Neuer Rothenbaum-Boss glaubt an Zverev und macht Hoffnung auf Stars
Alles hört auf sein Kommando. Als die MOPO am Dienstag das Gelände des altehrwürdigen Tennis-Stadions am Rothenbaum betritt, herrscht hektisches Treiben überall. Unzählige Trucks und Dutzende Arbeiter wuseln herum, damit dort, wo seit 1887 das Hamburger Tennis-Herz schlägt, alles glänzt bei der Premiere von Enric Molina, dem neuen Turnierdirektor am Rothenbaum.
An diesem Samstag beginnen mit den Qualifikations-Matches die Hamburg Open, die acht Tage später ihren Champion finden – auf dem Center Court, dort, wo der Spanier Molina gerade noch zwei, drei Anweisungen gibt, bevor er sich Zeit nimmt für die MOPO. Molina, 50 Jahre alt, sprüht vor Tatendrang, sein Lächeln wirkt nicht aufgesetzt. Gerade erst ist er aus Wimbledon zurückgekehrt. Er habe dort viele Gespräche mit Spielern geführt, die geschwärmt hätten von Hamburg. „Es ist ein fantastisches Stadion in einer fantastischen Stadt“, sagt Molina. „So voll von Geschichte.“
Molina muss mit kurzfristigen Absagen leben
Der Haken an der Sache: Nicht jeder Star, der sich so begeistert zeigt, wird in der kommenden Woche auch aufschlagen in Hamburg. Der Italiener Lorenzo Musetti zum Beispiel sagte kurzfristig ab, nachdem er in Wimbledon ins Viertelfinale eingezogen war. Mit dem Dänen Holger Rune und dem Argentinier Sebastián Báez werden damit nur zwei Top 20-Spieler sicher am Rothenbaum dabei sein.
Plus Alexander Zverev? Das ist die ganz große Frage so kurz vor dem Turnier. Der Titelverteidiger hat sich in Wimbledon am Knie verletzt. Ein Knochenödem und eine Kapselzerrung – zugezogen bei einem Sturz in seinem Drittrundenmatch gegen den Briten Cameron Norrie – führten nach zuvor glänzenden Leistungen zum Achtelfinal-Aus gegen Taylor Fritz. Und das Bangen um Zverevs zugesagten Start in seiner Heimatstadt ist groß. Kaum ein Experte glaubt daran, dass der French-Open-Finalist wirklich hier spielen und so kurz vor Olympia eine ernstere Verletzung riskieren wird. Molina ist eine Ausnahme. Er stehe in ständigem Kontakt mit Zverev. „Ja, wir zählen zu 100 Prozent auf ihn. Hamburg ist Saschas Heimatstadt. Er liebt dieses Turnier. Wir freuen uns darauf, ihn am Dienstag bei uns zu begrüßen“, sagt Molina.
Worte aus voller Überzeugung oder Worte, die ein Turnierdirektor sagen muss, solange die Hoffnung auf einen Start besteht? Es bleibt offen. Aber eines ist klar: Ein Fehlen von Zverev, dem großen Aushängeschild des Turniers, wäre ein Tiefschlag.
Konkurrenz-Turniere in Schweden und der Schweiz
Hamburg konkurriert in dieser Woche mit den Sandplatz-Turnieren in Båstad (Schweden) und Gstaad (Schweiz). In Hamburg wird ein Preisgeld von rund zwei Millionen Euro ausgeschüttet, bei den Konkurrenzveranstaltungen geht es um rund 600.000 Euro. In Hamburg bekommt der Sieger 500 Weltranglisten-Punkte, in Båstad und Gstaad gibt es die Hälfte. Dass angesichts dieser Zahlen in Schweden mit dem Russen Andrey Rublev und dem Norweger Casper Ruud dennoch zwei Top-Ten-Spieler zugesagt haben – plus der spanischen Legende Rafael Nadal – und dass die Stars Stefanos Tsitsipas und Félix Auger-Aliassime lieber in Gstaad aufschlagen als in Hamburg, verwundert.
Molina sieht den Grund dafür in dem besonderen Termin – direkt vor den Olympischen Spielen. Man habe in Hamburg insgesamt „das wettbewerbsfähigste Feld“, sagt Molina. „Einige Spieler überlegen sich daher schon, ob es woanders nicht leichter ist, weit zu kommen, um mehr Matches auf Sand vor Olympia absolvieren zu können.“ Teil der Wahrheit ist aber auch, dass Top-Spieler und Legenden wie Nadal nur mit sechsstelligen Antrittsgagen zu ködern sind. Die Chefs aus Båstad sind offenbar aggressiver an die Managements der Spieler herangetreten.
Auch Molina hat in Wimbledon noch gekämpft. Mit Carlos Alcaraz habe er gesprochen, mit Novak Djokovic auch. „Selbstverständlich“, sagt der Mann, der einst der vielleicht beste Stuhl-Schiedsrichter der Welt war, bevor er vor zehn Jahren seine Management-Karriere im Tennis startete, die ihn schließlich zu Tennium führte, dem Unternehmen mit Sitz in Barcelona, das neben den Hamburg Open zahlreiche weitere Tennis-Events, darunter den Davis Cup, organisiert. Solche Verbindungen können helfen. Die Betonung aber, sie liegt auf können. „Ich möchte keine falschen Erwartungen wecken. Aber natürlich haben wir diese Gespräche geführt und nun schauen wir, wie die Entscheidungen ausfallen werden“, sagt Molina mit Blick auf Alcaraz und Djokovic.
Realistisch betrachtet aber wird es dabei bleiben, dass die Wildcards für das Turnier an deutsche Spieler gehen. Daniel Altmaier und Henri Squire haben die ersten beiden der vier „Freifahrtscheine“ fürs Hauptfeld erhalten. Ein Kandidat für eine weitere Wildcard ist Rudi Molleker, der in Hamburg schon mehrfach begeisterte. Dominik Koepfer ist als Nummer 66 der Welt gerade noch so fürs Hauptfeld gesetzt. Dass mit Jan-Lennard Struff und Yannick Hanfmann zwei Davis-Cup-Spieler lieber in Gstaad starten als in Hamburg, habe ihn „nicht geärgert“, versichert Molina: „Natürlich hätten wir sie gern hier gehabt, aber jedem steht es frei, seine Entscheidung zu treffen. Und ihnen kommen die Bedingungen in der Höhe eher entgegen.“
Der neue Boss, er will nicht hadern, er will sich freuen auf Stars wie den französischen Ballkünstler Gaël Monfils, der überall auf der Welt als Publikumsmagnet taugt. Und darauf, dass er den Fans auf der Anlage ein First-Class-Erlebnis schafft. „Es wird eine spektakuläre Fanzone mit Aktivierungsmöglichkeiten geben, es wird Musik geben, es wird eine riesige Leinwand geben und natürlich ein fantastisches Essens- und Getränkeangebot“, sagt Molina, dessen Augen längst wieder leuchten. Vor allem das VIP-Angebot habe man so erweitert, dass ihm viele Kenner des Turniers bescheinigt hätten: „So etwas gab es hier noch nie.“
Rothenbaum-Tickets „fast ausverkauft“
Der Run auf die Tickets hatte bereits im November begonnen. Die Abschlusstage von Freitag bis Sonntag seien „fast ausverkauft“, sagt Molina, dem eine starke Preissegmentierung wichtig war. So gibt es ermäßige Tickets für den Quali-Samstag ab 16,50 Euro, während das teuerste VIP-Paket für die komplette Woche für stolze 2737 Euro zu haben ist.
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Wer so viel Geld bezahlt, der möchte entlohnt werden – mit „fantastischem Tennis“. Molina weiß das. Und verspricht im Gespräch mit der MOPO genau das. Dann packt er wieder an. Die letzten Arbeiten auf dem Center Court warten. Aber eine letzte Bitte hat er noch, der Mann aus Barcelona. „Bitte“, sagt er. „Bitte sagen Sie mir nach dem Turnier, wie Sie es fanden und was wir vielleicht besser machen können.“ Denn auch in den kommenden vier Jahren wird Tennium der Veranstalter am Rothenbaum sein. Dann aber nicht mehr im Juli, sondern im Mai – direkt vor den French Open. „Der Termin“, sagt Molina, „er wird noch besser passen.“ Dann geht er. Und strahlt.