NFL statt HSV: Dieser Hamburger steht vor der Chance seines Lebens

Leander Wiegand bei den NFL-Tests
38-mal stemmte Leander Wiegand bei den NFL-Tests die 102 Kilo schwere Hantel nach oben, war damit der stärkste aller Teilnehmer.

Als kleiner Junge stand Leander Wiegand oft am Spielfeldrand im Hamburger Volksparkstadion und schaute ehrfürchtig zum Feld hinauf. „Eines Tages spiele ich hier“, sagte er damals zu seinem Vater – ein Satz, der irgendwo zwischen Kindertraum und fester Überzeugung schwebte. Jahre später hatte sich dieser Wunsch erfüllt, allerdings etwas anders, als vom kleinen Leander einst noch erhofft. 2023 spielte er als Football-Profi mit Rhein Fire gegen die Hamburg Sea Devils im Volksparkstadion vor 32.500 Zuschauern. Auf den einen erfüllten Traum folgt nun der nächste – ein ganz großer. An diesem Wochenende steigt in Green Bay der NFL Draft, bei dem die Klubs aus der besten Liga der Welt, ihre neuen Spieler auswählen. Einer von ihnen könnte Leander Wiegand sein.

Zehn Wochen hat der junge Mann aus Norddeutschland in den USA verbracht, als Teil des renommierten NFL International Pathway Program – ein Sprungbrett für ausgewählte Talente aus aller Welt, die sich mit harter Arbeit, Ausdauer und einem Quäntchen Glück für die NFL empfehlen wollen. Doch wer ist dieser Leander Wiegand eigentlich? Wie wird aus einem deutschen Jungen mit großen Träumen ein ernstzunehmender NFL-Kandidat?

Leander Wiegand kam über Fußball zum Football

Wiegand wurde am 24. August 1999 in Henstedt‑Ulzburg geboren und verbrachte seine Kindheit in Hamburg. Schon früh entdeckte er seine Begeisterung für verschiedene Sportarten: Handball, Judo, Tischtennis und sogar Jiu Jitsu. Das Herz aber schlug damals vor allem noch für König Fußball. Von der Tribüne fieberte er beim HSV mit Rafael van der Vaart & Co. mit.

American Football trat im Teenager-Alter in sein Leben. Mit 16 Jahren führte ihn ein Schüleraustausch nach Oklahoma, wo die intensiven Trainingseinheiten, an denen er teilnahm, Eindruck hinterließen: Plötzlich drehte sich alles um Tackle-Techniken, Sprint-Drills und Spielzüge. Zurück in Deutschland dauerte es nicht lange, bis Wiegand bei den Aachen Vampires landete. In den Neun-Mann-Partien der Jugendliga wuchs er über sich hinaus und sammelte erste echte Football-Erfahrungen.

Der entscheidende Durchbruch folgte beim Camp des Ex-NFL-Profis Björn Werner: Dort sicherte sich Leander ein Stipendium an der University of Central Florida. Drei Jahre lang stand er anschließend in der European League of Football (ELF) für Köln, Rhein Fire und München auf dem Platz, formte seinen Körper und perfektionierte seine Technik als Offensive Lineman. „Am Anfang war ich unglaublich langsam und kraftlos“, gibt er im Gespräch mit der MOPO offen zu. Doch eiserne Disziplin, eiweißreiche Ernährung und der Verzicht auf Partys machten aus dem einst unauffälligen Newcomer einen echten Athleten.

NFL Draft: Familie von Leander Wiegand war skeptisch

Auch seine Familie war zunächst skeptisch. „Ein ziemlich aggressiver Sport“, hätten seine Eltern ihm gesagt, lacht Wiegand, als er ihnen damals von seiner Football-Leidenschaft erzählt hatte. Heute stehen sie voll hinter ihm und besuchen regelmäßig seine Spiele. Auch sein jüngerer Bruder Laurin (24) wurde vom Football-Virus infiziert. Beide spielten lange gemeinsam in einem Team.

Leander Wiegand zeigt eine Deutschland-Flagge
Vier Deutsche spielten zuletzt in der NFL, Leander Wiegand will die Nummer fünf werden.

Der professionelle Höhepunkt kam für Leander im Frühjahr beim International Pathway Program Pro Day in Florida: Nach einem Marathon aus Speed-Tests, Kraftmessungen und Positionsdrills blickte Leander in begeisterte Gesichter der Scouts, wurde mit Fragen überhäuft und spürte erstmals, wie real der Traum von der NFL tatsächlich ist. „Gänsehaut pur“, beschreibt er diesen Schlüsselmoment.

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Nun heißt es abwarten und „einfach dem Universum vertrauen“, wie Leander sagt. „Normalerweise möchte ich immer selbst die Kontrolle haben“, gibt er zu, doch nach all der harten Arbeit überlässt er nun das Schicksal dem Draft. „Ich freue mich riesig und habe mein Telefon schon auf Lautsprecher.“ Das soll den jungen Mann, der in Hamburg groß wurde, herausziehen in die große Welt, von der der kleine Leander im Volksparkstadion niemals zu träumen gewagt hätte.