Geplatzte Reifen, gestrichener Bonus: Der Frust der Lieferando-Fahrer
Ein paar Mal auf die App geklickt, schon rollt das Essen bis vor die Tür: Rund 520 Lieferando-Fahrer kurven durch Hamburg, mit dem Fahrrad oder dem Auto, zum Mindestlohn und mit ihren Privatfahrzeugen. Andreas Schuchard (39) ist einer von ihnen und erklärt, warum die Auslieferer ab Freitag für 36 Stunden streiken wollen – es wäre der bislang längste Lieferando-Streik. Es geht um Zeitdruck, geplatzte Reifen und einen Bonus, den Lieferando streichen will.
Die Arbeitsbedingungen: hart. „Man ist ständig unter Zeitdruck“, sagt Schuchard, der seit 2021 mit seinem Fahrrad Essen ausfährt und inzwischen Hamburger Betriebsratsvorsitzender ist. Dann erzählt er ein Erlebnis seiner jüngsten Tour: „Mir ist ein Reifen geplatzt, ich musste zum Fahrradladen, einen neuen kaufen und aufziehen.“ Kosten für den Schlauch: 10 Euro. Kilometergeld von Lieferando: 14 Cent. „Ich muss jetzt also mehr als 70 Kilometer fahren, um den Schlauch wieder reinzuholen. Das dauert ewig.“ Der Kunde wartete lange auf sein Essen, das Trinkgeld an jenem Tag: insgesamt 1,50 Euro.
Bonus soll gestrichen werden
Lieferando-Fahrer bekommen den Mindestlohn, also 12,82 Euro pro Stunde. Dazu gibt es bislang noch einen (steuerpflichtigen) Orderbonus für besondere Schnelligkeit: Ab der 26. Auslieferung im Monat gibt es 25 Cent pro Auslieferung extra. Ab der hundertsten kommt ein Euro pro Auslieferung dazu, aber der 200. gibt es zwei Euro on top pro Order.
„Eine gute Vollzeitkraft mit Auto schafft im Monat 400 bis 500 Auslieferungen“, sagt Schuchard. „Die haben dann einen Orderbonus von 400 bis 500 Euro. Den zu verlieren, das ist harter Tobak.“ Lieferando will den Bonus ab August streichen und beruft sich dabei auf das Bundespersonalfahrgesetz, das es verbietet, Berufskraftfahrern finanzielle Anreize für mehr Leistung zu bieten. So soll vermieden werden, dass Lieferfahrer durch die Stadt rasen oder Lkw-Fahrer ihre Laster überladen, um ihr Gehalt aufzubessern.
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Ob es einen Ausgleich in Höhe der Bonuszahlungen gibt, ist unklar: Der Lieferando-Mutterkonzern Just Eat Takeaway weigert sich, über einen Tarifvertrag für die rund 6000 Beschäftigten zu verhandeln, teilt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) in Hamburg mit. In Hamburg sind rund 60 Prozent der Auslieferer mit Autos unterwegs. „Es gibt auch Minijobber, aber die meisten Kollegen bestreiten ihren Lebensunterhalt durch die Lieferfahrten“, sagt Schuchard. Ohne einen gleichwertigen Ersatz für die Orderboni wird das kaum mehr möglich sein.
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