Chanel One Russia
  • Diese Szene in den Neun-Uhr-Nachrichten sah ein Millionen-Publikum.
  • Foto: picture alliance/dpa/Social Media

Nach Fernseh-Protest: Russische Nachrichten-Heldin verurteilt

Derzeit gehört verdammt viel Mut dazu, sich in Russland öffentlich gegen Wladimir Putin und gegen den Krieg in der Ukraine zu positionieren – 15 Jahre Haft drohen. Die Courage dieser TV-Reporterin ist daher besonders eindrücklich: Marina Ovsyannikova (44) stürmte die Abendnachrichten, protestierte mit einem Anti-Kriegs-Plakat und Rufen vor laufender Kamera, nahm außerdem ein Protest-Video auf. Nun ist sie offenbar zu einer Geldstrafe verurteilt worden.

Der Sender „Perwy Kanal“ – zu Deutsch Kanal Eins – ist der Hauptsender im russischen Fernsehen. Und die Neun-Uhr-Nachrichten sind vergleichbar wichtig wie bei uns die „Tagesschau“. Was das Millionenpublikum nun zu sehen bekam, hat es in dieser Form noch nie gegeben: Während die Nachrichtensprecherin die News verliest, stürmt eine blonde Frau ins Bild, hält ein Schild hoch, auf dem steht: „Stoppt den Krieg. Glaubt der Propaganda nicht. Hier werdet ihr belogen.“

Ovsyannikova arbeitete jahrelang bei „Perwy Kanal“

Dabei ruft sie mehrmals: „Nein zum Krieg!“, bis das Bild ausgeblendet und ein Bericht über russische Kliniken gezeigt wird. Wie sich später herausstellt, arbeitet die mutige Marina Ovsyannikova selbst seit Jahren bei „Perwy Kanal“ – und hat sich die Sache offenbar sehr gut überlegt. Laut ihrem Facebook-Profil hat die 44-jährige Redakteurin unter anderem zwei Kinder, mit denen sie in Moskau lebt, eine Tochter und einen Sohn. Ihr Ex-Mann soll beim putinfreundlichen Sender „Russia Today“ arbeiten.


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Auf das Verbreiten von „Falschinformationen“ zum Ukrainekrieg stehen seit gut zehn Tagen bis zu 15 Jahre Haft. Alleine auszusprechen, dass es sich in der Ukraine um einen „Krieg“ handelt, kann strafrechtlich verfolgt werden. Der Kreml spricht von einer „militärischen Spezialoperation“.

Redakteurin zunächst verschwunden, dann tauchten Gerichts-Bilder auf

Am Tag nach der Aktion war Ovsyannikova zunächst wie vom Erdboden verschluckt. Selbst ihre Anwälte durften offenbar keinen Kontakt aufnehmen. Später dann tauchten in den sozialen Medien Bilder auf, die sie gemeinsam mit einem Anwalt vor Gericht zeigen sollen.

Die mutige Redakteurin hatte neben der Live-Protestaktion auch noch ein Video aufgenommen, das sie veröffentlichte. Was in der Ukraine passiere, sei ein „Verbrechen“, sagt sie dort. Russland sei der „Aggressor“, und der einzige Verantwortliche dafür sei ein Mann: Wladimir Putin.

Ihr Vater sei Ukrainer, die Mutter Russin. Nie seien sie Feinde gewesen. Und nun würde Russland einen „Bruderkrieg“ führen. „Unglücklicherweise habe ich jahrelang für ,Perwy Kanal‘ gearbeitet“, so Ovsyannikova. Sie schäme sich, die Propaganda des Kremls jahrelang unterstützt zu haben. Lügen hätten sie erzählt, das russische Volk zu „Zombies“ gemacht, zu Unrecht stets geschwiegen.

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Das russische Volk sei klug. „Nur wir können diesen Wahnsinn stoppen. Geht auf Demos, habt keine Angst! Sie können uns nicht alle einsperren!“ Offenbar ist ihr genau das nun passiert. Aus Überzeugung für ihre Ideale. Und vielleicht als Vorbild für andere.

Urteil wegen Protest-Video: Ovsyannikova muss Geldstrafe zahlen

Am Dienstagnachmittag meldete das Bürgerrechtsportal OWD-Info, dass Ovsyannikova wegen dieses Videos zu einer Geldstrafe verurteilt wurde. Sie müsse 30.000 Rubel zahlen – umgerechnet etwa 226 Euro. Sie wurde offenbar nicht nach dem kürzlich erlassenen Gesetz verurteilt. Ob ihr wegen des Plakat-Protests weitere Strafen drohen, blieb zunächst unklar.

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