Inge Euler steht traurig in ihrem Ottenser Hinterhof. Füttern darf sie die Tauben nicht mehr.
  • Inge Euler steht traurig in ihrem Ottenser Hinterhof. Füttern darf sie die Tauben nicht mehr.
  • Foto: Florian Quandt

250.000 Euro Strafe: Hamburgerin darf Tauben im eigenen Garten nicht füttern

Ottensen –

Seit 30 Jahren füttert Inge Euler (74, Name geändert) die Stadttauben von Ottensen. Zunächst auf ihrem Dachboden, später im eigenen Garten. Doch jetzt ist alles anders. Ein Nachbar hat plötzlich geklagt. Wenn Inge Euler zu Hause nur noch ein Körnchen Mais auswirft, droht ihr ein Ordnungsgeld von bis zu 250.000 Euro – oder Gefängnis. Für die alte Dame bricht gerade eine Welt zusammen.

Der Garten hinter ihrem Haus ist Inge Eulers kleines Reich. Sie wohnt hier schon seit mehr als 40 Jahren. Von der Straße nicht einsehbar hat die stark sehbehinderte Frau hier ihre Beete, am Haus rankt Wein und in einem Schuppen bewahrt sie das Spezialfutter für „ihre“ Tauben auf, die zu einer Art Lebensaufgabe geworden sind. Verbunden mit hohen Kosten fürs Futter.

Sandra Baumann vertritt im Tauben-Prozess die Beklagte aus Ottensen.

Anwältin Sandra Baumann aus Wardenburg vertritt Inge Euler vor Gericht. Sie geht in Berufung.

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Zweimal täglich war bis vor Kurzem Fütterzeit. Vier Eimer voll Futter streute sie für die Vögel aus, die pünktlich zur Stelle waren und sich gierig auf Mais, Saaten und andere Körner stürzten. E. spricht von etwa 150 bis 200 Tieren, die klagenden Nachbarn sagen, dass es eher doppelt so viele sind.

Hamburg-Ottensen: Nachbarn beschwerten sich jahrelang nicht

Die Familie der Kläger wohnt im Nebenhaus, hat dort auch ihr Büro. Und das schon seit 2004. Der Balkon ihres 2011 dort neu gebauten Hauses grenzt an den Garten von Frau Euler. „Und mehr als zehn Jahre lang beschwerten sie sich nicht bei mir über die Tauben und meine Fütterung“, schildert Euler. Im Gegenteil, als die Kläger dort neu bauten, da habe Frau Euler ihnen sogar noch kulant Baumaßnahmen erlaubt, die ohne ihre Zustimmung als Nachbarin nicht genehmigt worden wären.

Stadttauben vom Bahnhof Altona warten auf dem Dach auf Futter.

Noch immer warten einige Tauben auf dem Dach des Hauses von Frau Euler in Ottensen auf Futter.

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Doch dann zogen die Nachbarn vor Gericht. Nach ihrer Schilderung koten die wartenden Tauben alle umliegenden Balkone voll. Federn würden ständig in die Wohnungen wehen und die Regenrinnen seien voller Taubenkot. Bei starkem Regen würden sie überlaufen und eine stinkende Brühe ergieße sich. Auch würden die Tauben durch Gurren und Flügelschlagen viel Lärm erzeugen und außerdem auch krank machen.

Hamburg: Tauben kommen vom nahen Bahnhof Altona

Das alles weist Inge Euler als unwahr zurück. Die selbstbewusste Frau, die in ihrem Berufsleben eine Pionierin in der PC-Programmierung war, ist kein unbedarftes Ömchen, das einfach nur die Vögel füttern möchte. Sie kennt sich mit Tauben bestens aus. Als die noch auf ihrem Dachboden lebten, hatte sie Gipseier in die Nester gelegt, damit die Tauben sich nicht vermehren konnten. Die überzeugte Vegetarierin füttere die Tiere nur, weil sie woanders in der Stadt einfach nicht ausreichend Nahrung fänden.

Taubenfüttern ist in Hamburg verboten.

Ein Mann füttert die Tauben an der Binnenalster. Eigentlich ist Taubenfüttern in Hamburg verboten.

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dpa

„Die Tauben sind ja nur für 10 bis 15 Minuten hier und nach dem Füttern fliegen sie sofort wieder weg“, sagt Euler. Die meisten der Tiere kommen offenbar vom nahegelegenen Bahnhof Altona. Die Vögel würden auch überhaupt nicht im Garten und an den Häuserfronten koten. „Tauben koten nicht an ihren festen Fütterungs-Plätzen.“

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Als die MOPO Frau Euler jetzt besuchte, war es tatsächlich überall sauber. Weder an den Fassaden noch auf dem Boden oder auf dem Dach des Schuppens – wo viele Tauben vorm Füttern warten – waren Kothaufen zu sehen. Auch Federn lagen nicht herum. Und das kann sie nicht gereinigt haben, dazu ist die seh- und gehbehinderte Frau gar nicht in der Lage.

Richter machte sich kein Bild vom Taubenfüttern vor Ort

Ob die Tauben Lärm verursachen und wie es bei der Fütterung zugeht, davon konnte die MOPO sich kein Bild machen. Frau Euler darf ja nicht mehr füttern.

Unverständlich ist für ihre Anwältin Sandra Baumann, dass das Amtsgericht Altona sich kein Bild von der Situation vor Ort gemacht hat, bevor der Richter sein Urteil fällte und die Taubenfütterung untersagte. Denn schließlich gab es zwei völlig unterschiedliche Schilderungen des Sachverhalts. Deshalb wollen Frau Euler und ihre Anwältin weiter kämpfen: „Wir gehen in Berufung vors Landgericht“.

Menschen füttern Tauben vor der Kirche St. Nikolai in Hamburg.

In Hamburg gab es schon immer viele Tauben. Hier füttern Menschen im Krieg die Tauben vor St. Nikolai.

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hfr

Vielleicht werden dann auch die fünf Nachbarn als Zeugen gehört, die die Tauben nicht stören. Baumann hatte sie parat, sie fanden aber im Verfahren kein Gehör. Darunter auch eine Frau, die im gleichen Haus wie die Kläger wohnt und einen ganz besonders großen Balkon mit Holzboden in Richtung von Frau Eulers Garten hat. Baumann: „Sie fühlt sich nicht gestört und ihr Balkon ist auch nicht verkotet.“

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Unterstützung bekommt Inge Euler von vielen Tierschützern, etwa vom  Hamburger Tierschutzverein und vom Verein Hamburger Stadttauben, der jetzt ein Spendenkonto eingerichtet hat, damit Inge Euler überhaupt die Prozesskosten gegen die sehr wohlhabenden Kläger zahlen kann. Auch die Nachbarin, die als Zeugin auftritt, hat gespendet. Der Stadttauben-Verein setzt sich für einen Taubenschlag am Bahnhof Altona ein, damit die Tiere von der Straße kommen und nicht hungern.

Ein Lichtblick für die alte Dame, die durch den ganzen Stress, ihre geliebten Tauben nach 30 Jahren nicht mehr füttern zu dürfen, bereits einen Hörsturz erlitten hat und die nur noch mit Schlafmitteln nachts zur Ruhe kommt.

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