Zu Besuch in der Station der Helden
Haben Sie in dieser Woche auch von der Aufregung über eine „Influencerin“ gelesen, die in ein Naturschutzgebiet auf Island urinierte? Oder wer das Dschungelcamp gewann, was auch immer das meint, wenn die Würde zuvor verloren ging? Vermutlich wissen Sie auch, welche Namen Heidi Klum ihren Brüsten gibt.
Haben Sie in dieser Woche auch von der Aufregung über eine „Influencerin“ gelesen, die in ein Naturschutzgebiet auf Island urinierte? Oder wer das Dschungelcamp gewann, was auch immer das meint, wenn die Würde zuvor verloren ging? Vermutlich wissen Sie auch, welche Namen Heidi Klum ihren Brüsten gibt.
Es sind gefährliche, bedrohliche, verrückte Zeiten, gleichzeitig aber ist so vieles bescheuert in unserer Welt der (sozialen) Medien. Ich sehne mich nach wahren, echten Geschichten von Menschen, die Großes im Kleinen leisten, nicht für sich und für ihren Instagram-Feed, sondern für die Gemeinschaft.

Der Autor: Stefan Kruecken, Jahrgang 1975, leitet mit seiner Frau Julia den von ihnen gegründeten Ankerherz Verlag (www.ankerherz.de). Vorher war er Polizeireporter für die „Chicago Tribune“, arbeitete als Reporter für Zeitschriften wie „Max“, „Stern“ und „GQ“ von Uganda bis Grönland. Sein neues Buch „Das muss das Boot abkönnen“ gibt es im MOPO-Shop unter mopo.de/shop. Weitere Bücher gibt es im Ankerherz-Shop – zum Beispiel „Das kleine Buch vom Meer – Helden“ oder „Mayday – Seenotretter über ihre dramatischsten Einsätze“.
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Dieser Mann rettete 2675 Menschen aus der Seenot
Als ich von Jaap Pronk (66) erfuhr, Chef der Seenotretter der Station Scheveningen, dem Hafen von Den Haag, war ich ergriffen. Es war ein Nachruf der niederländischen Retter der KNRM, die darauf hinwiesen, dass Skipper Pronk 2675 Menschen aus Seenot geholfen hatte. 2675! Welch eine Courage. Ich widmete Jaap das Vorwort in einem Buch, das ich zusammen mit dem Journalisten Olaf Kanter über die „Helden der See“ schrieb, und wir ließen den Seenotretter von einem Künstler zeichnen. Das Buch schickte ich hinterher an die Station in Scheveningen.
Wenig später antwortete mir sein Sohn: Hugo Pronk (42) ist heute Chef der Station und freute sich wirklich. Seine Einladung konnte ich wegen Corona lange Zeit nicht annehmen. Nun war es endlich so weit. Hugo zeigte mir die alte Station und einen Neubau, der schon bereit sein soll, wenn die Teilnehmer des „World Ocean Race“ mit dem Hamburger Segler Boris Herrmann in den Hafen segeln. Meine Kinder durften auf den Stühlen im Seenotrettungskreuzer „Kitty“ Platz nehmen.
Sohn tritt in große Fußstapfen
Hugo Prank sah erschöpft aus. 142 Einsätze zählten die Retter von Scheveningen 2022, im Jahr davor waren es sogar noch hundert mehr gewesen. Darunter war auch das furchtbare Drama am Wellenbrecher unmittelbar vor der Station, bei dem fünf junge Surfer in der Nordsee ertranken.
Hugo ist der einzige Festangestellte. Er leitet Crews von Ehrenamtlern an. Nicht mehr nur Fischer und Seeleute wie früher, sondern auch Anwälte oder IT-Experten. Ein Bildschirm zeigt ihm, wer im Falle eines Notfalls einsatzbereit ist. Es ist ein hartes Engagement, nicht nur wegen Wind und Wellen. „Einige Selbstmörder gab es schon in diesem Jahr, mehr als sonst“, meinte er. Darunter viele junge Leute. Späte Opfer von Corona.
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Nach dem Besuch gingen wir an den Strand. Ein Sturm heulte über die Nordsee. Vielleicht musste Hugo mit seinen Freiwilligen später noch raus, um Leben zu retten.
Wie sein Vater. 2675 Menschen, die er nicht kannte. Ich feiere die Familie Pronk.