Tatjana Maria vor Wimbledon im Exklusiv-Interview: „Kann jede Gegnerin schlagen“

Tatjana Maria bei einem Tennis-Match
Tatjana Maria verkörpert mit ihrem Spiel auf Rasen das perfekte Gegenbild zum Power-Tennis fast aller anderen Profis.

Sie hat Tennis-Geschichte geschrieben. Tatjana Maria gewann am 15. Juni als Qualifikantin das Rasen-Turnier im Londoner Queen’s Park. Seither ist die 37-Jährige die älteste Spielerin, die je bei einem 500er-Turnier auf der WTA-Tour triumphieren konnte. 13 Kilometer entfernt von diesem Erfolg wird die Mutter von Charlotte (11) und Cecilia (4) ab Montag in Wimbledon aufschlagen. Im Interview mit der MOPO spricht die Frau, die aus Bad Saulgau in Oberschwaben kommt, über Ziele, Träume und auch ihre bald anstehende Premiere am Rothenbaum.

MOPO: Wie fühlt man sich als Queen of Queen’s?

Tatjana Maria: Unglaublich. Das war so besonders. Ich habe in der Quali angefangen und natürlich nur von Runde zu Runde gedacht. Das war der Fokus. Ich habe mir gedacht: „Ich liebe Rasen, ich liebe Rasen.“ Deswegen wollte ich so viele Matches wie möglich auf Rasen spielen. Und dann bin ich da irgendwie so durchmarschiert.

Auf dem Weg ins Finale haben Sie gegen vier Gegnerinnen gewonnen, die schon in einem Grand-Slam-Endspiel gestanden haben. Die frühere Wimbledon-Siegerin Elena Rybakina und die aktuelle Australian-Open-Siegerin Madison Keys haben keinen Satz gegen Sie gewonnen. Dabei hatten sie vorher neun Matches in Folge verloren. Wie war dieses Wunder möglich?

Ich wusste, wenn es auf Rasen geht, dann fängt diese Saison bei null an. Auf Rasen kann ich auch gegen die sehr guten Spielerinnen mithalten und gewinnen. Deswegen war da kein Gedanke daran, was in den zwei Monaten davor passiert ist. Das Selbstvertrauen, dass ich Matches gewinnen kann, wenn ich mein Spiel durchziehe, war da.

Tennis: Tatjana Maria geht selbstbewusst nach Wimbledon

Wie haben Sie sich für den Erfolg belohnt?

Wir sind die ganze Woche immer in das gleiche Restaurant in London gegangen. Da haben wir dann nach dem Finale auch ein bisschen gefeiert.

Am Montag beginnt Wimbledon, das legendärste Tennis-Turnier der Welt. Welche Bedeutung hat das Turnier für Sie?

Es ist mein absolutes Lieblingsturnier. Diese Atmosphäre ist so besonders. Wenn ich hier auf der Anlage bin, fühle ich mich sofort wohl. Das ganze Drumherum hat so etwas Beruhigendes – ganz anders als bei den anderen Grand-Slam-Turnieren. Außerdem haben wir ein Haus direkt nebendran, in dem wir als Familie wohnen, das macht alles noch mal einfacher.

2022 standen Sie in Wimbledon im Halbfinale. Jetzt kommen Sie als Siegerin von Queen’s. Was ist möglich in diesem Jahr?

Erst einmal will ich jede Sekunde hier genießen. Ich tue jetzt alles dafür, um körperlich und mental so frisch wie möglich ins Turnier zu gehen. Und da ich weiß, dass ich auch gegen die guten Spielerinnen gewinnen kann, hoffe ich einfach mal, dass es weit geht.

Im Queen’s Park schien es so, als können Sie aktuell jede Gegnerin auf Rasen schlagen. Würden Sie dem widersprechen?

(lacht) Nein. Das stimmt schon. Der Rasen und ich, das passt perfekt zusammen. Auf Rasen kann ich jede Gegnerin schlagen. Viele kennen meine Spielart nicht so gut oder wissen nicht, wie sie gegen mich spielen müssen. Das ist ein Vorteil für mich.

Tennis-Profi Maria träumt vom Doppel mit ihrer Tochter

Wie würden Sie einem Außenstehenden Ihr unkonventionelles Spiel beschreiben?

In einem Wort? Variabel. Wobei Steffi Graf auch schon Rückhand Slice gespielt hat, aber heute ist das halt doch eher etwas Besonderes.

Ihre Tochter Charlotte ist ein großes Tennis-Talent. Sie haben gesagt, Sie wollen am liebsten mit ihr noch auf der Profi-Tour im Doppel zusammen an den Start gehen. Ein Traum, der nach dem Turniersieg von Queen’s realistischer geworden ist?

Auf jeden Fall. Das ist definitiv mein Ziel. Charlotte wird im Dezember zwölf Jahre alt. Wenn Sie 14 ist, darf sie auf der WTA-Tour spielen, also zweieinhalb Jahre noch.

Tatjana Maria mit ihrer Familie
Tatjana Maria reckt im Queen’s Park ihre Trophäe in die Höhe. Auf dem Arm von Ehemann Charles-Édouard staunt Tochter Cecilia. Auch Tochter Charlotte und Physio Guillaume Le Garlantezec sind happy.

Heißt: Wir werden Tatjana Maria auch mit 40 noch auf dem Platz sehen?

Ja, ich versuche das auf jeden Fall.

Wenn Sie sich heute mit 37 Jahren mit der 24-jährigen Tatjana vergleichen, wie haben Sie sich und wie hat sich Ihr Blick aufs Tennis verändert?

Es ist etwas völlig anderes. Heute habe ich meine Familie. Das steht über allem, danach kommt das Tennis, das mir weiter megaviel Spaß macht, aber es ist eben mein Beruf. Und die Familie ist so viel wichtiger. Mental hilft es enorm, Mama zu sein und die Reisen um die Welt mit meinen Kindern und meinem Mann genießen zu können.

Tatjana Maria schlägt erstmals auch am Rothenbaum auf

Direkt nach Wimbledon wird Sie die Reise nach Hamburg führen. Sie treten zum ersten Mal beim Turnier am Rothenbaum an. Kennen Sie die Stadt oder ist Hamburg noch ein weißer Fleck auf der Karte von Tatjana Maria?

Ich war schon mal in Hamburg, weil ich zwei- oder dreimal in der Tennis-Bundesliga dort gespielt habe. Aber von der Stadt habe ich damals gar nichts sehen können. Deswegen freue ich mich riesig darauf, Hamburg kennenzulernen. Gefühlt sagt ja jeder, dass es die schönste Stadt Deutschlands ist. Endlich können wir uns davon überzeugen. (lacht)

Wie kam es zu Ihrer Zusage?

Eigentlich auch aus dem Grund, wieder mal etwas Neues zu entdecken. Außerdem sind Turniere in Deutschland immer besonders schön. Es ist perfekt, dass wir da sein können, bevor es danach nach Amerika geht.

Ihr Mann Charles-Édouard ist Franzose, Sie leben in Palm Beach in Florida. Ist es denn für Ihre Familie auch etwas Besonderes, nach Deutschland zu kommen?

Das Schöne ist, dass wir uns an so vielen Orten zu Hause fühlen. Wir reisen so viel um die Welt und irgendwie haben wir an so vielen Orten Freunde oder Familie. Deutschland ist da aber schon noch mal etwas Besonderes, weil dann die Oma normalerweise auch bei den Turnieren dabei ist. Das ist für die Kids immer besonders schön.

Bei den US Open hat Tatjana Maria noch einmal Ziele

Es geht dann von Rasen wieder zurück auf Sand. Wie herausfordernd wird das?

In der Vergangenheit hat diese Umstellung bei mir meistens gut geklappt. Das Wichtigste ist dabei, dass man wieder geduldiger sein muss, weil das Spiel auf Sand viel langsamer ist, aber ich denke, dass mir das gelingen wird.

In der Weltrangliste stehen Sie auf Platz 45. Gibt es mit 37 Jahren noch besondere Ziele, die Sie sich in Bezug auf das Ranking setzen?

Das ist ein bisschen kompliziert. 2022 gab es für mein Wimbledon-Halbfinale keine Punkte (weil Spieler:innen aus Russland und Belarus wegen des Kriegs gegen die Ukraine nicht teilnehmen durften; Anm. d. Red.), sonst wäre ich damals die Nummer 20 der Welt gewesen, das habe ich innerlich für mich eher abgespeichert als die Nummer 42, die als mein bestes Ranking offiziell geführt wird. Aber die Rangliste hat für mich nicht mehr die große Bedeutung.

Aber bei den US Open im August zu den 32 gesetzten Spielerinnen zu gehören, wäre nicht so schlecht, oder?

Stimmt. Das ist doch noch mal ein super Ziel.