Linda Kahl
  • Gewässerexpertin Linda Kahl und ihr Kollege Wolfram Hammer
  • Foto: Sun

„Wie es der Elbe geht? Ein großes Elend …“

Hamburg ist geprägt von seinen Flüssen: Elbe, Alster und Co. sind nicht nur Aushängeschild der Hansestadt, sondern haben auch eine große wirtschaftliche Bedeutung. Mit seinen Eingriffen verändert der Mensch die natürlichen Ökosysteme. Wie es um die beiden großen Flüsse und ihre Bewohner steht, hat die MOPO Linda Kahl gefragt. Sie ist Referentin zum Thema Tideelbe bei der Umweltschutzorganisation BUND.

MOPO: Frau Kahl, wie geht es der Elbe in Hamburg?

Linda Kahl: Den Zustand der Elbe kann man nur als „großes Elend“ bezeichnen. Der Fluss wurde in den letzten 50 Jahren durch menschliche Eingriffe massiv in Mitleidenschaft gezogen: Das Wasser ist trüber geworden, die Strömung viel stärker, Flachwasserzonen sind verloren gegangen. Auch der Tidehub – der Unterschied zwischen Ebbe und Flut – ist extrem angestiegen. Schuld an dem Elend sind unter anderem vier Vertiefungen in den letzten Jahren und Abdeichungen von Vordeichflächen und Nebenflüssen.

Das wirkt sich sicher auch auf die Flussbewohner aus.

Der Stintbestand hat in den letzten Jahren extrem abgenommen. Das ist ein großes Problem, da die komplette Nahrungskette in der Elbe in manchen Monaten auf diesen Fisch angewiesen ist. Das ist auch der Grund, warum wir kaum noch Besuch von Schweinswalen oder Seehunden bekommen. Die Bestände vieler Arten – ob Säugetiere, Vögel oder Fische – sind zuletzt sehr klein geworden.

Elbe in Hamburg: „Dann haben wir am Ende vielleicht einen Fjord“

Was passiert, wenn das so weitergeht?

Es wird sich eine neue Artenzusammensetzung ergeben. Dann haben wir am Ende vielleicht einen Fjord. Oder einen Schifffahrtskanal, in dem nur noch Süßwasserarten vorkommen. Vielleicht sogar einen toten Fluss, in dem nur noch Wasser hin und her schwappt. Auf jeden Fall nicht mehr den einzigartigen und schützenswerten Lebensraum, der die Elbe mal war.

Wie kann das verhindert werden?

Die letzte Vertiefung muss rückgängig gemacht werden. Rückdeichungen, Schaffung von Flutraum und die Öffnung von Nebenflüssen sind Maßnahmen, um der Elbe mehr Raum zu geben, Sauerstoffaustausch zu ermöglichen, Lebensraum für Fische und Futterzonen für Vögel zu schaffen. 

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Also würden Sie auch die Öffnung der alten Süderelbe befürworten?

Grundsätzlich ist der BUND für die Öffnung von Nebenflüssen. Allerdings muss man sich die genauen Planungen anschauen. Es besteht die Gefahr, dass die alte Süderelbe verschlickt und damit ein wertvolles Ökosystem verloren geht, das sich dort entwickelt hat. In dem Stillwasser leben mittlerweile viele Amphibien und Fische.

Gruene MOPO

Sieht es in der Alster besser aus als in der Elbe?

Da geht vieles in die richtige Richtung. Größere Maßnahmen wie das Projekt „Lebendige Alster“ tragen dazu bei. Neben den Schleusen wurden Fischtreppen gebaut, damit die Fische weiterwandern können. Das hilft dem Aal, der Forelle, den Barschen und Stichlingen, die dort leben. Der BUND und seine Projektpartner NABU und „Aktion Fischotterschutz“ haben kleine Schutzräume, sogenannte „schwimmende Inseln“, mit Vegetationszonen als Ruhezonen für Fische und auch Libellen installiert. Die Wasserqualität hat sich bereits sehr verbessert. Während der Pandemie gab es an den innerstädtischen Bereichen der Alster einen hohen Nutzungsdruck durch Hamburger, die dort vermehrt Boot gefahren sind und Picknick gemacht haben. Das hat Lebewesen und Umwelt belastet. Hier müssen noch Kompromisse gefunden werden – zum Beispiel geschützte (Ufer-)Zonen.

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