Towers-Krimi im Inselpark: Hamburgs Basketballer dürfen endlich wieder jubeln
Mit einer Dreier-Show von Ross Williams und einer phasenweise enorm starken Defensivleistung haben die Veolia Towers Hamburg eine lange Durststrecke beendet und neue Hoffnungen auf den Klassenerhalt geweckt. Das 84:82 (22:22, 20:7, 18:30, 24:23) gegen Ulm war der erste Sieg in der heimischen Inselpark-Arena seit mehr als neun Monaten.
Es war dann ganz viel Liebe. „Das erste Bild, das mir in den Kopf gekommen ist, war ein großes rotes Herz“, verriet Williams nach dem Sieg und erklärte: „Ich liebe einfach alle von den Jungs.“ Gefühle, die sich nach langen Phasen der Enttäuschung Bahn brechen wollten. Die Towers hatten mal wieder gewonnen. Und das auch noch in ihrem Wilhelmsburger Wohnzimmer. „Am Ende hatten wir das Glück, dass du auch brauchst“, freute sich Trainer Benka Barloschky.
„Bei mir gehen die Emotionen gerade sehr hoch“, sagte Kenneth Ogbe nur Minuten nach der von lautstarkem Jubel begleiteten Schlusssirene; „Wir haben den Glauben, auch wenn die Saison bis jetzt schwierig war.“ Hinter Ogbe und Co. lag eine Achterbahnfahrt, ein Wechselbad der Gefühle, vielleicht sogar die bisherige Saison kristallisiert in einem 40-Minuten-Spiel.
Williams trifft anfangs, wie er will
Der Kontrast war von Anfang an da: Während die Ulmer vor dem Spiel an den Seitenlinien Lockerungsübungen absolvierten, sammelten sich die Türme rund um den Korb und übten ihre Zielsicherheit. Besonders für Williams zahlte sich das aus: In der ersten Hälfte versenkte der 25-Jährige vier von fünf Distanzwürfen, teilweise aus sehr großer Entfernung und einmal quasi mit dem Ertönen der 24-Sekunden-Shotclock. Spektakuläre und immens wichtige Punkte.
Schon der Auftakt hatte es in sich: Zacharie Perrin und Niklas Wimberg sicherten sich gemeinsam den ersten Ball, Wimberg beförderte ihn zur 2:0-Führung in den Gästekorb. Williams erster Dreier sorgte für einen 11:5-Vorsprung der Wilhelmsburger gegen den deutschen Vizemeister. Auch die anschließende 0:7-Phase warf die Türme nicht aus der Bahn: Ogbe verwandelte Freiwürfe, Devon Daniels schnappte dem Experten Williams den Meilenstein des 100. Saison-Dreiers weg – 22:22 nach den ersten zehn Minuten.
Ulm bleibt neun Minuten ohne Punkte
Anfangs blieb es auch im zweiten Viertel eng, Malik Osborne verkürzte für Ulm auf 31:29 – doch dann zeigten die Towers eine Defensivleistung, die sie sich vielleicht selbst gar nicht zugetraut hätten. Sage und schreibe neun Minuten und 28 Sekunden, bis ins dritte Viertel hinein, ließen sie keinen einzigen Punkt der Gäste zu. 3067 Zuschauer:innen kamen aus dem Staunen, Klatschen und Trommeln kaum noch heraus. Offensiv gelang bei weitem nicht alles, doch mit einem 15-Punkte-Lauf sicherten sich die Hamburger eine komfortable Führung: Osaro Rich legte den Ball zum 46:29 in den Korb.
Für Rich war es erst das dritte Bundesliga-Spiel, erst brach der 27-Jährige sich den rechten Arm, dann den Mittelfinger der linken Hand. Bei seinen Einsätzen gegen Weißenfels (13) und in Vechta (12) hatte Rich jeweils zweistellig gepunktet, doch die Towers wie so oft verloren. Umso süßer sollte der Sieg bei seinem „dritten Saisonstart“ schmecken. „Wir brauchen viel Konsequenz und Disziplin, um unseren ersten Sieg des Jahres einzufahren“, hatte er vor dem Spiel erklärt.
Towers gehen mit einem Punkt Vorsprung ins letzte Viertel
Und da behielt er Recht, denn die Gäste wollten sich so einfach nicht geschlagen geben. Als Ulm auf 49:42 herankam, nahm Barloschky eine Auszeit, um sein Team wieder zu fokussieren. Kurzzeitig mit Erfolg: Ein Daniels-Dreier zum 56:47 brachte die Halle erneut zum Kochen. Doch die nun aggressivere Deckung der Ulmer bereitete den Towers sichtlich Probleme, zumal die eigene Defensive die Kreise der Gäste kaum noch einzuschränken vermochte: Vor dem Schlussabschnitt war der einstige 17-Punkte-Vorsprung auf einen winzigen Zähler geschmolzen. Den Towers entglitt das Spiel.
Rückkehrer Rich schaffte mit seinem Korb noch einmal eine 62:61-Führung, doch es blieb für längere Zeit die letzte. Barloschky griff wieder zur Auszeit, aber Ulm zog bis auf 64:71 davon. Doch auch dies war noch nicht das letzte Kapitel eines verrückten Spiels. Die Gäste wurden leichtsinnig, die Towers nahmen das Herz noch mal in die Hand – und Kenneth Ogbe brachte die Halle mit seinem Dreier zum 74:73 ein weiteres Mal zum Beben.
Ogbe und Williams behalten die Nerven
Ogbe war es auch, der mit verwandelten Freiwürfen zum 81:80 die wichtigste Minute der bisherigen Saison einläutete. Die Towers führten wieder, es waren noch 43 Sekunden auf der Uhr. 34 Sekunden vor Schluss zogen die Ulmer mit Freiwürfen nach, lagen wieder mit einem Punkt vorn und veranlassten Barloschky zu einer weiteren Auszeit. Wer würde die Verantwortung übernehmen?

Natürlich Williams! Mit seinem fünften erfolgreichen Dreier brachte er seine Farben 84:82 nach vorn. Noch 21,6 Sekunden. Die Wilhelmsburger verzichteten auf Fouls, ließen die Ulmer ausspielen – und die wollten den Sieg ohne Verlängerung. Fünf Sekunden vor der Sirene schraubte sich Alec Anigbata zum Dreier hoch, doch sein Wurf verfehlte das Ziel. Martin Breunig schnappte sich den Rebound, es war sein siebter und der 41. der Türme im gesamten Spiel.
Erster Sieg in Wilhelmsburg seit April
Vor allem aber war es der Sieg nach einem unglaublichen Krimi. Endlich der erste Erfolg in der heimischen Inselpark-Arena seit dem 5. April 2025, als ein 88:81 gegen Heidelberg gelungen war – gegen jenes Heidelberg, das die Towers durch ihren aktuellen Sieg auf den letzten Platz der Bundesliga verdrängten. Der erste Sieg überhaupt gegen Ulm war es im zwölften Anlauf übrigens auch. Mit einem von Kapitän Benedikt Turudic angestimmten „Humba Humba Täterä“ feierten Spieler und Fans nach dem Abpfiff zusammen weiter. „Wir haben ein neues Towers-Team gesehen“, sagte Matchwinner Williams: „Wir sind rausgekommen und haben sie als erstes ins Gesicht geschlagen.“

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Mit 23 Punkten war Williams mit deutlichem Abstand bester Hamburger Punktesammler, aber um individuelle Meriten ging es bei diesem kollektiven Befreiungsschlag am wenigsten. Perrin (13), Ogbe (11) und Daniels (10) punkteten ebenfalls zweistellig – und Rich wird es verschmerzen können, dass er am Ende – wie Breunig – „nur“ bei acht Zählern landete.
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Im Parallelspiel gewann Aufsteiger Jena mit 83:78 in Braunschweig, was für die Hamburger eine gute Nachricht war. Mit 4:12 Siegen liegen die Braunschweiger nur noch knapp vor den Towers (3:10) auf dem letzten rettenden Platz – und Barloschkys Team hat noch drei Spiele nachzuholen. „Jetzt sollen die Spieler kurz durchatmen und genießen“, gab der Coach als Parole aus: „Wir haben sehr viel Druck, und wir nehmen ihn auch an.“ Erst einmal geht es am Mittwoch im Eurocup gegen Venedig weiter, am Samstag steht das Bundesliga-Spiel in Frankfurt auf dem Programm.
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