„Unsere Lebensversicherung“: Was Deutschland vor der Handball-EM so stark macht
Die Reiseroute hat Symbolcharakter: Es geht aufwärts, nach Norden. Mit zwei Siegen und jeder Menge Selbstvertrauen im Gepäck treten Deutschlands Handballer am Dienstagmorgen ihren Trip nach Dänemark an, wo am Donnerstagabend in Herning das Auftaktspiel der EM gegen Österreich steigt. Die Stimmung ist gut, die Vorfreude groß, die Erwartungen sind hoch. Das Halbfinale und der Kampf um die Medaillen sind das erklärte Ziel. Die Voraussetzungen sind trotz der größtmöglichen Hürden auf dem Weg dorthin so gut wie lange nicht mehr. Aus einem ganz bestimmten Grund.
Es wird viel gelacht im Teamquartier in Hannover zum Wochenstart. Kein Wunder. Zwei Siege gegen den Vize-Weltmeister Kroatien (33:27 und 32:29) in den abschließenden Testspielen, keine nennenswerten Verletzungen oder gar Ausfälle und eine gute Form. Das hebt die Laune.
DHB-Team wächst vor Handball-EM „immer mehr zusammen“
„Wir haben Friede, Freude, Eierkuchen“, bringt Teammanager Benjamin Chatton die Stimmung innerhalb der DHB-Auswahl gewohnt locker-flockig auf den Punkt. „Die Mannschaft wächst immer mehr zusammen. Wir haben eine gute Gruppe.“
Eine starke Gruppe vor allem, nicht nur charakterlich, sondern sportlich. Es geht um Qualität in der Quantität. „Was die Mannschaft diesmal auszeichnet, ist die Breite“, beschreibt Bundestrainer Alfred Gislason die Qualität. „Das hatten wir bei den vergangenen Turnieren in dieser Form, vor allem in der Abwehr, nicht. Wir können wechseln, Spielern Pausen geben. Das ist extrem wertvoll.“
Viele Jahre war das DHB-Team im defensiven Mittelblock laut Gislason „sehr abhängig“ von Johannes Golla und Julian Köster, die enorm viel Spielzeit in Abwehr und auch Angriff hatten und die mit fortschreitender Turnierdauer nicht mehr ihre hundert Prozent auf die Platte hatten bringen können, was zu wichtige Prozentpunkte in den entscheidenden Spielen gekostet hatte. Ausnahme: der Silber-Coup bei Olympia 2024.
Golla sieht bei Nationalmannschaft „eine Luxussituation“
Kapitän Golla, der beim sehr überzeugenden 33:27-Sieg gegen die Kroaten am Sonntag in Hannover zunächst auf der Bank gesessen und zugeschaut hatte, ist „sehr glücklich über die Situation, eine Luxussituation“. Mit Kreisläufer-Kollege Justus Fischer, Abwehrkante und EM-Debütant Tom Kiesler sowie Matthes Langhoff, der ebenfalls sein erstes großes Turnier bestreiten wird, stehen starke Alternativen zum Weltklasse-Innenblock Golla/Köster bereit.
„Das ist das, was wir brauchen“, betont Golla. „So können Spieler immer wieder Pausen bekommen und wir sind in der Lage, auch zum Ende des Turniers die nötige Frische über 60 Minuten auf die Platte zu bringen.“
Auf die Handballer warten bei der EM äußerst schwere Aufgaben
Das wird nötig sein angesichts der bevorstehenden Spiele uns insbesondere der zu erwartenden Konkurrenz in der Hauptrunde. In der schweren Vorrunden-Gruppe A trifft die deutsche Mannschaft nach dem Auftakt gegen Österreich (15. Januar) auf Serbien (17. Januar) und Spanien (19. Januar). In der nächsten Runde geht es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gegen die großen Gold-Favoriten Dänemark und Frankreich sowie mutmaßlich gegen den WM-Vierten Portugal und Norwegen. Nur die beiden Erstplatzierten dieser Hauptrundengruppe, die ebenfalls in Herning ausgespielt wird, ziehen ins Halbfinale ein.
„Die Bank kann vielleicht unsere Lebensversicherung werden“, sagt Chatton zum Breite-Bonus. „Das kann ein Vorteil sein im Turnierverlauf gegenüber anderen Mannschaften.“ Wobei auch Dänemark und Frankreich einen Kader voller Weltklassespieler haben.
Die Abwehr und das formstarke Keeper-Duo Andreas Wolff (18 Paraden im zweiten Spiel gegen Kroatien) und David Späth (14 Paraden beim ersten Vergleich) bilden das Fundament, auf dem das deutsche Spiel aufbaut. Das soll ein schnelles Gegenstoßspiel ermöglichen. Doch auch im Positionsangriff hat die Mannschaft Fortschritte gemacht, ist stabiler geworden und nicht mehr so sehr von der Tagesform weniger Einzelkönner wie den Rückraum-Stars Köster oder Juri Knorr abhängig wie in der Vergangenheit.
Juri Knorr ist vor der Handball-EM „optimistisch“
„Jeder, der reinkommt, macht seinen Job“, sagt Knorr, der seit dieser Saison für den dänischen Spitzenklub Aalborg aufläuft. „Wir sind sehr gut, wenn wir so spielen. Das stimmt mich optimistisch. Wir haben einfach eine gute Mannschaft.“
Die Mischung stimmt. Mit Wolff, Rune Dahmke und Jannik Kohlbacher sind noch drei Spieler der Europameistermannschaft von 2016 dabei, den großen Block der U21-Weltmeister von 2023 bilden Renars Uscins, Fischer, Langhoff, Späth, Nils Lichtlein und Mathis Häseler. Letztgenannter sowie auch Langhoff, Kiesler und Miro Schluroff sind erstmals bei einer EM dabei.
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„Ich bin sehr beeindruckt von den Spielern, die in ihr erstes großes Turnier gehen“, sagt Gislason. „Es ist, als wären sie schon Jahre dabei.“ Wenn die Debütanten dann auch nur annähernd so stabil und abgeklärt spielen, kann es eine richtig gute EM der deutschen Mannschaft werden.
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