„Ich war wirklich am Boden“: Towers-Boss Willoughby in Sorge
Auch in Venedig blies den Veolia Towers Hamburg der Wind ins Gesicht. Mit 55:90 hatten die Wilhelmsburger am Mittwoch im Eurocup keine Chance in der Lagunenstadt. Die zwölfte Niederlage im zwölften Pflichtspiel für das Team von Trainer Benka Barloschky, das am Freitagabend beim Bundesliga-Kellerduell in Braunschweig schon mit dem Rücken zur Hallenwand steht. Geschäftsführer Marvin Willoughby hofft auf November-Neuzugang Martin Breunig und hält nach weiteren Spielern Ausschau, um den völligen Einsturz zu vermeiden.
„Natürlich guckt man auf dem Markt und spricht mit Agenten“, sagt Willoughby im Gespräch mit der MOPO. Doch das ist kein leichtes Unterfangen. Zwar sind im Basketball kurzfristige Verpflichtungen eher möglich als im Fußball mit seinen Wechselfenstern. Doch im November hält sich die Zahl der Kandidaten in engen Grenzen – zumal die Türme nicht gerade Eigenwerbung betreiben.
Eine frische Kraft haben sich die Towers bereits gesichert: In Venedig gab Martin Breunig sein Debüt, stand 18 Minuten auf dem Parkett und sammelte sieben Punkte sowie drei Rebounds. Bis Ende Oktober war er noch für Nancy in Frankreich am Ball. Der 33-jährige „Big Man“ soll zur Stabilisierung der wackligen Defensive beitragen, die den Gegnern regelmäßig 90 Punkte und mehr ermöglicht.
Towers-Zugang Breunig soll stabilisieren
„Ich soll viel Physis mitbringen und Blöcke stellen, einfach komplett Gas geben und Leadership zeigen“, sagt der 2,03-Meter-Hüne. Keine einfache Aufgabe in einem massiv verunsicherten Team, das im April sein letztes Spiel gewonnen hat. Da war Olaf Scholz noch Bundeskanzler, und die Neuzugänge noch gar nicht an Bord.
Voriges Wochenende waren die Türme an einem Tiefpunkt angelangt. Gegen Bamberg wurde zu Hause 71:101 verloren. Minus 30, das wäre selbst gegen Branchenriese Bayern München eine herbe Schlappe. Gegen den Vorjahres-15. aus Franken war es ein Offenbarungseid.
Nach Bamberg-Klatsch war Willoughby „am Boden“
„Am Samstag war ich wirklich am Boden“, gibt Willoughby Einblick in seinen Gefühlszustand. Der Towers-Gründer hinterfragt sich und wie er sein Projekt „in eine schwierige Situation gelenkt“ hat. Die Neuverpflichtungen im Sommer blieben zum Teil deutlich hinter den Erwartungen zurück. Mit Eric Reed wurde ein neuer Turm bereits freigestellt, um Platz für Ersatz zu schaffen.
„Er ist selbst am Boden zerstört, dass er nicht seine Leistung bringt“, sagt Willoughby über den 25-jährigen Guard aus Louisiana: „Wir haben das Vertrauen verloren, dass sich das schnell genug ändert.“ Geduld ist Mangelware bei einem Tabellenletzten. Willoughby hält sich daran fest, dass trotz der Pleitenserie gegen Bamberg mehr als 3000 Menschen in die Inselpark-Arena kamen – und dies nicht, um Missfallen zu bekunden.
„Die Fans haben uns bis zur letzten Minute unterstützt, es war eine tolle Atmosphäre“, ist der 47-Jährige beeindruckt: „Das ist wirklich bemerkenswert.“ Und vielleicht ein Mittel, um dem „Wirbelwind, der dich nach unten zieht“, zu begegnen.
Thorpe-Einsatz gegen Braunschweig noch offen
Fans können aufmuntern, aber Fans werfen keine Körbe. Ob LJ Thorpe, der mit Oberschenkelproblemen nicht nach Venedig reiste, das in Braunschweig erledigen kann, entscheidet sich kurzfristig. „Wir müssen in einen Rhythmus kommen, in dem wir Spaß haben zu spielen“, will Breunig die „Team Chemistry“ ankurbeln. Ein einfaches Rezept, nur leider gar nicht so einfach einzulösen.
Der Routinier kennt die Bundesliga aus seinen Stationen in Ludwigsburg, Bonn, Oldenburg und Weißenfels – und zeigt sich „überrascht, wie positiv und hart arbeitend“ sein neues Team trainiert: „Ich war schon bei Vereinen, die in der Bundesliga mit fünf Niederlagen gestartet sind, wo danach keiner mehr Lust aufs Training hatte. In Hamburg musste ich nach der ersten Einheit richtig durchschnaufen.“
Gegner-Trainer spottet über Towers
Breunig kennt Willoughby schon aus seiner Jugendzeit, als Trainer der deutschen U16-Auswahl – und er schätzt den variablen Spielstil von Towers-Coach Barloschky, auch wenn davon auf dem Parkett derzeit zu wenig zu sehen ist. Manchmal sogar zum Leidwesen der Gegner. „Wir haben das Spiel als Training betrachtet, aber leider war Hamburg nicht auf unserem Niveau“, stellte Venedigs Coach Neven Spahija nach dem Kantersieg gegen die Türme nüchtern fest.
Im Rückspiel sei dies gewiss anders, formulierte der Kroate höflich. Aber erstens ist das alles andere als sicher – und zweitens kommt Venedig erst am 21. Januar nach Hamburg. Die Towers müssen sehr viel schneller konkurrenzfähig werden.
Breunig hat schon eine Wohnung in Harburg
Er führe viele Gespräche mit den Mitspielern, erklärt Breunig, der sich freilich erst einspielen muss: „Für mich ist das auch noch eine Lernphase.“ Derzeit sieht er vor allem Flughäfen. Von Venedig aus jetteten die Towers am Donnerstag über Frankfurt und Hannover nach Braunschweig, wo am Freitagabend das Kellerduell ansteht.
Seine Wohnung in Harburg („Man hat es mir einfach gemacht. Ich musste nur die Schlüssel abholen und habe mich gleich wohlgefühlt“) hat Breunig bisher kaum gesehen. Am Wochenende kommt die Familie des gebürtigen Leverkuseners mitsamt zwei Hunden aus Köln nach.
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Davor steht der „Charaktertest“ (Willoughby) bei den bislang auch recht zahnlosen Löwen Braunschweig an. Vielleicht kann danach ja bei den Breunigs angestoßen werden – auf den ersten Sieg der Towers nach langen, langen 201 Tagen.