Nordlicht Smilla Kolbe und ihr besonderer Weg zur WM nach Tokio

Smilla Kolbe lächelt bei einem Leichtathletik-Wettkampf
Für Deutschland startete Smille Kolbe bei der Universiade und zuvor schon bei der Team-EM.

Bei Leuten, die in Florida leben, erübrigt sich in der Regel die Frage nach dem Wetter. Es ist natürlich ein malerischer Sommertag, als die MOPO Smilla Kolbe telefonisch in ihrer Wahlheimat erreicht, die so perfekt passt zur gebürtigen Niedersächsin. Die 23-Jährige ist aktuell so etwas wie der wärmende Sonnenstrahl der deutschen Leichtathletik – wegen ihres durchweg positiven Wesens, aber vor allem auch aus Leistungsgründen.

2025 ist bisher das Jahr der 800-Meter-Spezialistin. Im Mai knackte sie vor ihrer Haustür in Jacksonville die magische Zwei-Minuten-Marke (1:59,02), im Juni debütierte sie für den DLV bei der Team-EM in Madrid, vor wenigen Wochen in Dresden wurde sie erstmals Deutsche Meisterin. Die am Samstag beginnende WM in Tokio wird jetzt die Kirsche auf der Sahne. Da kann einem schon mal schwindlig werden – muss es aber nicht.

Leichtathletik-Talent Smilla Kolbe lebt nun in den USA

„Irgendwie denke ich da gar nicht so krass drüber nach“, erzählt Smilla Kolbe lächelnd. Ihr Alltag habe sich kaum verändert, „und ich persönlich fühle mich dadurch nicht mehr wert, was vielleicht auch daran liegt, dass ich schon ein wenig älter bin. Ich habe bei vielen Sachen eine innere Ruhe.“ Vermutlich wird auch ihr persönlicher Karriereweg, der so ganz anders ist als sehr viele andere, dabei eine tragende Rolle spielen.

Smilla Kolbe läuft bei einem Leichtathletik-Wettkampf ins Ziel
Beim Zieleinlauf in Dresden kann Smilla Kolbe kaum fassen, dass sie Erste ist.

Kolbe wurde in Brelingen groß, einem Dörfchen bei Hannover, wo ihre Familie weiterhin zu Hause ist. Von Mama Elke, einer passionierten Läuferin, haben Smilla, Zwillingsschwester Jette (spielt Fußball) und Bruder Oskar (verdingt sich im Gym) die Passion für Sport geerbt. Papa Flo gab Smilla das Interesse an Seelenkunde mit auf den Weg. In Jacksonville studiert sie Psychologie (mit Nebenfach Strafrechtlehre) und weiß das in ihrer Karriere gewinnbringend einzusetzen. „Der mentale Aspekt wird manchmal unterschätzt, in Amerika sind sie da gefühlt weiter“, erklärt sie. „Man muss sich überlegen: Du trainierst das ganze Jahr, um auf den Punkt zu performen, und hast dann zwei Minuten Zeit. Das ist schon ein heftiger Druck und mentaler Stress.“

Dem will sich Kolbe, seit Anfang 2022 in den USA, nicht aussetzen – und hat dafür beste Voraussetzungen. „Ich bin in einer Underdog-Position, mich kennt vergleichsweise keiner in Deutschland“, sagt sie und skizziert ihre Herangehensweise, die sich unterscheidet von der vieler anderer Hochleistungssportler: „Ich konnte mich hier in Ruhe entwickeln, konnte schauen, was ich brauche, und habe mir mein eigenes System aufgebaut, ohne abhängig zu sein von meiner Leistung. Ich profitiere extrem davon, dass ich hier voll viel Spaß habe, coole Leute, Sonne, Strand.“ Ihre Uni sei eine sehr kleine und richtig stolz auf sie.

Smilla Kolbe harmoniert bestens mit Trainer Jeff Pigg

Und dann ist da noch ihr Coach, Jeff Pigg mit Namen. „Er hat so viel für mich verändert, glaubt so sehr an mich“, schwärmt Kolbe und stellt eine „sehr vertraute Basis“ heraus: „Ich habe extrem viel Energie, extrem viel Motivation, und da brauche ich jemanden, der mich manchmal ein bisschen zurückhält.“ So eine Zusammenarbeit habe sie noch nie gehabt und auch bei anderen Athletinnen noch nicht gesehen. „Wir machen sehr viel nach Gefühl, ich habe zum Beispiel noch nicht einmal eine Laufuhr. Er kennt mich sehr gut, sieht daran, wie ich laufe, wie es mir geht. Ich bin ja auch noch Studentin und erst Mitte 20, ich habe halt auch mal andere Probleme.“ Darum könne es nicht sein, dass das Training immer vorgehe. „Manchmal lässt er mich einfach in meinem Larifari-Spaß-Land sein“, sagt sie und lacht. „Es gibt einfach eine gute Balance.“

Smilla Kolbe auf einem Leichtathletik-Plakat
Titelseite reserviert: Smilla Kolbe ist der ganze Stolz der Ospreys, dem Sportteam ihrer University of North Florida in Jacksonville.

An der lässt sie bisweilen auch die Öffentlichkeit teilhaben – mit teils krassen Folgen. Kurz vor den Deutschen Meisterschaften hatte sie bei Instagram ein Video gepostet, in das sie sinngemäß folgende Botschaft gepackt hatte: Wenn du dich gut fühlst, obwohl du ein paar Gramm zu viel auf den Rippen hast, mal was Unerlaubtes gegessen oder getrunken oder etwas weniger trainiert, dann lass dir nicht von jemand Externem erzählen, dass du dich nicht gut fühlen darfst. Hör auf deine Stimme, nicht auf andere.

Ein ungewollter Stich ins Wespennest. „Ich war erstaunt, was das für Wellen geschlagen hat“, gesteht Smilla Kolbe. „Mir war nicht bewusst, wie tief dieses Thema bei manchen sitzt. Mein Nachrichtenfach ist explodiert, bei den Deutschen Meisterschaften kamen vier Mädchen zu mir und haben sich bedankt, die eine hat sogar angefangen zu weinen.“ Dass sie dann drei Tage später den Titel holte, „hat natürlich für noch mal mehr Aufmerksamkeit gesorgt. Das freut mich voll.“

Smilla Kolbe wird stets von ihrer Familie unterstützt

Auch die Bilder von den Tribünen bei den Titelkämpfen in Dresden haben untermauert, dass Kolbes Weg nachahmenswert scheint. Ein großer Fanclub hatte die inzwischen für Eintracht Frankfurt startende Athletin frenetisch angefeuert, der erste Weg nach dem Zieleinlauf des Finals führte sie geradewegs in die Arme ihrer Familie. Gänsehaut pur für alle, die auf Sport-Märchen stehen. „Meine Familie gibt mir ein großes Selbstbewusstsein“, unterstreicht Kolbe. In dem Moment hatte sich auch der Verzicht auf den eigentlich obligatorischen gemeinsamen Besuch des „Hurricane“-Festivals in Scheeßel wegen der Wettkampf-Vorbereitung gelohnt.

Smilla Kolbe umarmt ihre Familie nach einem Leichtathletik-Wettkampf
Smilla Kolbe nach dem Sieg in Dresden in den Armen von unter anderem Schwester Jette (M.) und Mama Elke (r.)

Und wie geht es jetzt weiter? „Ich bin noch am Anfang, muss noch viel lernen“, erklärt Kolbe in Bezug auf die bevorstehende WM. „Es reicht halt nicht, einfach nur schnell zu sein. Da kommt viel Neues auf mich zu. Gegen Konkurrenz zu bestehen, die aus den schnellsten Frauen der Welt besteht – da muss ich an der Taktik arbeiten.“ Dass sie durch die Uni-Wettbewerbe schon eine lange Saison in den Knochen hat, „darüber denke ich nicht nach, das hilft mir ja nicht“.

Auch ihre langfristige Planung muss warten bis nach Tokio. Ihre Uni-Zeit in Jacksonville endet Mitte Dezember, was dann kommt, ist noch offen. „Ich will in vielen Dingen professioneller werden, weil ich zu Olympia will in drei Jahren“, erklärt Kolbe. Dadurch, dass alles so gut läuft, gebe es „sehr viele Optionen“, auch der monetäre Bereich entwickelt sich. „Wenn man zur Spitze in Deutschland gehört, kann man schon etwas Geld damit verdienen“, sagt sie.

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Alles andere werde sich später zeigen. „Es ist eine schwierige Entscheidungsfindung, aber wir werden eine Lösung finden“, glaubt Smilla Kolbe. Mit genau der grundpositiven Einstellung, die sie schon so weit gebracht hat im Leben.