WM-Fieber: Darts-Boom auch in Hamburg – ohne Alkohol, mit Problemen
In London und auf vielen deutschen Bildschirmen läuft derzeit die WM, im Hinterzimmer des St. Pauli-Klubheims derweil die Landesliga. Darts ist angesagt – auch in Hamburg.
Als Henrik Slawik und Andreas Jahn an die Scheibe treten, ist das Geschehen im Londoner „Ally Pally“ nur noch ganz klein. Die WM flimmert über ein iPad im hinteren Bereich des Klubheims. Hauptsache ist jetzt der Kampf um Landesliga-Punkte. Die zweite Mannschaft des FC St. Pauli trifft auf die Drittvertretung des SC Eilbek.
Eilbek ist Hamburgs Vorzeige-Dartsteam
St. Paulis „Darts-Piraten“ sind der größte Verein Hamburgs, Eilbek der erfolgreichste, mit dem Vorzeige-Team in der Zweiten Liga. Und Heimspielen im Cafe Kö, einem großflächigen Billard-Laden am Winterhuder Weg, der zu einem Hamburger Darts-Mekka geworden ist. „Anfangs hing da ein Board, jetzt sind es 17“, sagt Eilbeks Abteilungsleiter Frank Mengel-Garben.
Viele der 15 Vereine in und um Hamburg verzeichnen zweistellige Wachstumsquoten. „Weil große Turniere im Fernsehen präsent sind, fragen Jugendliche und Hobbyspieler nach einem Probetraining“, schildert St. Pauli-Abteilungsleiter Gunnar Wendorf. Inzwischen kämen die Anfragen nicht mehr nur zur WM-Zeit, sondern kontinuierlich, berichtet Sigi Faßbinder: „Früher haben sich eher Leute über 40 gemeldet, jetzt kommen viele unter 30.“
Niederlande stellen beim Darts die stärksten Spieler Kontinentaleuropas
Faßbinder (70) zählte 2011 zu den zehn Gründungsmitgliedern der Darts-Abteilung im Kiezklub. Inzwischen hat die Abteilung fast 200 Mitglieder. Doch der Landesliga-Kampf beginnt für St. Pauli schlecht. Jahn, der schon an acht deutschen Meisterschaften teilgenommen hat, lässt Slawik keine Chance und bringt Eilbek 1:0 in Führung.
Ganz zufrieden ist er mit seinen Würfen trotzdem nicht, aber perfekte Wurfserien sind selbst bei der WM die Ausnahme. Da gilt es, Nerven und Konzentration zu bewahren – und nicht zusammenzuklappen wie Cameron Menzies, der in London in Tränen ausbricht und ausscheidet. Ricardo Pietreczko macht es besser. Der Hannoveraner hat in diesem Jahr den Millerntor-Cup gewonnen – und auch beim WM-Auftakt wenig Probleme. „Pikachu“, einer von sechs Deutschen im Starterfeld, gewinnt glatt und muss nun am Montagabend (20 Uhr/live bei Sport1 und DAZN) gegen den Niederländer Gian van Veen ran.
Die Niederlande stellen die stärksten Spieler Kontinentaleuropas, was auch daran liegt, dass der Pfeilspitzensport dort in den Schulunterricht integriert ist. „Darts ist eine tolle Sache für Kinder und Jugendliche, um spielerisch Mathematik zu lernen“, wirbt Faßbinder für seinen Sport. Denn um mit den Pfeilen möglichst effektiv „auszumachen“, also von 501 auf Null zu kommen, braucht es Wurfgeschick und Rechenkünste.
Neben der iPad-Verbindung nach London stehen zwei Flaschen Astra, doch vom alten Image des Pfeilewerfens als hochprozentige und nikotingeschwängerte Tätigkeit ist nicht viel geblieben. „Jugendschutz ist ein großes Thema“, sagt St. Pauli-Chef Wendorf. Für den Darts-Nachwuchs gibt es eine eigene Liga am Wochenende.
Darts in Hamburg Saufsport: „Das Bild wandelt sich“
„Das Bild wandelt sich“, sagt Hamburgs Verbandspräsident René Otsman, der 2018 unter dem Motto „Vom Kneipensport zum Breitensport“ angetreten ist. Jeden Oktober richtet der Verband die Waterkant Trophy aus, das größte deutsche Ranglistenturnier mit rund 800 Teilnehmern – und auch im Betriebssport ist der LDVH engagiert. Ein Kontrast zum „Ally Pally“, wo das wilde Publikum vom Alkohol-Bann ausdrücklich ausgenommen ist. „Halligalli hoch drei wie bei der WM gibt es bei uns nicht“, betont Otsman: „Wenn Sie das bei einem Ligaspiel machen, fliegen Sie raus. Wir sind keine Profis, wir brauchen die Konzentration.“
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Davon hat Eilbek mehr. Fünf Spiele vor Schluss führen die Gäste mit 7:0 und haben den Sieg bereits sicher. St. Pauli verkürzt noch auf 4:8 – und kann es am 14. Januar besser machen. Dann treten die braun-weißen Piraten beim größten Stadtrivalen an. Die HSV-Darter übernahmen kürzlich eine umgebaute Kegelbahn in Farmsen, um der wachsenden Nachfrage Herr zu werden. „Wir müssen weiter aufstocken“, sagt auch Wendorf angesichts der sechs St. Pauli-Teams. Doch geeignete Spielstätten zu finden, ist in Hamburg nicht so einfach. Weil nicht nur Darts, sondern auch die Mieten boomen.