat „Migranten“. Wir fragten uns: Wo gehören wir eigentlich hin? Jede Familie hat darauf ihre eigene Antwort gefunden. Einige kehrten zurück, so wie es das Gastarbeiterabkommen vorgesehen hatte, und nahmen ein Stück von Deutschland mit. Andere arbeiteten weiter, brachten sich ein und veränderten so die deutsche Gesellschaft.

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Diesen Beitrag gilt es, zum morgigen 60-jährigen Jubiläum und darüber hinaus zu würdigen. Als Sozialdemokratin und Sozialdemokrat wollen wir die gesellschaftliche Teilhabe für alle Menschen in Hamburg stärken. Migration bietet nicht nur die Chance auf ein besseres Leben, sondern sie kann Gesellschaften bereichern. Dafür ist die Geschichte unserer Generation, die am 30. Oktober 1961 ihren Anfang genommen hat, ein wichtiges und gutes Beispiel.

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