„Scheiß-Melsungen“ war gestern! Erster Titel nach Triumph über Kiel
Lange wurden sie belächelt. Viel Kohle, vergleichsweise wenig Erfolg, große Ziele und Ankündigungen, dürftige Resultate, vor allem aber: keine Siegermentalität und deshalb auch keine Trophäen in der Vitrine. Das war lange Zeit das gängige Vorurteil über die MT Melsungen in der Handball-Öffentlichkeit, auch in Liga-Kreisen, und es war durchaus etwas dran. Jetzt haben die Nordhessen den Bann gebrochen, den ersten Titel der Vereinsgeschichte gewonnen und dementsprechend gefeiert. Im Endspiel der EHF Finals in Hamburg besiegten die Melsunger den deutschen Rekordmeister THW Kiel mit 24:23 (13:12) und ließen es anschließend richtig krachen. In Kiel herrscht nach der titellosen Saison und der verpassten letzten Chance auf die Champions-League-Teilnahme Katzenjammer. Auch bei Nordrivale Flensburg kriselt es.
Vor zweieinhalb Jahren hatte der Abwehrchef des THW, Hendrik Pekeler, im Frust und Zorn diesen Satz gesagt, der hohe Wellen geschlagen hatte. Nach einer Klatsche seiner Kieler in der Champions League gegen Aalborg hatte er gewettert: „Wollen wir wirklich das neue Scheiß-Melsungen sein, das nach einem guten wieder ein beschissenes Spiel macht?!“ Später entschuldigte sich Pekeler für seinen Ausraster. Die Melsunger nahmen es sportlich und mit Humor, aber der Satz blieb trotzdem hängen, und zur ganzen Wahrheit gehört, dass die MT in der Folge das Vorurteil immer wieder befeuerte.
EHF Finals in Hamburg: MT Melsungen gewinnt ersten Titel
Ob irgendjemand in den Reihen der MT im Moment des größten Triumphes daran dachte? Wahrscheinlich nicht. Die Sache ist längst gegessen. Aber die unrühmliche Episode aus dem November 2023 unterstreicht noch einmal die enorme Bedeutung des historischen Erfolges für den in Kassel spielenden Klub. Ein Bann wurde gebrochen, ein Fluch besiegt, ein Narrativ ad acta gelegt – und es hatte durchaus etwas Symbolisches, dass das gegen Kiel gelang.
Pekeler und Co. mussten mit ansehen, wie die völlig euphorisierten Melsunger bei der Siegerehrung vor 12.200 Zuschauenden den Pokal emporstemmen, „We are the Champions“ aus den Boxen der Hamburger Barclays Arena dröhnte und besagte neue Champions aus voller Kehle die legendären Zeilen schmetterten. Ganz Sportsmann, hatte Pekeler nach der Abwehrschlacht den gegnerischen Spielern fair gratuliert.
Timo Kastening nach Sieg gegen THW Kiel: „Pure Erlösung“
„Ich bin sehr stolz auf meine Mannschaft“, sagte der spanische MT-Trainer Roberto Garcia Parrondo, der den Sieg den Familien seiner Spieler widmete, weil diese im Laufe einer Saison die nötige Rückendeckung geben und viele Entbehrungen hinnehmen. „Es ist sehr speziell für uns alle, diesen ersten Titel in der Vereinsgeschichte gewonnen zu haben. Alle sind jetzt Teil der Geschichte.“ Timo Kastening offenbarte: „Das war die pure Erlösung. Alle haben danach gelechzt.“ Dann scherzte er: „Den EHF Cup zu spielen, macht nur Spaß, wenn man ihn gewinnt!“ Dass der Wettbewerb gar nicht EHF Cup heißt – geschenkt.
Kiels Coach Filip Jicha war ebenfalls stolz auf sein Team, aber im Unterschied zu Parrondo und Melsungen waren die Kieler nach dem „brutalen Fight“ und dem engen Ausgang „leer und traurig“, wie der Tscheche sagte. „Wir haben wie Löwen gekämpft. Wir waren nah dran. Handball kann grausam sein. Leider geht es nicht, dass es zwei Gewinner gibt.“
Finale zwischen Melsungen und Kiel: eine Abwehrschlacht
In einer 60-minütigen Abwehrschlacht, in der sich beide Mannschaften keinen Zentimeter schenkten, hatte der als Außenseiter in die Endrunde gegangene Tabellensiebte der Bundesliga, der im Halbfinale am Vortag auf furiose Weise den favorisierten Titelverteidiger SG Flensburg-Handewitt mit 37:30 ausgeschaltet hatte, das glücklichere Ende für sich. Verdient war es dennoch. Wer auf dem Weg zum Titel nacheinander Flensburg und Kiel ausschaltet, der ist ein absolut würdiger Europapokalsieger.
Entscheidend im nicht immer hochklassigen und schönen, aber hoch spannenden und am Ende dramatischen Finale: der Melsunger Torwart Nebojsa Simic, der elf Würfe entschärfte, mehrere davon in der Schlussphase. Gegen Flensburg hatte er 15 Paraden verzeichnet und war der beste Torwart des Wochenendes. Bester MT-Torschütze im Finale: der 2,15-Meter-Riese Dainis Kristopans mit vier Treffern.
„Geweint und besoffen“: Melsungen feiert Torwart Simic
„Ich war zu 100 Prozent sicher, dass wir gewinnen, wir konnten dieses Spiel einfach nicht verlieren“, jubelte Simic, der nach der Schlusssirene in Tränen ausgebrochen war und dann seine Frau und Kinder herzte, die auf der Tribüne mitgefiebert hatten. „Ich habe mit Melsungen neun Jahre auf diesen Titel gewartet, es fühlt sich unglaublich gut an. Ich habe 2000 Emotionen in mir. Ich habe geweint, gefeiert und bin in ein paar Minuten wahrscheinlich besoffen. Diesen Tag werde ich nie vergessen. Das wird mein ganzes Leben bleiben.“
Einen schwarzen Tag erlebte dagegen sein Pendant auf Kieler Seite. Nationaltorwart Andreas Wolff hatte gar nichts zu fassen bekommen. Nach nur einer Parade in den ersten 23 Minuten der Partie hatte der Hüne für Gonzalo Pérez de Vargas Platz machen müssen, der es in der Folge auf immerhin sechs Paraden brachte. Insgesamt waren das zu wenige in einem europäischen Finale. Da reichte die großartige Kieler Abwehrleistung nicht, die titelreif war. Für die Torwartleistung und phasenweise auch die Angriffsleistung galt das nicht.
Rune Dahmke trauert Champions League hinterher
Was besonders schmerzte: Mit einem Sieg hätte der THW über die Hintertür noch die Königsklasse erreichen können. „Die Champions-League-Quali stand an diesem Wochenende über allem“, bekannte Routinier Rune Dahmke. „Das hätte uns, dem Verein und der ganzen Stadt viel bedeutet. Die Enttäuschung über die ganze Saison ist groß.“ Das Finale der European Leage, dem der Champions League untergeordneten Wettbewerb, war da nur eines von mehreren verpassten Zielen und machte das Maß voll.
Das Spiel um Platz drei und die Bronzemedaille gewann die SG Flensburg-Handewitt – ein schwacher Trost nach der sehr dürftigen und enttäuschenden Halbfinal-Leistung gegen Melsungen (30:37) am Vortag. „Ich kann mich nicht richtig drüber freuen“, bekannte Marko Grgić nach dem 32:30 (16:16)‑Sieg gegen Montpellier HB. „Es fühlt sich einfach nicht richtig an.“
Flensburg landet auf Platz drei, aber kann sich nicht freuen
Kapitän Johannes Golla freute sich einerseits über die Reaktion, die seine Mannschaft gezeigt hatte, was jedoch den Frust über den Vortag und das gesamte Wochenende nicht schmälerte. „Ich bin noch sehr enttäuscht, dass wir im Halbfinale unsere Leistung nicht auf die Platte gebracht haben“, sagte der Anführer der Flensburger und der deutschen Nationalmannschaft. „Wir haben die Riesenchance verpasst, uns über dieses Turnier für die Champions League zu qualifizieren. Das wird noch einige Wochen wehtun.“

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Nachdem Flensburg in den vergangenen beiden Jahren die EHF Finals gewonnen hatte, ist nun eine Saison ohne Titel besiegelt. Golla wollte dennoch nicht von einem Rückschritt in der Entwicklung des aktuellen Tabellen-Dritten der Bundesliga sprechen. Diese Bewertung sei zu hart.
Trainerfrage: Ales Pajovic steht in Flensburg auf der Kippe
Dennoch bleibt fraglich, ob Trainer Ales Pajovic (Vertrag bis 2027) die SG auch in der kommenden Saison betreut. Derzeit deutet mehr auf eine Trennung als auf ein „Weiter so“ hin. Dennoch muss Flensburg erst einmal einen Toptrainer finden. Hartnäckig halten sich die Spekulationen, Ex-Bundestrainer Dagur Sigurdsson könnte den Job übernehmen. Der Isländer ist allerdings auch kroatischer Nationaltrainer (Vize-Weltmeister 2025 und EM-Dritter 2026). Eine Doppel-Funktion scheint wenig realistisch.
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Unklar ist auch, ob die EHF Finals auch im kommenden Jahr und damit zum dritten Mal in Folge in Hamburg stattfinden. Das entscheidet sich voraussichtlich im September, wie die MOPO auf Nachfrage bei der EHF erfuhr. Mit der Veranstaltung und der Stimmung in der Arena zeigte man sich beim europäischen Verband zufrieden, hätte sich aber über eine an beiden Tagen ausverkaufte Arena gefreut. Am Halbfinaltag waren mehr als 1000 Plätze leer geblieben. Dabei hätte das Teilnehmerfeld der Endrunde mit den Nordklubs Kiel und Flensburg, die traditionell sehr viele Fans mitbringen, kaum besser sein können.