• Das Rentner-Ehepaar Bärbel (72) und Bernd (67) Köhnke aus Barmbek-Süd.
  • Foto: Volker Schimkus

Zu welcher Gruppe gehören Sie? Diese „Arten“ von Wählern gibt es

Die Bundestagswahl steht vor der Tür und mittlerweile dämmert auch den alten Parteien, dass ein „weiter so“ bei vielen nicht mehr zieht. Die Zeit der Stammwähler scheint vorbei – die Menschen wählen nach neuen Kriterien. Eine MOPO-Umfrage zeigt, welche Faktoren für die Hamburger zählen. Ein Experte erklärt, in welche Gruppen man die Wähler einteilen kann.  

„Als junger Mensch sehe ich, dass sich etwas tun muss. Deshalb schaue ich mir die Parteiprogramme ganz genau an“, sagt Felix Vornfeld, 30 Jahre, Business Development Manager aus Eilbek. Er könne die Menschen nicht verstehen, die eine bestimmte Partei nur aus Tradition oder Prinzip wählen. „Die Inhalte sind das, was zählt“, betont der junge Mann.

„Ich gehe nach Programm“: Der Typ Wechselwähler

Wir treffen viele Menschen mit dieser Einstellung an diesem windigen Vormittag in Barmbek und in der Innenstadt. Sie sind das, was Politikwissenschaftler und Wahlforscher Kamil Marcinkiewicz von der Uni Hamburg Wechselwähler nennt: Also Wähler, die sich nicht auf eine Partei festlegen, sondern nach Inhalten gehen.

Marcinkiewicz erläutert das Wahlverhalten anhand einer sozialpsychologischen Theorie, die die Experten „Michigan-Modell“ nennen. Drei Faktoren spielen in diesem Modell eine Rolle: Die Bewertung der Kandidaten, die Bewertung von Sachfragen und die Parteiidentifikation. Letztere wird von Wechselwählern wie Felix Vornfeld aus Eilbek vernachlässigt. Diese Menschen gehen bei ihrer Wahl nach Sachfragen.

Der 75-jährige Helmut Schott von der Uhlenhorst fährt gerne Fahrrad.
Der 75-jährige Helmut Schott von der Uhlenhorst fährt gerne Fahrrad.

Eins haben die meisten von ihnen gemeinsam: Sie sind jung. „Sie können sich nicht mehr mit bestimmten Parteien identifizieren. Früher war das anders: Da hat man als Arbeiter die SPD gewählt, als Katholik die CDU. Doch es gab einen gesellschaftlichen Wandel“, erläutert Marcinkiewicz.

So ziehen immer mehr junge Menschen in die Städte, und die Zahl der konservativen CDU-Hochburgen auf dem Land nimmt ab. Aufgrund des Strukturwandels gibt es auch immer weniger Industriearbeiter, die aus Prinzip die SPD wählen. Menschen wie Business Development Manager Felix Vornfeld haben heute andere Sorgen als die Arbeiter in Fabriken und an Fließbändern vor vielen Jahrzehnten.

So beeinflussen die Kandidaten Wählerentscheidungen

Doch Wahlforscher Marcinkiewicz erläutert noch einen anderen Trend, der sich auf Hamburgs Straßen bestätigt: Dadurch, dass die Parteien ihre Spitzenpolitiker immer mehr in den Fokus rücken, beeinflussen diese die Wahlentscheidungen erheblich. Allerdings nicht so, wie die Parteien sich das wünschen. Besonders deutlich wird das an der Hamburgerin, die auf unsere Frage nur im Vorbeigehen mit sorgenvollem Gesicht antwortet: „Ich wähle gar nicht. Dieses Jahr sehe ich einfach keinen geeigneten Kandidaten“.

Felix Vornfeld aus Eilbek ist von Beruf Business Development Manager.
Felix Vornfeld aus Eilbek ist von Beruf Business Development Manager.

Andere fürchten, dass sich die drei in Frage kommenden Kanzlerkandidaten Scholz, Baerbock und Laschet nicht auf „internationalem Parkett“ behaupten können. „Wir haben einfach keine Persönlichkeiten mehr“, erklärt der 75-jährige Helmut Schott aus Uhlenhorst. Er wisse noch nicht, welche Partei er wählen solle, weil ihn die Spitzenkandidaten nicht überzeugen.

„Die habe ich immer genommen“: Der klassische Stammwähler

Doch auch dem klassischen Stammwähler begegnen wir bei unserem Streifzug durch Hamburg. Der Prototyp: Höheres Alter, meist Rentner und „soweit eigentlich ganz zufrieden“. Bärbel und Bernd Köhnke zum Beispiel, 72 und 67 Jahre alt, aus Barmbek Süd. Sie machen es sich gerade mit Kaffee und Zeitung vor einer Bäckerei gemütlich, als wir sie fragen, nach welchen Kriterien sie wählen gehen.

Das Rentner-Ehepaar Bärbel (72) und Bernd (67) Köhnke aus Barmbek-Süd.
Das Rentner-Ehepaar Bärbel (72) und Bernd (67) Köhnke aus Barmbek-Süd.

Da antwortet Bernd Köhnke wie aus der Pistole geschossen: „Wir gehen nach Partei. Das ist gehopst wie gesprungen“. Es sei zwar „schade, dass die Merkel geht“, so Bärbel Köhnke. Aber es sei auch mal Zeit für „junges Blut“. Eins steht aber auch für die Rentner außer Frage: „Wählen gehen wir. Sonst gehen die Stimmen an die Falschen“.

Hamburger Experte bewertet Wahl-Trend positiv

Die Gruppe der Stammwähler, zu der Bärbel und Bernd Köhnke gehören, wird immer kleiner. Nur zehn der 50 Menschen, die wir auf Hamburgs Straßen befragen, wählen aufgrund einer Parteiidentifikation, wie Wahlforscher und Politikwissenschaftler Kamil Marcinkiewicz es nennt. Bei 14 spielen Sympathie und Aussehen der Kandidaten eine Rolle.

Die überwältigende Mehrheit von 26 Hamburgern geht aber nach dem Parteiprogramm, wie der junge Veganer Felix Vornfeld es tut. Marcinkiewicz hält das für eine gute Entwicklung: „Es ist wichtig, dass die Menschen sich mit Inhalten beschäftigen. Politische Bildung ist essenziell. Dieser Trend sei aber auch eine Aufforderung an die großen Parteien: Mit „weiter so“ können sie viele Menschen einfach nicht mehr beeindrucken.

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