„In einer Blase gelebt“: Beach-Queen Laura Ludwig über neues Leben – und die HSV-Wahl
Es ist ein neues Leben und Laura Ludwig muss sich auch nach einigen Monaten erst noch darin zurechtfinden. Das, worum sich in den vergangenen 20 Jahren alles drehte und worauf alles ausgerichtet war, ist nicht mehr da: Beachvolleyball. Im Sand hat sie alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt – und noch mehr. Die Hamburgerin ist Ende vergangenen Jahres nicht nur als eine Ikone ihres Sports abgetreten, sondern als deutsche Sport-Legende und Publikumsliebling. Das wird bleiben. Und jetzt?
Zeit ist immer noch ein rares Gut im Leben von Laura Ludwig. Wer glaubt, die Beach-Queen habe nach ihrem Karriereende reichlich davon und langweilt sich gar in ihrem Haus mit Garten im beschaulichen Halstenbek, der irrt gewaltig. Die 39-Jährige ist mehr denn je in ihrer Rolle als zweifache Mutter gefordert und gerade dabei, sich eine Karriere abseits der sandigen Courts aufzubauen. Ihre Kandidatur für das Präsidium des HSV gehört dazu. Für die MOPO hat sich die Olympiasiegerin gerne Zeit genommen, um über ihr erstes Jahr ohne Beachvolleyball zu sprechen, über Freiheiten, Entzugserscheinungen, Projekte und die schwierige Suche nach einer neuen Aufgabe, die sie ausfüllt. Gut möglich, dass eine gar nicht reicht.
Laura Ludwig vermisst Beachvolleyball „überhaupt nicht“
Ob es sie nicht täglich in den Fingern kribbele und jucke, jetzt, wo der Sommer so richtig Einzug erhält in Hamburg und regelmäßig bestes Beachvolleyball-Wetter herrscht? „Ich vermisse Beachvolleyball überhaupt nicht im Moment“, sagt Ludwig und findet das selbst ein bisschen komisch. „Das hätte ich so nicht gedacht. Aber man weiß ja nicht so genau, wie es wird und sich anfühlt, wenn man aufhört.“ Wobei sie zugibt: „Wenn ich dann mal einen Ball in die Finger bekomme und zocke, dann kann ich nicht aufhören!“ Sie lacht ihr Laura-Lachen.
Echte Entzugserscheinungen, Wehmut oder gar Zweifel, ob sie nicht doch noch eine Saison hätte dranhängen sollen, gebe es nicht, versichert Ludwig. „Es geht mir richtig gut ohne Beachvolleyball.“ Dabei meint die Weltmeisterin von 2017, viermalige Europameisterin und siebenmalige Deutsche Meisterin weniger das geliebte Spiel im Sand, sondern vielmehr das Leistungssportlerleben. „Es ist schön, nicht mehr jeden Morgen ackern zu müssen, nicht mehr von Turnier zu Turnier gucken, aus der Sporttasche leben und durch die Gegend reisen zu müssen und sich dauernd von der Familie zu verabschieden.“
Sie genießt es, deutlich mehr Zeit für ihre Söhne Teo (fast 7) und Lenny (3) und Ehemann Imornefe „Morph“ Bowes zu haben und „viel von mir in die Familie reinzugeben“, wie Ludwig betont, „oder einfach mal beim Geburtstag der besten Freundin dabei zu sein, was nie möglich war.“ Sie kann andere Sportarten ausprobieren, ohne sich oder das Trainerteam zu fragen, ob das dem Beachvolleyball-Bewegungsablauf schadet oder ob es gar ein Verletzungsrisiko gibt. Einfach machen. Vermeintlich kleine Dinge von großer Bedeutung. Normales Leben nach der Ausnahme-Karriere. Das tut ihr gut. Es ist erfüllend, aber nicht ausfüllend.
Olympiasiegerin Ludwig auf der Suche nach einer Aufgabe
Loslassen vom aktiven Sport ist das eine. Eine neue Aufgabe finden, eine Berufung und einen Beruf, das andere. „Am Anfang hat mich das echt gestresst“, gibt Ludwig zu. „Ich habe mich zu sehr unter Druck gesetzt. Ich musste mich erst lockermachen, um wirklich offen zu sein für Neues.“ Denn etwas Neues soll und muss kommen. „Ich habe das Gefühl, dass ich noch viel zu geben und zu teilen habe.“
Wie? Und wo? Was will ich? Was kann ich am besten? Was macht mir am meisten Spaß? Und nicht zuletzt: Womit kann ich Geld für den Lebensunterhalt verdienen? Fragen, die sie sich stellt. „Ich bin noch auf der Suche und muss herausfinden, was ich machen möchte und wo ich meine ganze Energie reinstecken will“, beschreibt Ludwig den Status quo. „Im Moment bin ich viel unterwegs, bilde mich fort, sauge viel auf, lerne Neues und bin manchmal erschlagen von dem ganzen Input.“ Auch wenn sie jahrelang um die Welt gejettet ist, in unzähligen Ländern auf diversen Kontinenten gespielt und an fünf Olympischen Spielen teilgenommen hat, war der Horizont doch oft eingeschränkt, zum Tunnelblick verengt. „Ich habe die meiste Zeit in einer Blase gelebt, der Beachvolleyball-Blase“, reflektiert sie rückblickend.
Ludwig ist mittlerweile als Speakerin aktiv, hält Vorträge (Titel: „Geht nicht, gibt’s nicht“) und möchte sich in dieser Rolle „etablieren“, wie sie sagt, denn „mit Challenges und mentaler Stärke kenne ich mich nun wirklich aus. Da kann ich einiges weitergeben.“ Sie hat in den vergangenen Monaten bei Basketball-Topklub Alba Berlin hospitiert, am „High Performance Sports Institute“ in Hamburg ein Führungskräfte-Zertifikat erworben und ist in die Olympia-Bewerbung ihrer Wahl-Heimat involviert. Statt Beachvolleyball-Bikini trägt sie nun häufiger Business-Outfit.
Laura Ludwig kandidiert auch für das HSV-Präsidium
Aktuellstes Vorhaben ist ihre Kandidatur für einen Posten im Präsidium des HSV. An diesem Samstag wird gewählt. „Das finde ich sehr spannend, weil ich selbst aus dem Spitzensport komme und mich einbringen möchte. Der HSV ist ja so viel mehr als Fußball“, sagt Ludwig, die jahrelang für den Verein mit der Raute gespielt hat, Aushängeschild und Sympathieträgerin war. „Ich möchte mehr Verbindungen schaffen zwischen den Sparten und Sportarten und könnte auch repräsentative Aufgaben übernehmen.“ Sie hätte „Bock auf die Aufgabe“, die sie realistisch als „learning by doing“ sieht. Ihre Chancen bei der Wahl könne sie nicht so richtig einschätzen, obwohl sie bislang „sehr viel positives Feedback“ bekommen habe, sagt Ludwig, aber eines sei ihr wichtig: „Ich kandidiere nicht gegen andere, sondern mit anderen. Ich bin Teamplayerin.“
Einen Job im Beachvolleyball schließt Ludwig für die Zukunft nicht aus, wobei sie nicht als Trainerin eines professionellen Teams arbeiten möchte, um nicht direkt wieder in dem in den gleichen Strukturen und Abläufen zu stecken, die sie gerade erst hinter sich gelassen hat. „Ich könnte mir vorstellen, in beratender Funktion für ein Team tätig zu sein“, sagt die zwölfmalige Beachvolleyballerin des Jahres, „oder am Court mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten.“
Sie ist auf dem Laufenden und verfolgt das nationale und internationale Beachvolleyball-Geschehen „intensiv“, wie sie sagt. „Abstand brauche ich nicht.“ Ludwig hat immer mal wieder Kontakt zu ihrer ehemaligen Teampartnerin Louisa Lippmann, die jetzt mit Linda Bock ein Duo bildet. „Ich bin in erster Linie Beobachterin, aber wenn Louisa möchte, dann gebe ich meinen Input“, sagt Ludwig. Das sei schon vorgekommen. „Louisa liegt mir am Herzen, ist doch klar. Wir haben schließlich zwei intensive Jahre Seite an Seite erlebt. Ich hoffe, dass sie erfolgreich ist und ihre Ziele erreicht.“
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Wenngleich Ludwig mittlerweile vorrangig Kopfarbeit leistet, ist sie auch weiterhin körperlich regelmäßig gefordert, muss manchmal Höchstleistungen bringen und stößt das ein oder andere Mal sogar an ihre Grenzen: in der „Ludwig-Arena“, dem eigenen Garten. „Ich habe mich neulich mit meinen Jungs total auf dem Trampolin verausgabt, die haben der Mama alles abverlangt“, erzählt sie lachend und fügt seufzend an: „Teo und Lenny sind totale Energiebündel.“ Von wem sie das wohl haben?