• Schülerinnen einer Schule im afghanischen Haska Mina Distrikt.
  • Foto: picture alliance/dpa/XinHua

Taliban-Vormarsch: So drastisch werden Frauenrechte eingeschränkt

Die US- und NATO-Truppen verlassen Afghanistan, während die Organisation „Afghanischer Frauenverein“ sich weiter für Frieden und Wiederaufbau einsetzt: Die Geschäftsführerin Christina Ihle und Vorstandsvorsitzende Nadia Nashir berichten der MOPO von ihrer Arbeit und der Lage vor Ort.

Was genau machen Sie in Afghanistan?

Nadia Nashir: Wir arbeiten seit 1992 in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Wasserversorgung und Handwerk – darunter fallen Schulen, Kliniken und Nothilfe.

Christina Ihle: Wir haben Studienstipendien und Ausbildungsprojekte speziell für Mädchen und Frauen. In einem Flüchtlingscamp in der Nähe von Kabul bekommen sie derzeit eine Schneiderausbildung und lernen Lesen und Schreiben, um sich selbstständig zu machen. Sie verdienen ihr eigenes Geld – ein wichtiger Baustein für soziale Anerkennung und Unabhängigkeit.

Was ist Ihr Ziel?

Nashir: Die Maxime ist Hilfe zur Selbsthilfe. Wir haben vor allem die ländliche Entwicklungshilfe im Blick – und dort vor allem Frauen und Kinder, die vom Krieg betroffen sind.

Christina Ihle, Geschäftsführerin des Frauenvereins.

Die Taliban sind wieder auf dem Vormarsch, haben viele Gebiete zurückerobert. Welche Auswirkung hat das auf Ihre Arbeit?

Nashir: Unsere Projekte laufen weiter. Wir müssen schauen, wie sich die Sicherheitslage entwickelt. Wenn die Taliban das Sagen haben, wird die Gesellschaft noch strikter, es gibt Geschlechtertrennung, es wird eine Kleiderordnung geben und vermutlich vermehrt religiöse Fächer.

Afghanische Hilfskräfte fürchten seit dem Truppenabzug der Bundeswehr um ihr Leben. Werden Sie auch von der Taliban bedroht?

Nashir: Ja, ihr Leben ist bedroht. Die Ortskräfte haben direkt mit der Bundeswehr gearbeitet. Sie werden daher von den Taliban als Handlanger der Regierung gesehen. Wir gehören zu keiner der Parteien und sind bisher keine Zielscheibe der Taliban.

Ihle: Das höchste Gut unserer Organisation ist Neutralität. Wir müssen extrem gucken, dass wir nicht mit Militär oder der Regierung in Verbindung gebracht werden. Vor Ort müssen wir in Verhandlung treten, egal wer in den Provinzen das Sagen hat.

Kann man mit den Taliban verhandeln?

Ihle: Das ist zumindest unser Vorgehen als neutrale Akteure. In Kundus haben die Taliban seit einigen Jahren eine Parallelregierung und auch da sind wir regelmäßig im Gespräch. Sie haben alle Schulleiter in der Region zu sich gerufen – sie haben dort aber auch zugesichert, dass die Mädchen weiter zur Schule gehen können.

Das wundert mich. Bislang traten die Taliban als bildungsfeindlich auf, insbesondere wenn es um Frauen geht.

Nashir: Die Taliban haben ihre Strategie geändert. Ich denke, sie müssen mehr Kompromisse schließen als früher. Das Land hat sich verändert. Es gibt viele junge Menschen, die sich weitergebildet haben, es gibt Internet – und eine neue Elite. Die Taliban haben zum Beispiel eigene Schulen, die aktuell auch von Mädchen besucht werden. Es gibt allerdings Erlässe, die das nach ihren eigenen Vorstellungen regeln. Und dennoch haben die Taliban sehr strikte, konservative Vorstellungen, was Frauenbildung angeht.

Nadia Nashir, Vorstandsvorsitzende vom Frauenverein.

Hat Afghanistan eine Chance auf Frieden?

Nashir: In Afghanistan herrscht ein Stellvertreterkrieg. Diverse Nachbarländer rüsten ihre Verbündeten im Land mit Waffen aus. Die Taliban werden massiv von Pakistan unterstützt. Afghanistan ist geostrategisch und politisch sehr wichtig in der Region, daher ist das politische und wirtschaftliche Interesse an dem Land groß.

Was braucht es für eine Veränderung?

Nashir: Wenn wir mit unseren Projektmitarbeitern und den Menschen vor Ort reden, fragen sie, ob Deutschland zwischen den Akteuren nicht vermitteln kann, damit endlich Frieden einkehrt. Wir schaffen das nicht alleine, und Deutschland und Afghanistan verbindet eine lange Freundschaft. Ganz wichtig ist jedoch auch, dass keine Waffen mehr geliefert werden.

Eine diplomatische Einmischung Deutschlands ist gewünscht?

Nashir: Ja, im Sinne einer Teilnahme an den Friedensgesprächen oder finanzieller und humanitärer Hilfe. Es gibt viele deutsche Politiker, die eine gute Beziehung zu den Afghanen haben. Und die Deutschen sind in Afghanistan beliebt.

Ist das so?

Nashir: Ja, sehr sogar. Die Deutschen sind respektvoll mit der Bevölkerung umgegangen. Sie haben nicht einfach die Türen eingetreten, sondern die Kultur und Mentalität respektiert. Das war nicht bei allen Nationen der Fall.

Wie blicken die Afghanen auf den Truppenabzug?

Nashir: Die Leute, mit denen ich gesprochen habe, waren enttäuscht, ich persönlich auch. Vor allem, weil es so abrupt ging, ohne richtige Übergabe. Es entstand ein Macht-Vakuum. Der Grundstein dieses Einsatzes hätte anders konzipiert sein müssen. Krieg ist nie eine Lösung. Es ist vieles falschgelaufen bei dem Einsatz.

Ihle: Man hat verpasst, die Zivilgesellschaft mit aufzubauen und sich nur auf das Militärische konzentriert. Dadurch fehlt jetzt das Gleichgewicht und die Möglichkeit, dass eine gestärkte Zivilgesellschaft das Land in den Frieden führt. Die Bevölkerung fühlt sich im Stich gelassen – vor allem die Frauen.

Was wäre für Sie das schlimmste Szenario, das nun eintreffen könnte?

Nashir/Ihle: Das schlimmste Szenario wäre der Bürgerkrieg.

Und Ihre größte Hoffnung?

Nashir: Dass man das Land nicht vergisst und der Friedensdialog weitergeführt wird.

Ihle: Und die Unterstützung für die Bevölkerung zwischen den Fronten weitergeht. Damit eine Chance auf Wiederaufbau besteht.

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